BG Kritik:

Die Karte meiner Träume


von Michael Eßmann

The Young and Prodigious T.S. Spivet (FR, 2014)
Regisseur: Jean-Pierre Jeunet
Cast: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Judy Davis, Callum Keith Rennie

Story:
Nachdem er das erste Perpetuum Mobile der Menschheitsgeschichte erfindet, macht sich Universalgenie T.S. Spivet auf, um im über 2000 Meilen entfernten Washington D.C. einen begehrten Wissenschaftspreis zu empfangen. Da T.S. allerdings erst zehn Jahre alt ist, hält diese Reise so manches Abenteuer für den Jungen vom Lande bereit, dessen Familie unterdes keine Ahnung von den Plänen des kleinen Genies hat.

Mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ eroberte Regisseur Jean-Pierre Jeunet („Micmacs - Uns gehört Paris!“) in 2001 die Herzen der internationalen Kinobesucher. Nachdem er bereits mit seinem Debütfilm, „Delicatessen“ einen kleinen Kultfilm geschaffen hatte, mit „Die Stadt der verlorenen Kinder“ mehr als ordentlich nachlegte - beide Filme als Co-Regie-Projekt mit Marc Caro („Dante 01“) - lockten die USA, und er realisierte für 20th Century Fox „Alien - Die Wiedergeburt“. Ob nun vom Studiosystem blockiert, oder schlicht mit dem falschen Material betraut, lieferte er seinen, und auch den bis dahin schwächsten Film im Alien-Universum ab, um dann, vier Jahre später mit einem Paukenschlag und seinem „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zurück zu kehren. Spätestens seitdem ist der französische Filmemacher mit den ans Herz gehenden, melancholischen, skurrilen und zauberhaften Figuren und Geschichten, kein Tipp, sondern Pflichtprogramm, wenn man Filme mit dem gewissen schrägen Etwas, Charme und vor allem Detailverliebtheit sucht.

Vom Regisseur von Amelie und Alien 4


17 Jahre nach „Alien - Die Wiedergeburt“ wagte Jean-Pierre Jeunet nun erneut den Sprung über den großen Teich, und anstatt sich in ein durch Ridley Scott, James Cameron und auch David Fincher vorgeprägtes Franchise zu quälen, nimmt er sich diesmal einer für ihn deutlich typischeren Geschichte an, bei der er auch die volle kreative Kontrolle behielt. Die größtenteils in Kanada gedrehte, französisch-kanadischen Co-Produktion auf Basis des Romans des amerikanischen Autors Reif Larsen erweist sich hierbei als gelungenes und erstaunlich harmonisch wirkendes Amalgam aus jenem charmanten Europäischem Kino für welches Jeunet bekannt ist und US-Wildwest-Romantik, mit Cowboys und weiten Landschaftspanoramen, erzählt in unglaublich satten, traumhaften Farben. Angesiedelt im US-Bundesstaat Montana erzählt Jeunet die inspirierend komische aber auch dramatisch traurige und phasenweise sehr einsame Geschichte des jungen Genies T.S. Spivet, welcher sich aufmacht, die Welt zu erkunden und die wissenschaftliche Welt zu revolutionieren. Der hochbegabte Zehnjährige wächst mit seinen in ihren ganz eigenen Welten lebenden, grundverschiedenen Eltern, seinem deutlich einfacher gestricktem Zwillingsbruder Layton und seiner vom Großstadtleben träumenden großen Schwester Gracie auf einer Farm im ländlichen Montana auf, auf der nach einem tödlichen Vorfall nichts mehr ist, wie es einst war. T.S. ist mit seinen Zehn gänzlich anders, als all seine Altersgenossen seiner Schule und vermutlich gar seiner Zeit. Er ist Erfinder, Denker, zeichnet, konstruiert… ein kleines Universalgenie, und vermutlich gar der Leonardo da Vinci seiner Zeit. In der Schule und zumeist auch Zuhause unverstanden, sitzt der Dreikäsehoch ab und an gerne in Universitätsvorlesungen. Sich in Einer davon zur Erfindung des ersten annähernden Perpetuum Mobile herausgefordert sehend, nimmt die Geschichte um die Reise von T.S. Spivet ihren Lauf, denn als er für sein immerhin für ca. 400 Jahre ohne externe Energiezufuhr selbstständig laufendes Gerät in Washington D.C. eine Auszeichnung empfangen soll, hinterlässt der Junge seiner Familie kurzentschlossen einen Zettel, und begibt sich selbstständig und per Güterzug auf eine abenteuerliche Reise von Montana nach Washington. Wo indes niemand ahnt, einen zehnjährigen Jungen auszeichnen zu wollen.

Vom Regisseur von Amelie und Alien 4


T.S.-Darsteller Kyle Catlett - der ab und an wie ein verjüngter Jesse Eisenberg wirkt - kann den Film vielerorts, aber nicht zur Gänze tragen, denn auch wenn der Jungmime darstellerisch lange überzeugt, kommt seine begrenzte emotionale Bandbreite in den ganz emotionalen Momenten deutlich zum Tragen. Diesem schauspielerischen Mangel entgegenwirkend, bekommt der auch im wahren Leben hochbegabte Catlett Unterstützung von einem hochkarätigen Ensemble an Nebendarstellern, wie Helena Bonham Carter, Judy Davis und Callum Keith Rennie. Nur sind diese eben nicht immer da, um Catlett beizustehen. Schlecht ist der junge Hauptdarsteller allerdings bei Leibe nicht, denn man nimmt ihm die wie ein Handschuh passende Figur des genialen Knirpses jederzeit ab, wenn es nicht gerade darum geht, emotional zu sein. Wirken diese Momente zu aufgesetzt, serviert ihm die Geschichte darüber hinaus jede Menge weiterer Szenen, in denen er als skurril kreatives Genie punkten darf, und dabei ungekünstelt und grundsympathisch rüber kommt. Hierbei gewährt Regisseur Jean-Pierre Jeunet so manchen Blick in die Geisteswelten des hoch intelligenten aber auch kindliche phantasievollen Kopfes von T.S., wie wenn er sich in den Kopf seiner Schwester hinein versetzt, und ein Zwiegespräch zwischen den unterschiedlichen Teilen ihrer Persönlichkeit ablaufen lässt. Solche und ähnliche, teilweise auch sehr schön animierte Momente hat der Film einige zu bieten, und allesamt sind besonders und äußerst gelungen, und tragen zur märchenhaften Stimmung bei, wobei Illustrationen, Karten und Diagramme aus der Buchvorlage übernommen wurden. Und obwohl in aktuellen Zeiten spielend, wirkt die dargestellte Wirklichkeit wie eine längst vergangene, nostalgisch verklärte, ja altmodische Welt. Hierin sind die Figuren größtenteils auf ihre Art liebenswert, dabei aber leicht bis extrem überzeichnet. Dies trifft besonders auf die Erwachsenen wie Helena Bonham Carter als überpassionierte Insektenforscherin und Mutter von T.S. und Callum Keith Rennie als wortkargem Cowboy-Vater mit Lasso, Winchester, Brenneisen und allabendlichem ‎Jack Daniel's zu. Im extremen, übertriebenen, gar ins karikaturhaft abdriftende, geschieht dies bei der von Judy Davis verkörperten Kuratorin des Smithsonian.

Wie das nun mal bei Filmen mit Kindern im Zentrum ist, muss man das mögen oder zumindest damit klarkommen. Wer schon bei Martin Scorseses „Hugo Cabret“ oder den Abenteuern der Baudelaire-Kinder Violet, Klaus und Sunny (aus dem wunderbaren „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“) die Augen verdreht hat, dem wird es hier mit T.S. Spivet auf großer Reise in der weiten Welt der Erwachsenen nicht anders ergehen. Alle anderen bekommen ein liebenswert verspieltes, schräges und detailverliebtes, aber zugleich auch phasenweise zähes, ab und an sehr gewollt auf schräg gebürstetes, und mit einer Unwucht in der Maschine ausgestattetes Filmerlebnis, welches nicht so perfekt rund und harmonisch seine Kreise dreht, wie die Erfindung des T.S. es vormacht. So gibt es gar bedenkliche Szenen, in denen sich der zerbrechlich wirkende T.S. in ganz alltägliche Gefahren bringt, Regisseur Jeunet diese Momente zwar durchaus auch gefährlich anmuten lässt, aber die tatsächlich, reale Größe dieser Gefahrenquelle nicht im Ansatz erfasst und überträgt. Ein bedenkliches Signal an Kinderzuschauer, welches Jeunet hier vermittelt, als er das Kind T.S. unter einem anfahrenden Zug herum und hindurchklettern lässt. Vor allem in Anbetracht dessen, wie zentral das Thema Tod in der Geschichte verankert wurde, und wie wichtig dieses für den Antrieb der Geschichte ist.

Fazit:

Der neue Jeunet ist eine sich zumeist ungemein angenehm anfühlende Mischung aus Familienfilm, Außenseiter-Geschichte, Drama, Roadmovie und Mediensatire, welche ihr Herz am rechten Fleck hat. Verspielt, kreativ aber auch ab und an unharmonisch wirkend, und mit Durchhängern erzähltes modernes Märchen, welches dem Zuschauer aber trotzdem mit seinem typischen Jeunet-Charme schnell für sich einnimmt. Nicht Jeunets bester Film, aber vielleicht sein bester Film seit „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Verspieltes, kreatives Kino mit viel Herz, und ein gelungener Beitrag aus der fabelhaften Welt des Jean-Pierre Jeunet.

7/ 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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