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Kritik:
Django Unchained


von Christian Westhus

DJANGO UNCHAINED
(2012)
Regie: Quentin Tarantino
Cast: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio

Story:
Der wilde Westen: als ihn der sonderbare, aber liebenswerte Kopfgeldjäger King Schultz (Christoph Waltz) bei Gelegenheit freilässt und zum Partner macht, sieht Sklave Django (Jamie Foxx) seine große Chance gekommen, seine noch immer gefangene Frau zu finden. Diese (Kerry Washington) gilt es von der Plantagenfarm des miesen Hausherren Candie (Leonardo DiCaprio) und seiner Armada von dreckigen Söldnern zu retten...

Kritik:
Während Quentin Tarantino immer häufiger und immer deutlicher vom nahenden Karriereende spricht und ja allgemein nicht unbedingt der schnellste Regisseur ist, was neue Projekte betrifft, wird jedes neue Werk des filmverrückten Machers zum Ereignis. Ein Quentin Tarantino Film ist unverkennbar, unverwechselbar, unvergleichbar. Der Tarantino Kosmos besteht aus Zitaten und Referenzen, aus der kontinuierlichen Rückschau auf Filmgeschichte und auf Filmkultur. Nun geht es dem abgöttisch verehrten Italo Western an den Kragen, mit dem Tarantino schon bei „Kill Bill“ (Vol. 2) und „Inglourious Basterds“ stark geflirtet hatte. Der Titel ist ganz dreist (oder als Hommage gedacht respektvoll – je nach Sichtweise) von Sergio Corbuccis bleihaltigem Klassiker übernommen. Das Titellied und Alt-Django Franco Nero in einem Cameo nahm man auch gleich mit, wenn Tarantino die Pferde satteln und die Revolver rauchen lässt. Doch bei Tarantino ist ein Western nicht sofort ein Western, auch „Django Unchained“ ist nicht einfach nur ein Western in der Corbucci Tradition. Angesiedelt ist die Geschichte ein paar Jahre vor Beginn des Amerikanischen Bürgerkriegs, im rassistisch ungestümen Süden des Landes. 

Tarantino dreht einen Sklaven-Western, in der ein befreiter Sklave zu Hut und Pistolengurt greift, um weiße Banditen und Sklavenhändler abzuknallen und seine Frau zu befreien. Nach der „jüdischen Rache“ aus „Inglourious Basterds“ wird nun Jamie Foxx zu Django und Django ist das Gesicht der „schwarzen Rache“. Egal ob der Wunsch, erneut mit Christoph Waltz zu arbeiten, überwog; dass Django ausgerechnet von einem Deutschen befreit wird, der seinen schwarzen Schützling auch noch in germanische Sagen rund um Siegfried und Brunhilde einweiht, ist bei Tarantino sicherlich kein Zufall, der Django und die Basterds (bzw. die Filme) ohnehin schon als Geschwister im Geiste bezeichnete. Rache und Vergeltung sind Kernthemen in nahezu jedem Tarantino Film. Wie kaum ein anderer Filmemacher ergötzt er sich an der zelebrierten Genugtuung durch gewaltsame Gerechtigkeit. Es besteht kein Zweifel daran, dass Gewalt in einem Tarantino Film mitunter zelebriert und glorifiziert wird, aber nicht einmal die heroische Fantasy-Hinrichtung des NS-Führungsstabs in „Inglourious Basterds“ kam mit derart viel politisch-pathetischem Donnerhall daher, wie die Rache des schwarzen Sklaven Django und seines deutschen Befreiers. Ob man’s mag oder nicht: So was kann (fast) nur Tarantino. Bei ihm gibt es zwei Arten von Gewalt. Da ist die brutale Peitschen- und Foltergewalt der Weißen, der Sklavenhalter und der unorganisierten Kapuzenträger. Besagte Kapuzenträger werden in einer herrlich komischen, aber fast schon zu albernen Szene mit Freude durch den Kakao gezogen, in einem Film, der Brutalität, Sklaverei, Rache und Folter mit grellem Humor paart und in dem das N-Wort geradezu inflationär häufig verwendet wird. Die Gewalt der Sklavenhändler ist Gewalt die abschreckt, die verstört, obwohl man sich in der graphischen Umsetzung noch zurückhält. Und dann ist da die Rache, die Gegengewalt, wenn Django und Zahnarzt Dr. King Schultz zum Revolver greifen und fiese Weiße umnieten. Hier hält man sich nicht zurück. Die Bestraften platzen in greller Überzeichnung in einem grell-roten Blutschwall großflächig auf, als wolle man die Wut, mit der die Kugeln in der Regel abgefeuert werden, zum Ausdruck bringen.

Jamie Foxx wird über alle Maße zum Helden, zum überwiegend schweigsamen Heiland der Rache stilisiert, den Robert Richardsons wunderbare Kameraarbeit mehrfach in markanten Positionen, bewusst gerahmt oder von Rauch, Qualm und Nebel umgeben inszeniert, aus dem er trotzig heraus tritt. Foxx spielt diese über weite Strecken beherrschte und nur innerlich brodelnde Figur mit einem verblüffenden Wechselspiel aus Coolness und Ironie. Doch wer schon mal einen Tarantino Film gesehen hat weiß, dass die Dinge meist lange köcheln, bis sie schlagartig überkochen. Während Leonardo DiCaprio endlich mal wieder Spaß an einer Rolle hat und einen wunderbar unberechenbaren Fiesling gibt, und während Samuel L. Jackson eine vielschichtig und auf provokante Art hassenswerte Figur zum Besten gibt, ist der eigentlich Star mal wieder Christoph Waltz. Der spielt hier in gewisser Weise die vergleichsweise tolerante und gutmütige Version von Colonel Hans Landa, ist mit seinem Charme, seiner Sprachgewandtheit und seinem Witz aber wie so oft ein Faktor, an den man sich gerne zurückerinnert. Doch mit seinem Dr. King Schultz macht sich Tarantino auch noch ein weiteres Fass auf. Die „schwarze Rache“ ist als absurd brutaler cineastischer Akt der Genugtuung und der überstilisierten Lust- und Frustbewältigung durchaus anzunehmen, doch Ex-Zahnarzt und Nun-Kopfgeldjäger Schultz hat dubiose Ansichten von Recht und Gerechtigkeit. Rache und Kopfgeldjagd sind nicht dasselbe. Schultz‘ Ansichten sind gleichermaßen faszinierend, wie verwirrend. Er geht mit einer vom Staat legitimierten Pro-Todesstrafe Attitüde zu Werke, ohne groß zu fragen. Wessen Name auf einem Zettel mit großen Buchstaben steht, kommt dem Doktor vor die Flinte. Und dazu gehören nicht nur kindisch-brutale Machtmenschen wie Calvin Candie oder unverbesserliche Gewaltmenschmonster wie die Brittle Brüder, die Schultz und Django überhaupt erst zusammen bringen. Auf der Abschussliste stehen auch „einfache“ Verbrecher, die womöglich nur einmal zu häufig eine Postkutsche überfallen haben. Man könnte sagen, dass der Westen nun mal so war, so hart und unnachgiebig, doch bei Tarantino, wo alles im Film gleichzeitig Vergangenes, Gegenwärtiges und das Kino betrifft, sollte man es sich nicht so leicht machen. 

Der Maestro, der sich hier mal wieder eine etwas größere – und recht symbolträchtige – Rolle verpasst, inszeniert mit einer Energie und einer cineastischen Inszenierungslust, die ansteckt und Freude macht. Großartige Kostüme, ungewöhnliche Farben, anachronistische Musik und die grelle Gewalt machen „Django Unchained“ in einem steten Auf und Ab aus Ruhe, Dialog und brutaler Explosion zu einem faszinierenden Ritt. Doch den ganz großen Wurf kann er hier nicht landen. Das Drehbuch, die eigentlich Stärke von Tarantino, ist so ausgefranst und unbeherrscht wie schon lange nicht mehr. Womöglich liegt es am neuen Cutter Fred Raskin, der nach dem Tod von Tarantinos langjähriger Begleiterin Sally Menke übernommen hat. Der Film fühlt sich überlang an, hat nicht immer den nötigen Schmiss, den nötigen Drive, um konstant zu fesseln. Was bei „Inglourious Basterds“ auch in langwierigen Dialogszenen wunderbar gelang, holpert hier mitunter ein wenig, schleppt sich, bis der Film sich bei seinen gefühlten 12 verschiedenen Enden nicht entscheiden kann. Tarantino entgleitet der Film niemals ganz, dafür beherrscht er das Medium zu sehr, dafür faszinieren diese Dampfhammer-Politik, die Rache-Geschichte und die Figuren zu sehr. Doch da auch die Musikeinspielungen mitunter nicht so harmonisch, nicht so treffend und bedeutsam sind, wie bei ihm gewohnt, muss man annehmen, dass es an mehr liegt, als an einer einzelnen veränderten Personalie. Doch das alles ist Kritik auf hohem Niveau. Vermutlich hat uns Quentin Tarantino zuletzt auch nur verwöhnt. Seine Kreativität und seine Stimme als Filmemacher sind etwas, von dem das Kino nur profitieren kann. Und wenn selbst Filme mit kleinen Mängeln noch solch wuchtige und faszinierende Wundertüten wie „Django Unchained“ sind, gibt es eigentlich keinen Grund zur Beschwerde.

Fazit:
Quentin Tarantinos Sklavenwestern ist ein faszinierender Mix aus überzeichneter Rache-Politik und gelebter Kinoliebe. Toll gespielt, dabei wie gewohnt mit starken Dialogen, markanten Regieeinfällen und wuchtiger Gewalt durchzogen, ist „Django Unchained“ hier und da zu unbeherrscht und insgesamt zu lang. An der grundsätzlichen Faszination ändert das jedoch nichts. Ein Tarantino Film ist immer ein Erlebnis.

8 / 10

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