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Dictator
 

 

Kritik:
Der Diktator


von Christian Westhus

THE DICTATOR
(2012)
Regie: Larry Charles
Cast: Sacha Baron Cohen, Anna Faris, Ben Kingsley

Story:
Als Admiral General Aladeen (Cohen), diktatorischer Herrscher des nord-west-afrikanischen Öl-Staates Wadiya, in die USA reist, um die UN im Bezug auf sein Nuklearprogramm zu beruhigen, gerät der machtbesessene Patriarch an eine junge, freigeistige Frau (Faris) und muss versuchen, sein Land vor der Tyrannei der Demokratie zu schützen.

Kritik:
Der britische Komiker Sacha Baron Cohen hat sich in den letzten Jahren einen mehr als beachtlichen Namen damit gemacht, hintersinnig überzeichnete Stereotypen zu verkörpern, die die Vorurteile der Gesellschaft provozieren und entlarven. Die bisherigen drei Filme mit Cohen in der Hauptrolle gehen auf Kreationen seiner TV-Show zurück und stellten die Wandlungsfähigkeit des talentierten Comedians heraus, auch wenn Cohens Status in erster Linie mit der subversiven Pseudo-Doku „Borat“ (2006) zusammenhängt. Der Erstling, „Ali G in da House“ (2002), war als gewöhnlicher Spielfilm eine überzuckerte Mini-Katastrophe, die in Deutschland durch eine unwürdige Synchronisation komplett zerstört wurde. „Brüno“ (2009), der Cohen in Borat-Art als homosexuellen Fashion-Reporter zeigte, war eine kleine Enttäuschung und blieb hinter den Erwartungen zurück, die durch „Borat“ geschürt wurden. Nun also Admiral General Aladeen, die erste Neukreation und eine Rückkehr zum normal gescripteten Comedy-Film. 

„Der Diktator“ ist eine pralle Gag-Parade, jenseits der Grenzen des guten Geschmacks. Und dennoch vermisst man die Bissigkeit eines „Borat“, der Humor mit Satire verband und über die Grenzen eines derben Witzes provozierte. „Der Diktator“ funktioniert als Satire kaum. Den Film dem jüngst verstorbenen „Kim Jong-Il“ zu widmen ist ein guter Gag, aber eben auch nur das. Die meiste Zeit über pflügt Cohen eine breite Humorschneise durch diktatorische Klischee-Vorstellungen, stereotype Islam-Vorstellungen, amerikanischen Liberalismus und westliche Demokratie. Doch nur bei einer Rede gegen Ende, in der Cohen unser Demokratieverständnis mit Witz und Biss durchlöchert, blitzt das auf, was sich Borat-Fans vielleicht vom neuen Film des Borat-Machers erwarten.

Als reine Comedy aber funktioniert „Der Diktator“ für ein schmerzresistentes Publikum mehr als gut. Die Handlung ist kaum der Rede weg. Unser Diktator wird zunächst in seiner natürlichen Umgebung gezeigt, reist dann in die USA, geht verloren, muss seine Identität geheim halten und schließlich seinen Platz wieder einnehmen, während er sich in eine Frau verliebt, die so gar nicht zu ihm passt. Jeder Abschnitt ist kaum mehr als schmückendes Beiwerk, der nötige Mechanismus, um die Eckpunkte der folgenden Gag-Attacke abzustecken und die Pointen vorzubereiten. Und das klappt mitunter bauchschmerzverdächtig gut. Aladeen und ein Kumpan „terrorisieren“ unbewusst zwei New Yorker Touristen, über Menschenrechte kann man sich ganz wunderbar amüsieren und endlich weiß Aladeen, was er mit seiner Hand noch anstellen kann, außer Hinrichtungen anzuordnen. Dazwischen tummeln sich Running Gags, wie die Prostitution diverser Hollywoodstars, und Kalauer zum Thema Islam und diktatorischer Machtausübung. 

Dabei zielt der Film fast pausenlos unter die Gürtellinie. Es ist keine Schande, dem Film naserümpfend die kalte Schulter zu zeigen, weil Cohen und seine Co-Autoren Mal um Mal die Grenzen des guten Geschmacks übertreten. Aber eine politisch korrekte Parodie über einen Diktator hätte wohl sofort verloren. Dennoch schießt man manches Mal übers Ziel hinaus. So ist der Film humortechnisch ein gepflegtes Auf und Ab. Auf einen Brüller folgt ein Niveautiefschlag, der auch mal gar nicht geht. Wenn Aladeen nach einer Geburt vorschlägt, das neugeborene Mädchen, weil es eben kein Junge ist, in den Müll zu werfen, darf man das mit Fug und Recht geschmacklos, aber auch sehr witzig finden. Schnell weiß man, wie der Hase läuft. Genosse Aladeen ist ein machtbesessener, wenig gebildeter, egomanischer, misogyner, antisemitischer und alles Westliche hassender Unhold, der natürlich ausgerechnet in einen multikulurellen, genderneutralen Fair Trade Bio-Markt landet, der von einer feministischen, latent bisexuellen, jungenhaften, liberalen und – ach du Schreck! – gebildeten (!) Frau geleitet wird. Diese wird ausgerechnet von „Scary Movie“ Star Anna Faris verkörpert, die in den letzten Jahren eigentlich versuchte, sich in ein Klischee-Blondchen zu verwandeln. Ihre Szenen sind folglich auch die Schwachpunkte des Films, da sie der Handlung dienen, die aber eh nicht wirklich von Belang ist. Hier muss Aladeen ein Charakter sein, statt als gewohnt überzeichnete Karikatur zu wüten und für Lacher zu sorgen. Da das trotz allem häufig genug gelingt und der Film nicht zwangsläufig clevere Satire sein muss, ist „Der Diktator“ ein kurzweilig derber Spaß, für den man sich nicht zu schämen braucht.

Fazit:
Als Satire, die man vom Macher von „Borat“ eventuell erwartet, taugt der Film nicht. Als derbe-geschmackloser Frontalangriff auf alles, das mit Politik, Religion und Diktaturklischees zu tun hat, landet der Film allerdings viele Humortreffer. Zumindest immer dann, wenn die Handlung in den Hintergrund rückt und wird uns in Sketch-Szenarios befinden.

6 / 10

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