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Kritik:
Die Frau in Schwarz


von Christian Mester

THE WOMAN IN BLACK
Regie: James Watkins
Cast: Daniel Radcliffe, Ciaran Hinds

Story:
Als der junge Beamte Arthur (Daniel Radcliffe) in ein weit abgelegenes Nest reist um dort die Verwaltung eines verlassenen Hauses zu klären, ahnt er nicht in welche Gefahr er sich begibt. Eine alte Legende besagt, dass das alte Eel Marsh House von der Frau in Schwarz verflucht ist, einer mordlüsternen Geisterfrau, die mit Vorliebe Kinder töte. Ebenso neugierig wie erschauert kann Arthur nicht davon ablassen, den Fall zu klären...

Kritik:
Letztes Jahr endete die achtteilige Harry-Potter-Reihe. Acht Filme, vor deren Kamera ein gewisser Daniel Radcliffe aufwuchs und in denen er zur Filmikone wurde, zum fraglos größten Jungzauberer seit Simon the Sorcerer. Klein, drucksend, bebrillt. So sehr er sich als solcher in die Denkwulste brannte, so unweigerlich die Zweifel, dass man ihn wie andere Hauptstars aus Fantasy-Reihen vielleicht nie wieder davon getrennt sehen können mag. Was geschah beispielsweise mit den Hobbits? Samwise sprach eine Meerkatze in Alvin and the Chipmunks 2. Pippin Chuckys Kind in Chucky die Mörderpuppe Teil 5. Merry? Spielte in einem guten Stück Lost mit, Frodo? Der hatte immerhin denkwürdige Auftritte in Sin City und dem Hooligan-Film Hooligans, aber darüber hinaus? Ob den Potter-Kindern ähnliches droht, muss sich erst noch zeigen (Emma Watson hat eine kleine Minirolle in My Week with Marilyn, Rupert Grint wurde zumindest schon mal von Martin Scorsese großes Talent attestiert), jedenfalls hat sich Frontmann Radcliffe ein ebenso ungewohntes wie gelungenes neues Standbein gesichert, um sich langsam in die Gewässer jenseits der Potters zu versuchen. Keine Bösewichts-Rolle im nächsten Van Damme, ist seine Frau in Schwarz der erste größere neue Film der wiederauferlebten britischen Hammer Studios, die vor allem in den 60ern und 70ern mit zahllosen Horrorfilmen (Mumie, Dracula Frankenstein) für Furore sorgten. U.a. waren sie es, die Christopher Lee zum berühmtesten aller Draculas machten.

Die Frau in Schwarz setzt von Anfang an auf das, was mal war: alte Traditionen. Weitab von hektischen Kamerabewegungen, Horrorfun und Hardcore-Gewalt moderner Vertreter besinnt sich die altmodische Spukmär auf oftmals gern vergessene Horror-Essentials, wie schleichende Atmosphäre, unheimliche Örtlichkeiten und einen einnehmenden Score. Als stattlicher Nostalgiker trumpft Radcliffes kleines, aber feines Genrestückchen vollends auf. Schon bevor es zu besagtem Horrorhaus geht, lehren langsame Kamerafahrten Geduld, wird Ruhe ins Kämmerchen gebracht und die Spannung so angekurbelt, dass man selbst Kerzenflammen knistern hören kann. Und siehe da: kaum ist Radcliffe im vernebelten Moorgebiet angekommen, das einem Sherlock Holmes das Wasser ins Monokel triebe, schießt die Atmosphäre in die Höhe. Der folgende Schritt ins eigentliche, an Resident Evil erinnernde Herrenhaus? Ein Wagnis, das alleinige Heraufschreiten zum merkwürdigen Knarzen in der oberen Etage - G-G-Gänsehaut.

Regisseur James Watkins, der zuvor den guten kleinen DVD-Film Eden Lake inszenierte, setzt hauptsächlich auf guten Grusel und reizt diesen weitestmöglich aus, nur um ihn dann noch fies mit fußnägelumklappenden Schocks zu toppen. Die titelgebende Frau in Schwarz beweist sich als ordentliche Antagonistin im Hauch einer Samara, der man nie ganz trauen kann, ob sie aus Leid oder Lust mordet. Nur wenige Verschnaufpausen brechen mit der Spannung, die bis kurz vor Schluss trotz leicht vorhersehbarer Handlungspfade kräftig anhält. Sie erfindet das Brot nicht neu und durchläuft gewisse bekannte Mechanismen (nach mehreren Blicken durch ein Zimmer ist im Hintergrund plötzlich etwas anders, in der Ferne stapfen unheimliche Schemen umher oder ein plötzliches Anrempeln entpuppt sich als harmloser Freund), doch das auf eine sehr ehrliche, frisch wirkende Weise. Wer dabei auf der Strecke bleibt? Radcliffe, der zwar nicht fern seiner letzten Rolle in den Potterfilmen weicht und als verängstigter Aktensammler überzeugt, dafür allerdings nicht viel zu tun bekommt, und es auch nicht muss. Er fungiert vielmehr als wortkarger Avatar, der Schrecken abkriegt, und da man direkt neben ihm steht, man diese dank ihm oder gar durch ihn miterlebt. Schauspielveteran Ciaran Hinds hilft in einigen Dialogszenen, doch jedem ist klar, dass der Antrieb im Albtraum liegt, und so geht es oft fix wieder dorthin.

Bis auf ein etwas vorhersehbares, leicht suboptimales Ende ein rundum gelungener Schauerritt, der das Fürchten lehrt. Watkins trotzt dem geringen Budget von 15 Millionen Dollar und gräbt einen der visuell interessantesten, gut an Silent Hill erinnernden Genrebatzen aus, der viele doppelt oder dreifach so teure Kollegen im Schlamm stecken lässt. Unterstützt von einem guten Score darf sich Die Frau in Schwarz als gut gewählter Defilibrator verstehen, der den Hammer Studios hoffentlich wieder zu alter Stärke verhilft. Mit Filmen wie dieser - der übrigens bereits der erfolgreichste Hammer Film aller Zeiten ist und eine Fortsetzung folgen lassen wird - eine vollends verdiente Stärke.

Fazit:
Bis auf ein etwas vorhersehbares, leicht suboptimales Ende ein rundum gelungener Schauerritt, der das Fürchten lehrt. Altmodisch und jedem abzuraten, der ausschließlich Horror ala Piranha 3D, Saw und Final Destination mag, aber ein Fest für jeden mit einigen Unzen Geduld. Mit viel Liebe fürs Detail gemachter, altmodischer Grusler.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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