Kritik:
Der Plan
von
Christian Westhus
THE
ADJUSTMENT BUREAU
(2011)
Regie: George Nolfi
Darsteller: Matt Damon, Emily Blunt
Story:
Der junge, dynamische Politiker
David Norris lernt eine mysteriöse
Frau kennen, die ihm neue
Inspiration verleiht. Doch eine
Gruppe mysteriöser Männer agiert im
Hintergrund und scheint Norris’
Leben gezielt zu beeinflussen, denn
in den Vorstellungen der Männer
spielt die hübsche Fremde keine
Rolle.
Dank an Universal Pictures
International Germany GmbH
Kritik:
Ein junger Politiker befindet sich im
Aufwind, ist beliebt, blickt einer
aussichtsreichen Karriere entgegen,
bis plötzlich Jugendsünden einen
Strich durch die Rechnung machen.
Das klingt hierzulande aktuell
natürlich nach einem adligen
Ex-Doktor, aber auch die USA haben
so ihre Erfahrungen mit Senatoren
und Congressmen, die sich selbst ein
Bein stellen und ausbremsen, um die
Sache weniger übermütig anzugehen.
Eine von vielen interessanten
Überlegungen, die „Der Plan“
anstellt, ist nun, dass es eine
Vereinigung gibt, die all die
Erfolge und Rückschläge einer Person
steuert, um den großen Masterplan zu
befolgen. David Norris (Damon)
findet nach dem unerwarteten
Rückschlag seine Muse, schöpft neuen
Mut zur Veränderung, zur
Optimierung, verliert besagte Muse
jedoch sofort wieder aus den Augen.
Wer im Vorfeld über den Namen Philip
K. Dick gestolpert und einigermaßen
in Literatur (und Film) bewandert
ist, ahnt natürlich, dass hinter dem
Verschwinden, ebenso wie hinter den
plötzlich auftauchenden belastenden
Jugendfotos, mehr steckt, Größeres
steckt.
Auftritt der putzigen Anzugträger,
mit den lange Zeit eher albern
wirkenden Hüten und den
bedeutungsvollen Dialogen. Der
gesamte Film verweigert sich visuell
zum größten Teil rigoros
irgendwelchen Science-Fiction
Outings und so stapfen die Männer in
Nadelstreifen mit strengem Blick
durch die Stadt und schrammen in
ihrer FBI-Klischee-Montur oftmals
nur haarscharf an der unfreiwilligen
Komik vorbei. Schon nach wenigen
Minuten lichtet sich jedoch der
Schleier des Ungewöhnlichen, des
Mysteriösen, den die Männer tragen,
und gibt sein Geheimnis nur all zu
offen preis. Man, das sind in diesem
Falle die verantwortlichen
Filmemacher, war wohl nicht der
Meinung, aus den überweltlichen
Strippenziehern im Hintergrund
irgendwie eine bedrohliche,
unheimliche Macht oder Verschwörung
zu machen. Jedenfalls nicht lange.
Die Herren im feinen Zwirn
kontrollieren die Zukunft, können
die Umgebung ein wenig beeinflussen
und kennen verblüffende Abkürzungen
durch den verwinkelten Großraum New
York City. Und damit es auch der
Letzte kapiert, darf sich Matt Damon
alle paar Minuten erklärende Dialoge
anhören, die die zukünftigen Ver-
und Entwicklungen, die Gefahren und
Möglichkeiten, neue Fähigkeiten oder
die Firmengeschichte
entmystifizieren. Hilfestellungen
sind bei diesem spirituellem
Fantasy-Einschlag auch dringend
notwendig, aber Damon/Norris weiß zu
schnell über die Sachlage bescheid
und mit ihm auch der Zuschauer. Eine
wirkliche Bedrohung oder ein
intensiveres Spannungselement geht
dem Film damit verloren.
Wirklich erfassbar oder frei von
Widersprüchen werden Plan und
Durchführung des Regulierungsbüros
dabei jedoch auch nicht. Was in der
einen Szene noch unkompliziert und
schnell ging, erweist sich beim
nächsten Versuch, die vorbestimmte
Zukunft für David Norris zu formen,
als ungeheuer schwierig. Die
Möglichkeiten und Fähigkeiten der
Regulierungsbeauftragten variieren
und häufig scheint es, als machten
sie sich das Leben selbst unnötig
schwer. Da wird ihnen schließlich
sogar eine Schwäche, eine Art
Kryptonit, angedichtet, weil
Handlung und Drehbuch einfach mal
dringend Ruhe von der permanenten
Kontrolle brauchten. Regisseur,
Produzent und Drehbuchautor George
Nolfi fokussierte sich so sehr auf
das menschliche Element, dass das
Regulierungsbüro zum großen
Manipulator für Menschen, Emotionen
und Gedankenspiele wird, nicht
unbedingt zur zentralen
Handlungsmysterium, welches es zu
enttarnen gilt. So weit, so
konstruiert und dabei zumeist
tatsächlich faszinierend und
kurzweilig unterhaltsam, weil der
menschlich-spirituelle Faktor
durchaus was zu bieten hat.
Motivation des elegant gekleideten
Reigens ist der Romantikaspekt.
Davids Suchen und Festhalten der
Muse, der quirligen Elise, die ihm,
und damit Damon, zunächst in jeder
Szene die Show stielt. Emily Blunt
hat durchaus Charme, solange ihre
Elise nichts von der großen
Weltverschwörung weiß. Gerade die
ersten beiden Treffen wirken
sympathisch, glaubhaft und gewitzt,
gerade angesichts der sonstigen
Knirschdialoge, die sich in der
Haupthandlung immer mal wieder
einschleichen. Die Beziehung wird
von besagter Verschwörung aber
natürlich ebenso beeinflusst und so
geht es irgendwann nur noch hin und
her. Ein ständiges Gerenne und
Verstecken, mit einer Hauptfigur,
die ständig im Stress ist und
dadurch fahrig wirkt, während die
Anzugträger mit den hübschen Hüten
eifrig bemüht sind, die Ordnung
wiederherzustellen. Die Bindung
zwischen David und Elise springt bei
all dem Tempo und den ständigen „Ach
übrigens, das noch…“ Erklärungen der
Firma tatsächlich über. Das ist auch
enorm wichtig, weil mit der Romanze
der gesamte Film steht und fällt.
Wirklich interessant wird diese, und
damit der Film an sich, durch das,
was der Einfluss der grauen Herren
bewirkt und bedeutet.
Spannender und mysteriöser hätte es
sein können und für einen wirklichen
religiös-philosophischen Diskurs
fehlt dann doch Tiefe und
Entschlossenheit, aber statt am Ende
mit mehr Fragen als Antworten, sowie
einer kruden Auflösung dazustehen,
wie es der ähnlich gelagerte „The
Box“ vormachte, nutzt „Der Plan“
sein Potential für einen
Unterhaltungsfilm doch erstaunlich
gut. Mit der Firma beschwört die
Handlung einen ganzen
Diskussionskosmos über
Determinismus, den freien Willen und
göttlichen Einfluss herauf, denn im
Prinzip ist die Firma genau das,
Gott. Ein Gott-Kollektiv mit dem
Wissen über Vergangenheit und
Zukunft, mit Menschen als
Spielfiguren, als Rädchen im großen
Uhrwerk des Lebens. Selbst für den
Zufall ist noch Platz und damit
bereitet „Der Plan“ die Bühne für
theologische Grundsatzdiskussionen,
vom Universalplan, über Schicksal,
bis hin zur zentralen
Theodizee-Frage, die auch der Film –
in eher platter Art und Weise –
direkt aufgreift. Es ist ungeheuer
faszinierend und zumindest anregend,
sich mit den Ansätzen und
Andeutungen zu beschäftigen. David
und Elise werden als Spielball zum
Beispiel, zu Demonstrationsfiguren
spiritueller Mechanismen. In ihnen
spiegeln sich Fragen, wie die nach
dem persönlichen Glück oder dem
Opfer, der Leistung, die das
Individuum für den Universalplan zu
erbringen hat. David muss sich für
Zufriedenheit im Beruf oder im
Privatleben entscheiden – oder kann
er doch beides haben? Und weil
Regisseur Nolfi den Film derart
realistisch inszeniert, die Mystery-
und Sci-Fi-Einflüsse auf ein wenig
reißerisches Minimum reduziert oder
als natürlich ausgibt, indem er den
erschwerten Kampf um Liebe oder um
Ideale in den Vordergrund rückt,
während die große Gott-Maschine
werkelt, sind die
religiös-philosophischen Ansätze
auch durchaus anregend und
faszinierend. Mehr als Ansätze
bietet der Film nicht, aber so hat
man, zusätzlich zur unterhaltsamen,
rasanten und romantischen
Haupthandlung, auch nach dem Film
noch Diskussionsbedarf. Ein
Romantikthriller als Hauptgang und
Determinismus-Fragen eingepackt für
nach dem Film. Nur das Ende wirkt in
seiner Unentschlossenheit
irritierend und übereilt, tut dem
unterhaltsamen Film mit Köpfchen
aber keinen zu großen Abbruch.
Fazit:
„Der Plan“ verzichtet auf große
Mysterien, Geheimnisse und
Bedrohungen, gibt sich stattdessen
hauptsächlich realistisch und
menschlich, mit einer Romanze im
Zentrum und einem Fantasy-Zusatz als
Störfaktor. Die Liebelei zwischen
Damon und Blunt funktioniert, ehe
reichlich viel gerannt wird und der
Film im Dauerfeuer zu weitreichenden
Diskussionen über Gott, Schicksal
und den freien Willen anregt.
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