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Kritik:
Der Medicus


von Michael Herbst

The Physician
(2013)
Regisseur: Philipp Stölzl
Cast: Tom Payne, Ben Kingsley, Stellan Skarsgard

Story:
England, Mittelalter. Der wissensbegierige Rob sieht den Tod seiner Mutter voraus, kann ihn jedoch nicht mehr verhindern. Unter die Fittiche genommen von einem reisenden Arzt, lernt Rob vieles von dem zu der Zeit in Europa noch wenig bekannten Medizinerhandwerk. Weil ihm das erreichte Wissen aber längst nicht genügt, reist er weiter nach Indien, wo er dem berüchtigten Lehrmeister Ibn Sina sucht. Der soll der bekannteste, aber auch kontroverseste Ausbilder der Welt sein...

Kritik:
Dass aus Europa auch hervorstechende Romanverfilmungen von historischen Stoffen stammen können, kann man dem deutschen Fernsehprogramm mit seinen pathetischen Privatsender-Projekten leider selten zugestehen. Ins Kino verirren sie sich noch seltener, doch obgleich es immer mal Nieten wie "Die Vermessung der Welt" gibt, ist die Quote erträglicher Ergebnisse auf der großen Leinwand weit besser justiert. "Das Parfüm" mit Dustin Hoffman gab's und gilt seit langem als einer der Vorzeigetitel, der auch so manch teure Hollywood-Produktionen überbietet.  

Noah Gordons Bestseller ist hierzulande mindestens so bekannt wie Patrick Süskinds, für eine Umsetzung in zwei bis drei Filmstunden aber ein verdächtig umfassendes Werk. In seinem beinahe 900 Seiten langen Roman schreibt Gordon nicht nur eine aufregende Weltreise, sondern beschäftigt sich detailreich mit den langen Reisen, mit verschiedenen Glaubensvorstellungen, kulturellen und sozialen Aspekten, mit Aberglauben, gegensätzlichen wissenschaftlichen Ansichten und politischen Auswirkungen. Eine Liebesgeschichte darf nicht fehlen, ebenso Verfolgungen und Intrigen. Im Mittelpunkt steht jedoch über allem die Veranschaulichung des damaligen Lebens, die in Buchform dessen Erfolg ausmachte.

Stölzls gestauchte Filmumsetzung ist im Großen und Ganzen brauchbar geworden, wird aber jeden Leser ein klein wenig in Unmut stürzen.

Tom Payne gibt einen soliden jungen Wissenschaftler ab, der auf seiner Reise durch neue Grenzen und Exotik das typische Heldenbild erfüllt. Er fällt nicht besonders auf und ist lange kein Lawrence Olivier, hat aber einen Sinn für Charisma und trifft die nötige Ernsthaftigkeit, sodass man ihn als Mentor unterrichten wollen würde. In den Rollen diese fühlen sich Stellan Skarsgard und Ben Kingsley wohl, der eine als verschroben lustig, der andere streng und weise. Beiden ist aber bewusst, dass Der Medicus kein Oscar-Titel ist und so sind sie nicht motivierter als bei ihren jeweiligen Marvel Auftritten im letzten Kinojahr.

Was die inhaltlichen Stärken des Romans betrifft, hatte Stölzl offen gesagt nie eine Chance, diese fair zu übertragen. Es hätte bedeutet, dass er einige Aspekte streichen und sich dafür auf manche hätte konzentrieren müssen, aber da er in 2,5h fast alles aus dem Buch abarbeiten will, bleibt alles leicht verdaulich. Schnell gelöste Konflikte, oft nur kurz angesprochene Themen, leichte Beziehungen. Darunter leidet insbesondere Emma Rigby, deren hinzu erfundene weibliche Hauptrolle keine große Bedeutung erhält, aber viel mehr die Tiefe, die das Buch sonst bot. Als Zuschauer des Films ist man demnach eher in der Touristenrolle, die von einem Führer rasch von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit gebracht wird, während man im Buch eher Einzelreisender bleibt, der so richtig in das persische Abenteuer hineinversetzt werden kann. Stölzl greift bei der Gelegenheit auch zum Bügeleisen und glättet alle Denkanstöße für provokantere Themen. Ein weiteres Manko ist der Antrieb des Helden. Er will ein Mittel gegen Blinddarmentzündung finden, was löblich, für Drama aber nicht der stärkste Antreiber ist. Action gibt es absehbar wenig, und da auch die Romanze nicht mehr Konsequenz erhält, bleibt eine unverkennbare Oberflächlichkeit.

Austattungstechnisch braucht sich der Film trotz seines rund 25 Millionen Euro großen Budgets nicht vor der Konkurrenz zu verstecken. An vielen authentisch wirkenden Plätzen gedreht, ist Der Medicus eine sehenswerte Produktion geworden. Nur an den irgendwie an TV-Film erinnernden Look der Bildqualität und Ausleuchtung gilt es sich zu gewöhnen, sowie an oft nur mäßige Computereffekte. 

Fazit:
Triviale, vereinfachte Verfilmung des beliebten Historienromans. Da der Roman vieles malerisch vertieft was der Film nur anschneidet, darf man ihn als gelungene Werbung für das intellektuell zufrieden stellendere Buch verstehen. Liest man aber ohnehin nicht gern und will nur ein Wüstenabenteuer, erfüllt der Medicus das durchaus passabel.   

6,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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