BG Kritik:

Die Klapperschlange


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Escape from New York (US 1981)
Regie: John Carpenter
Cast: Kurt Russell, Isaac Hayes, Lee van Cleef

Story: In der Zukunft regiert ein gnadenloser Polizeistaat, der die gefährlichsten Gefangenen des Landes in ein Spezialgefängnis verbannt hat. Manhattan wurde vom Rest der USA abgetrennt, ummauert und ein gesetzloses Exil verwandelt. Als der US Präsident aufgrund eines Terrorakts auf Manhattan notlanden muss, zwingt man den ehemaligen Soldaten Snake Plissken zu einer Rettungsmission…

Augenklappe auf etwaige Schwächen.

Snake Plissken ist eine Kultfigur, die nicht nur Metal Gear Solid maßgeblich inspirierte, sondern bis heute weitläufig gecosplayt und gewertschätzt wird. Eigentlich interessant, wo doch der erste der beiden Filme mit Titel Die Klapperschlange gar nicht mal so gut ist. Moment!


John Carpenter gings 1981 recht gut, denn mit Assault: Anschlag bei Nacht, Halloween und The Fog hatte er sich mittlerweile einen Namen in Hollywood gemacht. Sein flairreiches Portfolio wollte er kreativ weiter ausweiten, also lehnte er den obligatorischen Halloween 2 als Regisseur ab und machte stattdessen diese schmutzige kleine Dystopie. Carpenter hatte das System schon in Assault kritisiert, was er später in Sie leben noch clever auf die Spitze treiben sollte, doch auch in seinem ersten Plissken kommt er nicht darum herum, unsere Zukunft warnend als eine finstere zu zeichnen. Snake ist der Inbegriff eines vom System Enttäuschten, denn als ehemaliger Soldat der Regierung und späterer Bankräuber ist er der Welt in den Rücken gefallen, die ihm in den Rücken gefallen ist. Der Film, der von Carpenter und Michael Myers Darsteller Nick Castle geschrieben wurde, positioniert Snake dabei als den ultimativen Antihelden. Weil ihm sonst aufgrund implantierter Mikrobomben die Arterien explodieren, hilft Snake widerwillig dem Anführer eben jener Regierung, die ihm und vielen anderen das Leben zum Albtraum gemacht haben.

Für den ersten Teil des Films greift Carpenter auf ähnliche Spannungselemente zurück, wie er sie schon genial in Assault einsetzen konnte. Die Insel New York wirkt gruselig. Eine von jeglicher Zivilisation verlassene Ruine, in der sich die selten gesehenen Kriminellen ohne Ideen wild kleiden, in der Gangs dominieren und man an jeder Ecke hilflos abgestochen werden kann. Snake ist in einem Schlangennest gelandet, also kann er nur noch auf sein größtes Gut zurückgreifen: seinen Trotz (nennt man ihn Snake, korrigiert er, dass er Plissken heißt. Nennt man ihn Plissken, ists plötzlich wieder Snake). Allein? Nicht ganz, denn inmitten der Mauern Manhattans kommt es dazu, dass ihm ein kleines Team hilft. Ernest Borgnine als hilfreicher Taxifahrer, sowie Harry Dean Stanton und Carpenters damalige Ehefrau Adrienne Barbeau als Herrscher über die legendäre New Yorker Bibliothek stehen dem knurrenden Waffenexperten mit Hilfe zu Seite, und die braucht er auch, als Bösewicht Duke (Isaac Hayes, Chefkochs Stammsprecher aus South Park) Wind davon kriegt, dass jemand den erbeuteten Präsidenten befreien will.


Flucht aus New York ist ein Film mit einem exzellenten Konzept. Eigentlich müsste es hochspannend sein, wie Snake sich aus der ausweglosen Gefahr des Dukes herauswindet und das Unmögliche versucht, den meistgesuchten Mann der Erde aus dem gefährlichsten Moloch zu befreien. Jedoch kann Snake, der mit seiner Lederjacke, dem ärmellosen Shirt und der Augenklappe nach Action pur ausschaut, gerade das nicht liefern. Es gibt zwar einen kurzen Gladiatorenkampf, in der er gegen einen Wrestler mit einem Nagel-Baseballschläger antreten muss, doch der Fight – die allererste Actionsequenz, die erst nach 70 Minuten kommt, ist vergleichsweise lahm inszeniert. Auch sonst fällt die Action nicht weiter nennenswert aus. Die packende Grundstimmung eines Assault kann Carpenter hier nicht replizieren, da er lieber Fokus auf den Mann im Mittelpunkt legt. Und da der nicht viel Action erlebt, bleibt lediglich Snakes minimale Persönlichkeit. Bärbeißig bleibt er dauersauer und imitiert Clint Eastwoods Mann ohne Namen, nur passiert das in einem Film, der nicht ansatzweise die Bildergeduld eines Sergio Leone hat. Ja, Snake mag sympathisch, cool und Kultfigur sein, doch abgesehen davon wie er aussieht und wofür er steht, bietet der Charakter an sich nur wenig, und anders als Figuren wie Dirty Harry fehlen sichtliche Badass-Momente, die das Versprochene zeigen - und ein legendärer smoother Abgang am Schluss langt da nicht.

Der Rest der Besetzung mag sympathisch gecastet sein, doch niemand kann Erinnerungswürdiges hinterlassen. Donald Pleasance hätte eventuell mehr als Präsident machen können, hätte man ihn fast schon buddy-comedyhaft länger an Snakes Seite gestellt, doch so etwas wollte Carpenter nie. Interessant ist Lee van Cleef aus den Leone Western, der hier als Auftraggeber kurz erscheint. Wegen Knieleiden konnte er nur einen einzigen Tag lang drehen, doch dem Veteran sieht man das nicht an. So gut er als ältere mögliche Version Snakes sein mag, so wird durch seine schiere Anwesenheit noch tiefer verdeutlicht, was Carpenter eventuell fehlt. Da Snake von Eastwoods Cowboy aus Zwei glorreichen Halunken inspiriert ist, sitzt dieser hier wahrhaftig dem anderen Halunken Lee van Cleef gegenüber. Nur, dass die kurzen Unterhaltungen längst nicht die Filmmagie aufweisen, die Leone zaubern konnte - und an Russell lags sicher nicht.

Beachtlich ist dafür der Look des Films, denn verglichen mit anderen 1981er Filmen wie Superman 2, Indiana Jones und Kampf der Titanen musste Carpenter mit einem Witz an Budget auskommen. Das verfallene New York ist clever inszeniert, ihm gelingt es, vieles gelungen zu kaschieren (beispielsweise, indem er mit einem Stadtmodell, viel schwarzer Farbe und Neonlicht hochmoderne Wireframe-Aufnahmen imitierte) und die Matte-Arbeit eines gewissen jungen James Cameron hat jetzt auch nicht geschadet. Dass man dem Horrormeister nichts mehr von Synthi-Musik erzählen muss, ist wohl offensichtlich. So fällt die Snake Theme erwartbar stimmig aus. Vielleicht nicht so catchy wie die Musik aus Halloween, The Thing oder Big Trouble in Little China, aber auf gewohnt hohem Carpenter Niveau, der dem gesamten Ausflug auf die New Yorker Gefängnisinsel eine angenehm kühle Sci-Fi Coolness verleiht.

Fazit:

Snakes erste Mission überzeugt durch einen instantan sympathischen Kurt Russell, einen soliden Synthi-Score, eine budgettrotzende tolle Umsetzung und ein großartiges Konzept. So gut die Augenklappe allerdings passen mag, lässt sie nicht übersehen, dass der Film sein Konzept nicht voll ausleben kann. Wie Plisskens Black Ops Fähigkeiten schleicht er sich ungesehen ins Gedächtnis und bleibt da als beliebter Kult, den man sich immer und immer wieder ansehen kann.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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