BG Kritik:

Der Marsianer


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

The Martian (US 2015)
Regisseur: Ridley Scott
Cast: Matt Damon, Jeff Daniels, Jessica Chastain

Story: Als die Vitalfunktion seines Anzuges inmitten eines Sturmes kaputtgeht, halten die abreisenden Kollegen des Astronauten Mark Watney diesen für tot - und brechen ohne ihn auf. Jetzt muss Watney überleben, bis ihn jemand wieder auflesen kann...

Matt Damon im All, Teil 2.

Der Prometheus Regisseur dreht als nächstes Prometheus 2


War Matt Damon nicht vor kurzem erst im All verloren gegangen? Bereits in Interstellar von Christopher Nolan fand man ihn auf einem fernen Planeten gestrandet. Grimmig und pragmatisch setzte seine Figur alles daran, von dem menschenfeindlichen Ort gerettet zu werden. In Der Marsianer ereignet sich theoretisch recht ähnliches, doch es passiert einer gänzlich anderen Figur. Botaniker Mark Watney ist offenherzig, optimistisch und so entspannt, als wäre er Student auf einer Exkursion. Diese freundlich zugängliche Attitüde ist es, die nicht nur diese völlig andere Rolle Matt Damons ausmacht – sie bildet das Fundament des Films.

Eigentlich hätte man annehmen dürfen, dass der Regisseur von Alien und Blade Runner Extravaganteres aus einem derartigen Szenario machen würde. Zu erwarten war, dass Watney auf dem Mars auf Aliens trifft, gegen wild gewordene Technologie ankämpft, er wahnsinnig wird, halluziniert oder eine höhere Bewusstseinsebene erreicht. Von all diesen aufregenden Elementen hielten Script und Buchvorlage jedoch nicht viel, und selbst im Vergleich zu Gravity hält man sich maßgeblich zurück, was die Dramatik des Überlebenskampfes an sich betrifft. Zwar gibt es ständig neue, lebensgefährliche Konflikte, doch Watneys gelassene „wird schon irgendwie“ Einstellung entdramatisiert viele mögliche Thrillermomente. Es bleibt meist dabei, wie Watney schraubt, er Kartoffeln anbaut und die Discomusik seiner Kollegin hört.

Damon ist für seine Rolle für den Oscar nominiert, was ehrlich rätseln lässt. Aufgrund der unsterblich guten Laune bleibt er die gesamte Handlung über der Unterhalter, und man hört ihm gern zu, wenn er über Wissenschaft spricht oder seine Lösungsansätze erklärt. Allein für das Wirken des Films, junge Leute derart positiv für Wissenschaft und Raumfahrt begeistern zu können, gebürt ihm jede Menge Lob ausgesprochen. Verglichen mit Scotts eigenem Prometheus ist es darüber hinaus höchst über alle Maße löblich, alle Figuren durchdacht und intelligent angelegt zu sehen, nicht hollywood-dumm, um den Plot artifiziell voranzutreiben. Die Probleme, die hier auftreten, wirken ebenso realistisch wie die Art, wie damit umgegangen wird. Auf Dauer werden die fast 2 einhalb Stunden lässigen Schulterzuckens allerdings nach und nach monoton. Das Fehlen eines wirklichen Antagonisten entspannt, doch die Vermeidung der Eskalation von Zweifeln, Angst, Wahnsinn, kurzum alles, was Tom Hanks‘ Cast Away zu einem emotional mitreißenden Event machte, lässt so wenig Tiefgang zu wie der Mars-Sand.

Nach Soldat James Ryan und Interstellar wird Matt Damon schon wieder gerettet


Glücklicherweise verzichtet Der Marsianer auf Flashbacks zu Watneys seligem Familienleben oder Flashforwards zu seiner eventuellen Rettung, doch die Alternative dazu ist nicht viel besser. Zahlreiche bekannte Gesichter wie Kristen Wiig, Chiwetel Eijofor, Jeff Daniels, Sean Bean und Donald Glover reichen sich die Hände als hoffende, helfende NASA-Angestellte, während sich Watneys Crew bestehend aus Jessica Chastain, Michael Pena, Kate Mara und Sebastian Stan kühl mit einzubringen versucht. Beides sind Nebenplots, die das jeweils Offensichtliche durchlaufen, dabei aber nichts Brauchbares, keine denkwürdigen Figuren liefern. Für einen Moment lang darf Glover als chaotisches Genie auffahren, darf Mara eine Beziehung zu einem Kollegen andeuten, dürfen sich Bean und Daniels kurz streiten. Es bleiben jedoch belanglose, wenig einnehmende Nebengeschichten, die immer wieder vom Eigentlichen ablenken.

Für den über 70jährigen Scott war die Mammutproduktion, wie er selbst sagt, ein Klacks zu drehen. Der versierte Blockbuster-Veteran kennt sich natürlich im Schlaf mit derartigen Filmen aus, doch obwohl dem Film technisch nichts zu beanstanden ist und er insbesondere von der Mars-Oberfläche bemerkenswerte Bilder liefert, wirkt die gesamte Rettungsmission Watneys im Großen und Ganzen eher oberflächlich. Fiel er Scott womöglich derart leicht, weil er selbst nur leichtherzig bei der Sache war? Bei einem Film, der Scotts bisher erfolgreichster wurde und darüber hinaus 7 Oscar Nominierungen einsacken konnte, scheint der Gedanke töricht. Wie kann man so einen Erfolg lapidar inszeniert haben?

Andy Weirs Roman von 2011 hatte prinzipiell bereits vergleichbare Probleme, vertiefte den Aspekt der Problemlösungen aber weitaus mehr, sodass das weniger auffiel. Auch nahm seine Handlung im Buch mehr Raum ein als die für den Film aufgeblasenen Nebenplots der Kollegen im Schiff und auf der Erde. Vielleicht wäre der Film als solches um einiges spannender geworden, wäre die gesamte Handlung bei Watney geblieben. Sein Lebenszeichen und die übrigen Kontakte mit den anderen fallen so viel uninteressanter aus, wird jedes Mal die Gegenseite gezeigt und genauestens verraten, wie sie darauf reagieren und was verstanden wird. Alternativ wäre es womöglich auch spannender gewesen, ihn im Film bis zur Entdeckung seines Lebenszeichens für tot zu erklären und nicht zu zeigen, dass er eigentlich überlebt hatte. So erklärt und zeigt Der Marsianer zu oft zuviel, streicht sämtliche Überraschungen und lässt alles absehbar werden.

Fazit:

Technisch exzellent angelegte Rettungsmission eines charismatischen Astronauten, die allerdings sehr viel spannender, emotionaler oder sonstwie tiefergehender hätte ausfallen können. Der Marsianer bleibt ein anständiger, aber nicht sonderlich einprägsamer Ausflug ins All. Vor allem aus den Händen des Schöpfers von ikonischen Meisterwerken wie die besagten Alien und Blade Runner gab es schon Denkwürdigeres zu sehen.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

Dir gefällt BG? Unterstütz uns mit einem Klick auf

> Lies alle Meinungen zum Film! (226)

bereitsgesehen.de - Lass uns über Filme sprechen! - Home - Kritiken - Community - Specials - Impressum
Copyright 2017 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich