Kritik:
The Descendants:
Familie
und andere Angelegenheiten
von
Christian Westhus
THE DESCENDANTS
(2012)
Regie: Alexander
Payne
Cast: George Clooney, Shailene Woodley, Judy Greer, Matthew Lillard,
Amara Miller
Story:
Matt King ist Anwalt auf Hawaii. Ihm und seiner Familie gehört
ein
großes Fleckchen Land des Inselbundesstaats, welches bald
verkauft werden soll. Doch Matt hat viel ernstere und
persönliche
Sorgen. Seine Frau liegt nach einem Bootsunfall im Koma und die Chancen
auf Heilung stehen schlecht. Die beiden Töchter, 17 und 10,
sind
distanziert, entwickeln aber auch krankhafte Neigungen. Matt
weiß
nicht, wo ihm der Kopf steht und dann erfährt er auch noch,
dass
seine Frau eine Affäre hatte.
Kritik:
George Clooney hat
in seinem neusten Film mindestens ein Problem zu viel und im Prinzip
keinen Plan, wie er auch nur eines davon wirklich lösen kann.
Wie so oft bei Drehbuchautor und Regisseur Alexander Payne steht ein
Mann jenseits der 40 im Mittelpunkt. Ein Mann, irgendwo zwischen
Midlife Crisis und generellem Trotz, sich den Erwartungen und
Vorstellungen seiner Umwelt anzupassen. Paynes Helden sind
vermögend, aber unglücklich, häufig einsam
und dabei widerspenstig, an sich etwas zu ändern. Die
emotionalen Nöte des Ü40 Mannes im 21. Jahrhundert.
Anders aber als der biestig sarkastische Paul Giamatti in
„Sideways“, ist Clooney als Matt King ein
überwiegend ruhiger Zeitgenosse. Zu viel hat er um die Ohren
und darüber grübelt er erst mal nach, ehe er sich in
Schlappen eilig rennend aufmacht, irgendwem mal direkt, mal
anständig distanziert, vor den Kopf zu stoßen. So
platzt er auch mal unangemeldet in nächtliche
Spaßaktivitäten seiner ältesten Tochter im
Internat oder unterbricht den Streit eines befreundeten Paares, weil er
gerade Wichtigeres erfahren hat und Antworten will. Die Ehefrau liegt
mit täglich schwindenden Überlebenschancen
komatös im Krankenhaus, als ihn über eigenartig
beiläufige Umwege die Nachricht von ihrer Affäre
ereilt. Über die Toten soll man nicht schlecht reden, aber
weil die Gute noch nicht tot ist, will Matt wissen was Sache
ist.
Payne
hat ein Faible für Außenseitercharaktere und gerne
nimmt er sich in ausgeprägten Nebenhandlungen Zeit, diese
vorzustellen. So vertrödelt man die Anfangsviertelstunde
damit, die bis zum Schluss inkohärent wirkenden
„Ausraster“ der jüngsten Tochter zu
zeigen, gepaart mit Matts halbgaren Erziehungsmethoden. Wir lernen:
Matt war zuvor nur selten zu Hause, scheffelte Geld als Anwalt und als
Verwalter von viel geerbten Land auf Hawaii, statt sich um
Kindererziehung zu kümmern. Das muss sich nun ändern.
Es ist ungewohnt und auffällig, wie offensichtlich Payne in
„The Descendants“ arbeitet. Zu Beginn
erzählt uns Matt pausenlos seine Geschichte und seine
Weltsicht, plappert aus dem Off von der verdrehten Hawaii-Wahrnehmung
in der Welt und stellt seine Cousins vor, die mit ihm das geerbte Land
gewinnbringend verkaufen wollen. Payne nutzt den Off-Kommentar
völlig beliebig und verzichtet irgendwann fast völlig
darauf, als die Rahmenbedingungen klar abgesteckt sind. Rebellische
Töchter, ehebrecherische Frau im Koma, geldgierige
Verwandtschaft, der wenig objektive Schwiegervater und der
mysteriöse Unbekannte, der das Bild von der
glücklichen Ehe besudelt hat. Wenn all das mal mehr, mal
weniger elegant bekannt gemacht ist, beginnt die eigentliche
Filmhandlung. Die temporär noch unharmonische Familie betreibt
hawaiianisches Inselhopping und sucht nach Mister X, findet dabei aber
auch ganz überraschend zueinander.
Ein Bild von Familie und
familiärem Zusammenhalt entwirft Payne und das durchaus
interessant. Das Chaos im Drehbuch fügt sich nach und nach zu
einem emotional und charakterlich reichhaltigen Panoptikum zusammen,
wenn die King Sippe mal ernst, mal wild emotional und mal
vergnügt ein unzureichend ausgearbeitetes Ziel verfolgt. Es
mutet zwar komisch an, dass Matt zunächst herablassend von
seiner Ältesten Alexandra spricht, sie trinke zu viel Alkohol
und mache mit zu vielen älteren Männern rum, um sie
dann die restliche Filmhandlung überwiegend ohne Alkohol mit
einem Gleichaltrigen (wenn nicht gar Jüngeren) rumrennen zu
lassen. Aber Alexandras frei heraus redender, unkompliziert wirkender
Kumpel Sid bereichert den dreiköpfigen Rest der Familie King
sichtlich. Er sorgt für teils recht groben Witz und bekommt
dann doch ein paar schöne Szenen spendiert, in denen er mehr
sein darf, als ein Witzbold. Die Bühne gehört aber
natürlich Clooney, der hier eine stark
zurückgenommene und emotionale Leistung abliefert, die den
noch immer konfus hin und her eiernden Film halbwegs eint. Dieses Lob
muss er sich aber mit der jungen Shailene Woodley teilen, die die wahre
Entdeckung des Films ist. Sie macht eine Figur, die sonst schnell
nervender Klischee-Ballast geworden wäre, authentisch und
fühlbar. Und auch wenn sie nur kurz dabei sind, so ist es
immer schön, Judy Greer und Matthew Lillard zu sehen.
Das Problem von „The
Descendants“ ist, dass Payne sich nicht unter Kontrolle hat.
Wenn es sein Ziel war, den Film mit den verschiedenen Handlungen,
Figuren und Stimmungen als chaotisches Kuddelmuddel, so wie das Leben,
zu entwerfen, dann ist ihm das bravourös gelungen. Die
Darsteller bringen uns immer wieder auf die Bahn zurück, aber
wenn all das Chaos in simplen „Heute habe ich etwas
gelernt“ Floskeln und platter Rührseligkeit
mündet, läuft irgendwas schief. Natürlich
arrangieren sich die drei übrig gebliebenen Kings am Ende,
besinnen sich auf sich. Natürlich setzt der wehmütige
Anblick des geerbten, nie wirklich wertgeschätzten und
wunderschönen Landes ganz bewusste Emotionen bei Matt frei. So
wenig überraschend war Payne wohl noch nie und leider vergisst
er auch, seinen sonst so beliebten galligen Witz und galligen
Sozialsarkasmus vermehrt einzubauen. Stattdessen liegen sich die
Protagonisten alle zehn Minuten nach aller sentimentalen Herzenslust
weinend in den Armen und schlagen sich gejammerte Nettigkeiten um die
Ohren. Das sind wir cleverer und trotz emotionaler
Übergröße auch wirkungsvoller gewohnt.
Nicht nur bei Payne. Noch dazu hat der Herr Regisseur eine eigenartige
Vorstellung von Familie und Gerechtigkeit. Das Ende gibt sich
eindeutig, obwohl es große Fragen über Clooneys
Motivation aufwirft. Und über Paynes mitunter arg (nennen wir
es mal so) „eigenartig“ erscheinendes Frauenbild
schweigen wir mal lieber.
All das zerstört nicht
den Film, aber verhindert, dass er stärker ans Herz
wächst. Paynes tragikomisches Familiendrama hat seine Momente,
hat tolle Darsteller und ein paar interessante Ansätze, aber
wirkt am ehesten damit, dass man sein eigenes Hawaiibild
überdenkt. Trotz Tiki-Charme und einer Dauerbefeuerung mit
Ukulele und hawaiianisch melancholischem Singsang ist es dieses
ungewohnte Bild von Hawaii, die ganz explizit stinknormalen
Ballungsräume auf den Inseln, mit den stinknormalen Figuren,
mit dem der Film glänzt. Im Kitsch der eigenen Handlung droht
man mitunter zu ersaufen, aber der paradiesische Strand-Kitsch Hawaiis
wird anständig verklärt. Immerhin.
Fazit:
Zwei
tolle Hauptfiguren und ein abwechslungsreiches, tragikomisches Hin und
Her, vor der ungewohnt anders dargestellten Kulisse Hawaiis. Ein Film,
der bisweilen rührselig wird, aber durchaus zu Herzen gehen kann.
Inhaltlich aber wirkt Manches konfus und überladen, thematisch
mitunter inkonsequent und widersprüchlich. Dennoch: Insgesamt
lohnend.
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