BG Kritik:

Die Reste meines Lebens


Manuel Föhl ist seit 2004 aktives Mitglied bei Bereitsgesehen. Als Redakteur ist er u.a. für 35 Millimeter - Das Retro Filmmagazin, DEADLINE - Das Filmmagazin und bereitsgetestet.de tätig.

Die Reste meines Lebens (D 2017)
Regisseur: Jens Wischnewski
Cast: Christoph Letkowski, Luise Heyer, Karoline Bär, Christian Grashof, Daniel Arthur Fischer, Ulrike Kiener

Als Schimon (Christoph Letkowski) plötzlich seine Frau verliert, scheint seine Welt und sein Leben für ihn zusammenzubrechen. Doch schon kurz nach ihrem Tod lernt er eine neue Frau kennen und lieben. Doch darf er das überhaupt? Sollte er nicht erstmal die Trümmer seines alten Lebens sortieren, bevor er ein neues beginnt?

(500) DAYS OF SUMMER made in Germany...naja fast.

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Marc Webbs „Dramedy“ aus dem Jahre 2009 spielte die Höhen und Tiefen einer Beziehung in einem interessanten, dramaturgischen Geflecht durch. Er erzählte die Ereignisse nicht in einer logischen Reihenfolge von A bis Z, sondern ging anachronisch vor und sprang in den 500 Tagen dieser Beziehung scheinbar frei von einem Tag im späteren Beziehungsalltag und wieder zurück zu frisch verliebten Tagen. Diese Dualität aus Momenten des Glücks und Streits evozierte ein interessantes Spannungsverhältnis und eine neuartige Betrachtungsweise einer Liebesbeziehung. Den Reiz dieses anachronistischen Erzählens mit Analepsen und Auslassungen nimmt auch Filmemacher Jens Wischnewski in seinem Spielfilmdebüt auf. Das Drehbuch, welches er zusammen mit Julia C. Kaiser verfasste, nimmt das Leben eines Protagonisten an einer Stelle dessen Lebens auf, bewegt sich aber in der Folge frei in dessen Chronologie. Er stellt nicht verschiedene Phasen einer Beziehung gegenüber, sondern direkt zwei verschiedene Beziehungen eines Mannes. Reste seiner Leben.

Was zeichnet ein Leben aus? Woraus besteht es? Ist es wie Schimons erste Frau (Karoline Bär) behauptet, die Ladung eines Containers? Schimon hat viele Teile des Lebens aufgehoben beziehungsweise aufgenommen. Da sind die Tonaufnahmen aus seiner Kindheit, mit denen er Weisheiten seines Großvaters, aber auch dessen letzte Herzschläge festgehalten hat. Der Beginn des Films zeichnet holzschnittartig einen jungen Mann, der von Tönen und Biografien von Menschen angezogen wird. Vor allen Dingen vom Tod, Schicksalsschlägen anderer, scheint er fasziniert zu sein. Elliptisch findet man sich dann plötzlich mit ihm im Auto einem Krankenwagen folgend durch die Nacht rasend. Ein tragisches Schicksal hat auch ihn erreicht. Aus dem unabhängigen Tonmenschen wurde ein Ehemann, bald Witwer. Im Moment der Verkündung der tragischen Nachricht, verliert seine Welt komplett die Töne und wird stumm. Eine der wenigen Momente, in welcher der Film mit diesem Werkzeug, der Profession der Hauptfigur, zu Arbeiten weiß.

Diese elliptischen Sprünge werden fortan zum Schnittmuster des Films. Wir springen von der Gegenwart zurück zu Etappen aus der Vergangenheit und wieder vorwärts. Die Selektion und Anordnung der Sequenzen folgen dabei einem relativ konventionellen Muster. Der Film entwirft in Teilen das Bild, dass Entwicklung nur dann stattfinden kann, wenn etwas Einschneidendes passiert. Der Filmbeginn baut dafür eine Figur auf, die nicht nur von den Tönen an sich fasziniert ist, die sein Großvater von sich gibt, sondern auch von deren Inhalt. Schimon glaubt nicht an das Schicksal, sondern an Zufälle. Diese Zufälle fordert er immer wieder heraus, wenn er seinen nächsten Schritt davon abhängig macht, ob eine Ampel grün wird oder der Barkeeper ihn bedient, bevor er bis zehn gezählt hat.

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Der Zuschauer steht dabei die ganze Zeit vor dem Problem Empathie für seine Hauptfigur und seinen Liebenden zu entwickeln. Auf der einen Seite hat man die Beziehung mit seiner ersten Frau, welche im Film erst nach und nach aufgerollt wird. Das Kennenlernen der Beiden steht fast schon am Ende des Plots des Films. Dagegen lernt der Zuschauer seine zweite Frau direkt mit ihm kennen. Es scheint für ihn Liebe auf den ersten Blick zu sein. So steht man bei den ganzen Sprüngen immer wieder zwischen zwei Beziehungen, deren Fundament beim Zuschauer nicht vollständig aufgebaut werden kann. Doch damit nicht genug. Wie der Titel es ankündigt, handelt es sich um Reste des Lebens, die nicht nur die eigene Liebe betreffen, sondern die ganze Familie. So spielen auch die (gesundheitlichen) Entwicklungen von Schimons Eltern eine große Rolle. All dies sind logische und reizvolle Ansätze ein Leben zu definieren und zu formen, doch ist es die Form selbst, mit der es sich der Film schwerer macht.

Viele Szenen übernehmen Stellvertreter-Jobs. Wenn in der Chronologie zurückgesprungen wird, weiß der Zuschauer bereits auf was die Szene hinauslaufen werden. Das „Was“ ist somit oft schon vorab klar, und nur noch das „Wie“ kann vom Film nachgereicht werden. Die Verdichtung entscheidender Momente und Ereignisse wirkt auf diese Weise leicht künstlich und kommt schließlich wie bereits angedeutet bereits bei der Etablierung zweier Liebender zu Stande. Da sind ein paar stumme, verliebte Schmunzler im Gegenlicht möglicherweise zu wenig um den Zuschauer wirklich emotional involvieren zu können. Das Spiel mit der Zeit und Anordnung von Szenen lassen hier und da eine interessante Gegenüberstellung verschiedener Ereignisse zu, werden aber als narratives Mittel viel zu selten wirklich effektiv benutzt, ohne plakativ zu werden. Denn Am Ende entpuppt sich die Erzählung im Grunde doch als konventionell.

Christoph Letkowski in der Hauptrolle kämpft zuweilen mit genau diesen Unebenheiten des Skripts, welches versucht nicht zu rührselig zu sein. Diese lockere Attitüde kommt ihm auf der einen Seite auch entgegen, lässt ihn aber auch in der Luft hängen. Seine Kolleginnen Luise Heyer und Karoline Bär haben da etwas dankbarere Aufgaben. Wobei sich auch hier der Film zurückhält zwei Frauen zu zeichnen, die sich in konkreten Dingen unterscheiden und deshalb die beide Darstellerinnen nicht zwingt eine Art jeweiliger Gegenentwurf zu sein. So bleibt schließlich ein Konzept in denen nur in wenigen Momenten das wirkliche Potenzial dessen ausgenutzt wird, was sehr schade ist, da der Film ansonsten in vielen Bereichen zu überzeugen weiß.

Fazit:

Eine reizvolle Idee, die die Reste eines Lebens neu anordnet und einer Art Hierarchie unterstellt, um doch am Ende bekannten Erzählmustern zu folgen. Das hat seinen Reiz, wirkt aber zuweilen unter seinen Möglichkeiten.

6 / 10

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