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Kritik:
Die Jagd


von Christian Mester

Jagten
(2013)
Regisseur: Thomas Vinterberg
Cast: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen

Story:
Lucas (Mikkelsen) ist ein beliebter Erzieher in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt. Großes Unheil zieht jedoch über sein beschauliches Leben her, als sich ein kleines Mädchen mit einem Zuneigungsbekenntnis an ihn wendet. Der Lehrer verhält sich richtig und weist sie freundlich zurück, aber in kindlicher Wut erzählt das Kind anschließend einer anderen Lehrerin, dass sie Lucas hasse, und bringt dazu ausgerechnet einen pornografischen Spruch, den sie selbst nicht versteht, den sie aber kurz zuvor von einem anderen Kind aufgeschnappt hat. Ein schrecklich klingender Zusammenhang, der Lucas für die Bürger der Stadt in einem unfassbaren Licht neu zeigt, einem, dem er nicht zu entkommen vermag...

Kritik:
Eins der besten Dramen kommt 2013 aus Dänemark, denn Thomas Vinterbergs Die Jagd ist ein fesselnder Film, wie er zugleich thematisch ungemütlicher kaum sein könnte. Kinder sind die schützenswertesten Mitglieder unserer Gesellschaft, und gewalttätige, sexuelle Übergriffe gegen diese gelten nicht von ungefähr als das abscheulichste und erbärmlichste, wozu Menschen fähig sein können. Sollte es eine Hölle geben, dann schmoren derartige Täter zu Recht im hintersten aller Winkel. Vinterberg macht eine Ausnahme von üblichen Geschichten zum Thema und dreht einmal keinen Film über ein armes Kind in den Fängen eines Monsters, oder über einen Ermittler, der einen solchen zu finden sucht. Tätliche Übergriffe gibt es in Die Jagd, aber doch keine eines Erwachsenen gegen eines Kindes. Mikkelsens Charakter ist zwar ein ruhiger, zurückgezogen lebender Mann, der für seine viel zu hohe Ausbildung einen regelrecht kleinen Posten bedient, aber damit hören die fernen Ähnlichkeiten zu Killerstereotypen auch schon auf, und dass er in der Serie "Hannibal" und "Casino Royale" hundsgefährliche, hochintelligente Killer und Psychopathen spielte, sollte auf keine falsche Fährte führen.

Er ist ein harmloser Typ, der durch unüberlegtes Geplapper eines Kindes zum Verdächtigen wird, was eine unaufhaltsame Lawine auslöst. Nach den kleinsten Anzeichen sind die Lehrerinnen für das Kind da, bestätigten es, machen ihm Mut, und plötzlich ist der bis vorhin noch geschätzte Kollege von allen verurteilt. Fassungslos versucht er sich mit Händen und Füßen gegen die Vorwürfe zu wehren, versucht klärende Gespräche zu erzwingen, doch sein Druck nach der Wahrheit wird recht schnell gegenseitig als vergeblicher Versuch gesehen, das Grauen unter den Teppich zu kehren.

Vinterberg zeichnet das Bild der Zusammenhänge authentisch und unaufregend, das Verhalten aller Figuren als nachvollziehbar. Niemand zückt direkt die Axt, zunächst kann es erst noch niemand glauben, besteht Skepsis, doch der Lauf der grausam gut geschriebenen Geschichte lässt es immer weiter ausarten. Vinterberg intensiviert das ganze dann auch noch damit, dass es ausgerechnet die Tochter von Lucas' bestem Freund ist, mit der es passiert sein soll. Abseits der Geschichte, die sich auf das ganze Dorf ausweitet, wird es also auch zu einer persönlichen Fehde, in der Lucas' Freund innerlich zerrissen wird, zwischen der Treue zu seinem Freund, dem Wunsch, ihm glauben zu können, der Treue gegenüber seines Kindes und diesem glauben zu wollen, der Wut sich selbst gegenüber, das in Lucas all die Jahre nie bemerkt zu haben um dies zu verhindern, und den Erwartungen seiner Ehefrau und der anderen Dorfbewohner gegenüber, die Lucas nicht mehr zuhören, sondern ihn am nächsten Baum hängen sehen wollen.   

Vinterberg macht keinen Thriller draus, aber indem er Lucas nicht aufgeben lässt, sich immer wieder zu beweisen, es immer wieder anzufechten, spitzt sich die Lage zu und es kommt zu Situationen in eigentlichen Alltagsorten wie einem Supermarkt oder der Kirche, in der das Blut kocht, Hass in der Luft liegt und Gewalt explodiert, und Unschuldige aus Lucas' Familie in Mitleidenschaft gerissen werden. Zu allem Überfluss schafft es Vinterberg bei der ganzen Thematik , diese schwierige Geschichte passend enden zu lassen, wobei er keineswegs damit belehrend abschließen will, dass Kindesbehauptungen jemals weniger Glauben zu schenken sei. Er hält ein vorsichtiges Plädoyer darauf, was Worte anrichten können, wie vorschnell Urteile gefällt werden können und dass die gefährlichsten aller Situationen Überlegung und faires, rationales Verhalten erfordern, keine impulsiven, emotionalen Reaktionen. Dass Gesetz eine Daseinsberechtigung hat. Ein schwieriges Thema, dass er sensibel zu einem packenden Drama gemacht hat, dessen packend inszenierte Momente und ausweglose Lage teilweise an Horrorfilme denken lassen. Mikkelsen, der sich in Hannibal, Kampf der Titanen, Casino Royale, Walhalla Rising und Coco Chanel & Igor Stravinsky als anpassungesfähiges Chamäleon gezeigt hat, fällt hier zurück in die Schuhe eines schüchternen Lehrers, der vom Schicksal zum Opfer auserkoren wird. Die Hilflosigkeit seines Falls fängt er grandios ein, ebenso aber auch sehr mitreißend, wie Lucas sich verzweifelt aller Vorwürfe erwehren will. Ebenso gut ist Thomas Bo Larsen als sein alter Freund, der nicht glauben kann, was ihm die Welt vorwirft, der der Konfrontation aber auch nicht aus dem Weg gehen kann.

Fazit:
Die Jagd mag in ihren Bildern nach einem Wochenendfilm aus dem Dritten aussehen, aber was Thomas Vinterberg und "Hannibal" Darsteller Mads Mikkelsen hier liefern, ist ein extrem beklemmender Film über Eskalation, ein sehr gut gespielter, zugleich aber auch ein starker Diskussionsfilm.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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