Kritik:
Dogtooth
von
Christian Westhus
KYNODONTAS
(2009)
Regie: Yorgos Lanthimos
Darsteller: Christos Stergioglou,
Michelle Valley, Aggeliki Papoulia
Story:
Ein Mann und eine Frau halten ihre
drei erwachsenen Kinder komplett
abgeschottet von der Außenwelt in
einem abgelegenen Landhaus. Nur der
Vater darf das Haus verlassen,
während die Kinder unter eigenen
Regeln aufwachsen, ein eigenes
Vokabular erlernen und dem
verlorenen Bruder hinter der Hecke
nachtrauern. Als eine Kollegin des
Vaters ins Haus gebracht wird, um
die sexuellen Bedürfnisse des Jungen
zu befriedigen, erhält das
Experiment der alternativen Realität
Risse.
Kritik:
Jüngst nominiert für den Oscar als
bester ausländischer Film.
Erhältlich als UK-Import, mit
griechischem Originalton und
englischen Untertiteln.
Eine neue Stimme im Kosmos radikaler
europäischer Filmprovokateure. „Dogtooth“,
der dritte Spielfilm von Regisseur
und Autor Yorgos Lanthimos, wirkt,
als würden Lars von Trier und
Michael Haneke feuchtfröhlich um ein
Drehbuch von Luis Buñuel tanzen. Die
Vergleiche sind nahe liegend und
doch tut man Lanthimos mit dem
exzessiven „name dropping“ Unrecht.
Sein ungemütlicher, rabenschwarzer
und pervers-komischer Blick in die
Bizarro-Parallelwelt einer
griechischen Familie ist eine
selbstbewusste und eigenständige
Ansage, ein Warn- und Schlachtruf,
dass das filmtechnisch kaum
beachtete Griechenland etwas zu
bieten hat. Und sei es nur Lanthimos
selbst, der uns hier einen ins
Absurde verschobenen Mikrokosmos
präsentiert, ein radikales
Sozialexperiment. So würde es
jedenfalls ein Außenstehender
nennen, denn aller
Wahrscheinlichkeit nach, handeln der
Mann und die Frau, also die
angeblichen Eltern, nach bestem
Wissen und Gewissen.
Und Lanthimos verweigert sich ganz
konsequent klaren Antworten,
erklärenden Rückblenden oder
sonstigen Mitteln der
Entmystifizierung. Wer, ob der
grenzwertigen Erziehungsmethoden der
Eltern, schnell nach einer
Auflösung, nach dem „Warum“ fragt,
kann direkt die Koffer packen. Die
absurde Familie steht und wird in
voller Funktion gezeigt. Der
Zuschauer tritt als Fremdkörper in
eine für ihn ungewöhnliche Welt ein,
mit neuen, ganz eigenen Regeln.
Diese Welt der Familie, die
zumindest aus Sicht der Kinder
völlig normal zu sein scheint und
komplett autark funktioniert. So
nimmt der Zuschauer Teil am
Sozialexperiment, am
Menschenexperiment, welches die
Eltern wohl schon seit der Geburt
der Kinder durchziehen.
Vokabelübungen geben gewissen Dingen
eine Bedeutung, neuen Dingen, wie
Telefon, Autobahn, die alle auf die
gefürchtete und gemiedene Außenwelt
schließen. Sämtliche Beziehungen
nach draußen werden für die Kinder
abgetötet. So denken die drei, die
Flugzeuge, die sie am Himmel sehen,
seien tatsächlich nur groß wie eine
Faust und stürzen immer mal wieder
in den Garten ab, um dann eifrig
aufgesammelt zu werden. Dubiose
Regeln und Wettbewerbe, wann man
bereit ist für die Außenwelt, wer in
dieser Woche am fleißigsten war,
sorgen für Motivation, Zusammenhalt
und gleichzeitig für einen
anspornenden Konkurrenzkampf
zwischen den Kindern.
Die Außenwelttätigkeit des Vaters
ist rein auf den Beruf und auf
Einkäufe beschränkt, denn ohne Geld,
komplett unabhängig von der
Zivilisation, lässt es sich dann
doch nicht leben. Und nur von der
Mutter und von Schwestern umgeben,
wird es für den Jungen irgendwann
auch schwierig, seine Bedürfnisse,
die ihm nicht zuletzt eher
suggeriert werden, als dass sie
natürlich auftreten, zu befriedigen.
Damit betritt der körperliche
Fremdkörper das abgeschottete Haus,
doch die junge Frau scheint selbst
irgendwie „anders“, eckt nicht so
deutlich mit den Mechanismen der
Familie an, wie man als Zuschauer
vielleicht meinen könnte.
Stattdessen versucht sie ihren
doppelten Nutzen aus der Sache zu
ziehen, setzt halb bewusst, halb
unwissend und naiv, kleine
Nadelstiche ins stetig brüchigere
Gefüge der Scheinwelt. Und mehr
Personen braucht Lanthimos nicht, um
voll kindlicher und böser Freude zu
experimentieren. Er lässt
Sozialsysteme aufeinanderprallen,
spielt menschliche Verhaltensmuster
gegeneinander aus und stellt durch
die natürliche Präsentation des
Absurden die eigentliche Realität,
die außerhalb des Films, auf den
Kopf.
Lanthimos setzt selbst Stiche,
steigert sein überdrehtes Spiel mit
Surrealität und Außerweltlichkeit
immer weiter und bleibt dabei stets
bewundernswert konsequent mit seinen
Figuren. In langen und ruhigen
Einstellungen, wie Momentaufnahmen
einer Familie, blicken wir aus teils
ungewöhnlichen Perspektive auf noch
ungewöhnlichere Vorgänge. „Dogtooth“
ist gleichermaßen faszinierend und
bewusstseinserweiternd, wie einfach
nur wunderbar böse und oftmals sehr
komisch. Sämtliche Dialoge,
insbesondere die der Kinder, sind
getrieben von einer spürbaren
Künstlichkeit, wie Automatismen, die
auf Eindrücke ihrer Realität
angewandt werden. Das bisweilen
monotone, noch äußerst passend
infantil wirkende Spiel der drei
jungen Darsteller trägt enorm zu
dieser Wirkung bei. Und die Wirkung
ist wichtig, dass diese absurde
Familie über einige Jahre hinweg
funktioniert hat und so gelebt hat,
wie wir es nun beobachten. Wir sehen
gleichzeitig Höhepunkt und
Niedergang eines Experiments (aus
unserer Sicht) oder eines
Lebenstraums, eines Ideal, bis zum
cleveren Ende. Eine bitterböse
Was-wäre-wenn-Spielerei, so witzig
wie relevant.
Fazit:
Bizarre, aufschlussreiche und
schwarzhumorige Surreal-Satire aus
Griechenland. Ein provokanter und
verspielt böser Einblick in eine
etwas andere Familie, in ein als
real präsentiertes soziales
Experiment, in eine komplett
gestörte, großartige und launische
Wahnwitzigkeit von einem Film.
8,5 /
10
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