|
KRITIK:
DIE KOMMENDEN TAGE
von
Christian Westhus
DIE KOMMENDEN TAGE (2010)
Regie: Lars Kraume
Cast: Bernadette Heerwagen, Daniel Brühl, Johanna
Wokalek, August Diehl
Story:
Mitteleuropa in der unmittelbaren Zukunft: Zwei
Schwestern, Laura und Cecilia, beobachten die
Veränderungen in Deutschland und in der Welt, den
Öl-Krieg und die Eskalation in den Großstädten. Und
gleichzeitig kämpfen sie gegen den Verfall in der
eigenen Familie. Während es Cecilia mit ihrem Freund
in den Widerstand zieht, wünscht sich Laura ein
Kind.
|

|
Johanna Wokalek
kennt man aus DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX |
|
Kritik:
Es scheint das Thema unserer Zeit zu sein, denn auch
die europäische Nahzukunftsversion beschäftigt sich
mit Sozialnetzwerken und Familienbanden. Die Angst
vor der zunehmenden Ver- und Entfremdung scheint
Filmemacher zu beschäftigen. Sie hinterfragen, was
aus menschlichem Miteinander in der Zukunft wird.
Die wachsende digitale und politische Distanz als
Vorboten einer dystopischen Auslotung des Möglichen.
Kein Science-Fiction „Was wäre wenn?“, sondern ein
präziseres, näheres und konsequenteres Weiterdenken
des bereits Vorhandenen. Lars Kraumes ambitionierter
Film zeigt ein Deutschland und Europa von 2012 bis
2020, mit den zugespitzten Problemen von 2010.
Die Folgen der Wirtschaftskrise liegen noch als
offene Wunden auf dem Torso Bundesrepublik, während
im Nahen Osten größeres – größtenteils selbst
geschaffenes – Unheil naht. Der Kampf um das Öl in
Arabien weitet sich kriegerisch auf Nachbarländer
aus. Die kapitalistischen Industrienationen schicken
Truppen zu „Stabilisierung der Situation“, während
die islamische Welt aufschreibt. Der 4. Golfkrieg
tobt und Europa zieht sich panisch zurück und
schottet sich vor den anrennenden Immigrantenmassen
aus Nordafrika und dem Osten ab. Entfremdungsangst
wird zu Immigrationsangst, wird zu Rassismus. Kraume
betont, keinen explizit politischen Film machen zu
wollen und doch ist der dystopische Rahmen seines
Films ein weltpolitisches Best-Of. Selbst das Thema
Klima fügt Kraume in seinem Drehbuch ein, nach
seiner Aussage aber stets im Dienste der
eigentlichen, menschlichen Handlung. Das muss dann
auch für die Polemik gelten, mit der Kraume die
innenpolitischen Details seiner Deutschlandvision
ausstattet. Während die Bundesregierung im EU-,
Nato- und G8-Sumpf paddelt, tobt das deutsche Volk
auf den Straßen. Demonstrationen und Gewalt gegen
den Golfkrieg, gegen das stetig weiter abdriftende
Sozialgefälle und gegen die egoistische
Teilnahmslosigkeit der Machtinhaber. Die „Schwarzen
Stürme“ toben hier als semi-anarchistische
Links-Terror Vereinigung durchs Land und faseln von
den letzten Tagen der „kleinen untergehenden
Wohlstandsdemokratie“.
|

|
Daniel Brühl wurde durch
GOODBYE LENIN ein gefragter Name |
|
In dieses pessimistische Polit-Gewirr setzt Kraume
nun seine Figuren, seine mobilen Reaktionstheorien,
die auf die steten Veränderungen reagieren sollen.
Im Zentrum stehen zwei Schwestern: Laura (Herwaagen)
und Cecilia (Wokalek) Kuper. Der bedauerlich
unterrepräsentierte Handlungsstrang um den jüngeren
Bruder, der als Soldat an den Golf geschickt wird,
lenkt den Fokus dafür deutlich auf die so ungleichen
Schwestern, auf ihre Ziele und Beziehung zueinander.
Während Laura sich ihrem Studium verschreibt und den
romantisierten Kinderwunsch als letzte
Hoffnungsbastion tendenziell naiv über die
aufkommenden Widrigkeiten des drohenden Zerfalls
stellt, zieht es Cecilia auf die Straße und in den
Widerstand. Geködert von ihrem Freund Konstantin
(Diehl), der als freigeistiger Mittelständler den
Aktivisten im Herzen und auf der Zunge trägt, damit
aber im Widerspruch zum Wohlstand der Familie Kuper
steht. Kraume verwendet geschickt dramaturgisch
notwendige Zufallskonstruktionen, denn Papa Kuper
repräsentiert nicht nur das bröckelnde Patriarchat,
sondern steht als Anwalt auch für Gesetz, Ordnung
und Verfassungstreue. Noch dazu steht die Ehe Kuper,
an der Lauras Ideale hängen, vor dem Aus.
Das wäre ja alles gut und schön, hätte als Rahmen
und Ausgangssituation durchaus Potential, doch der
Film verschläft seine erste halbe Stunde. Blöd ist
nicht nur die Rückblendenstruktur, denn nach dem
alpinen Prolog springt die Handlung zunächst mal
acht Jahre zurück. Es bringt einfach nichts. Das
einzige, was durch die Voraussicht erreicht wird,
ist ein Spannungsverlust beim Zuschauer, weil
gewisse Dinge nun schon bekannt sind. Leider ist
auch die „8 Jahre zuvor“ Haupthandlung zunächst
etwas behäbig, ungelenk und hüftsteif. Das mag nicht
auf Cecilias (europäisch offenherziges) Liebesleben
zutreffen, doch zu Beginn ergeht sich das Drehbuch
in Plattitüden und Zusammengehörigkeitsklischees,
die mit manch hölzernem Dialog garniert sind. So
wirkt das Kennenlernen von Laura und Hans (Brühl)
verklemmter als es sein muss und Wokaleks Cecilia
hat so ihre Probleme, zu einer zweiten
Gudrun
Ensslin zu werden, wenn der studentische Widerstand
plötzlich gewalttätig wird und Märtyrer fordert.
Je tiefer wir allerdings im zerfallenden Europa
stecken, desto sicherer fühlt sich Kraume bei Regie
und Drehbuch. Die subtile Detailfuturisierung
fasziniert mit teils interessanten, teils nahe
liegenden Neuerungen. Überall gibt es blinkende
Bildschirme, die Medizin macht Fortschritte und auch
der Straßenverkehr von morgen scheint wohl überlegt
modernisiert. Der Blick in den Supermarkt, in Zeiten
von Krieg, Demos und politischer Ohnmacht, ist dabei
gleichermaßen einfallslos wie konsequent. Es könnte
die Maxime des Films sein, denn Kraumes Ideen sich
teilweise erschreckend real, teilweise erschreckend
banal. „Die kommenden Tage“ wird seinem
englischsprachigen Vorbild
„Children of Men“ immer
ähnlicher, erreicht jedoch nie dessen
inszenatorische und emotionale Wucht. Kraumes Film
ist der redseligere, ruhigere europäische Bruder,
der eigentlich ja näher an den Figuren sein müsste.
Auftritt der
Sozialnetzwerke: Die im Zentrum stehenden Laura und
Cecilia entfernen sich immer mehr, in einer Welt, in
der man bald nur noch durch die Hilfe und Nähe
Anderer überleben kann. Auch dank der
gegensätzlichen Spielart der beiden guten
Hauptdarstellerinnen ist der emotionale Kern dieser
Entzweiung glaubwürdig und durchaus intensiv.
Gleichzeitig stehen beide Frauen jeweils mit ihren
männlichen Begleitern in Interaktion, beeinflusst
auch durch größere Gruppen. Die zentrale und
hochinteressante Frage ist, welchen Wert die Familie
noch hat, als Gegenpol zu größeren Vereinigungen wie
Widerstandsgruppen, Polizisten und schließlich der
Staat und das gesamte eingeschlossene Europa. Hier
entwirft Kraume einige gelungene Szenen, spielt
Extremfälle der Interaktion durch und beweist
endlich, dass er tatsächlich einen Film mit
humanistischem Kern drehen wollte. Dass ihm dabei
der Fokus, wer jetzt eigentlich Hauptfigur ist,
entgleitet, ist schade, jedoch auch zu verschmerzen,
wenn dafür z.B. August Diehl in seiner
Revoluzzer-Rolle vollkommen aufgehen kann und sich
die Schwestern höchst dramatisch entzweien und doch
zusammen finden. Lauras – eher trivialer –
Off-Kommentar hält den Film im Fluss, das
menschliche Herz hält ihn überhaupt erst am Leben.
Der Regisseur Lars Kraume inszeniert überlegt und
mit Ruhe, findet mehr und mehr zu einem homogenen
Stil. Digital gedreht, setzt er auf Tiefenunschärfe
und nutzt die Computereffekte bewusst und
unaufdringlich. Nur so kann die Illusion gelingen,
indem man das minimal veränderte Stadtbild
akzeptiert, gleichwohl mit dem Zukunftsanspruch.
Gleiches gilt demnach auch für Ausstattung und
Kostüme – jeweils handlungsdienlich, aber auch
originell. Mit einer gelungenen musikalischen
Untermalung (bis hin zum Abspannlied von „Wir sind
Helden“) nimmt man den Zuschauer bei der Hand und
führt ihn in die finstere Möglichkeit eines baldigen
Europas. Politisch könnte der Film kaum einen
passenderen Zeitpunkt erwischt haben, doch Kraumes
emotionaler, menschlicher Kern ist mit seinen Themen
und Momenten so universell wie nachvollziehbar. Dass
der Mensch sich nicht ein Wolf wird ist ein
steiniger Weg.
„Die kommenden Tage“ ist ein ambitionierter,
technisch auffälliger Film in der deutschen
Filmlandschaft. Einer der zeigt, dass mehr möglich
ist, als sonst meist probiert wird. Und einer, dem,
obwohl er etwas sperrig und – zugegeben – nicht ganz
perfekt ist, man wünscht, dass er ein Publikum
findet. Verdient wäre es.
Fazit:
Im ersten Abschnitt etwas holprig und mit einem eher
unnötigen Erzähleinfall. Dann aber wird Lars Kraumes
ambitionierter Film zu einer faszinierenden,
beklemmenden und aktuell Relevanten
Zukunftsüberlegung, in deren Zentrum die zutiefst
menschliche Geschichte vom Fortbestand von Liebe und
einer Familie steht.
7 / 10
>
Deine Meinung zum Film?
|