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Kritik:
Dredd


von Christian Westhus

DREDD 3D
(2012)
Regie: Pete Travis
Cast: Karl Urban, Olivia Thirlby, Lena Headey,

Story:
In der Zukunft leben die Menschen zusammengepfercht in Slummetropolen, in denen Verbrechen und Desolation herrscht. Judges sind knallharte Polizisten des Systems, die zugleich als Richter und Henker fungieren und ihr Urteil auf der Stelle umsetzen, darunter nicht selten die Todesstrafe. Einer von ihnen, Dredd (Karl Urban), hat eines Morgens eine Rekrutin (Olivia Thirlby) für einen Probetag bei sich, mit der er einen Mordfall in einem 200stöckigen Gebäude inspizieren soll. Aus der vermeintlichen Routine wird eine Herausforderung, als sie eingeschlossen und von den Söldnern der Drogendealerin Ma-Ma (Lena Headey) gejagt werden…

Kritik:
Beinahe komplett vergessen ist die 1995er Erstverfilmung der britischen Comicreihe, in der die berühmteste Unterlippe der Welt durch einen eher trashigen und meist unfreiwillig komischen Film spazierte, der gerne ein neuer „Demolition Man“ geworden wäre. Der für Hollywoodverhältnisse relativ späte Reboot (so bekannt ist die Vorlage dann wohl doch nicht) ist so gesehen tatsächlich mal nachvollziehbar und macht relativ schnell deutlich, dass man es hier mit einer ganz anderen Art von Film zu tun hat. Grimmiger, gewalttätiger, in seiner Handlung reduzierter – besser. Der neue „Dredd“ beschränkt sich inhaltlich eigentlich komplett auf einen Tag und meist auch auf ein Gebäude, in dem der berühmt berüchtigte Judge Dredd mit einer jungen Rekrutin aufräumen soll. Was als zufällig ausgewählter Routineauftrag und Test für Rekrutin Anderson beginnt, eskaliert schnell und bringt sogar den so unzerstörbar wirkenden Dredd in die Bredouille. 

Dredd, das ist die personifizierte Todesstrafe. Judge, Jury, Executioner (Richter, Geschworener, Henker/Vollstrecker) sind die Judges in Personalunion, gehen jedoch mit einer so rabiaten wie radikalen Schwarz-weiß-Sicht zu Werke, dass man sie eigentlich auch für ein wandelndes Erschießungskommando halten könnte. Wer zur falschen Zeit falsch guckt, wird bestraft. Das Gesetz ist eben wirklich das Gesetz und auch in Sonderfällen keine Auslegungssache. Wer das Gesetz übertritt, wird meist noch an Ort und Stelle bestraft, was zumeist tödliche Folgen für den Kriminellen hat. Im Namen des Gesetzes stapft Judge Dredd mit tonnenschwerer Entschlossenheit durch die Gegend. Karl Urban spielt ihn als wunderbar mies gelaunten Turm in der Schlacht ausdrucksstark aus dem Unterkiefer heraus, denn den herrlich dusselig aussehenden Helm nimmt er nicht ein einziges Mal ab. So, wie es sich von Fans schon 1995 gewünscht wurde. „Dredd“ und die Judges provozieren eine faschistoide Weltsicht, ein radikales Vollstreckungssystem, wie viele es sich für manch bösen Buben schnell mal wünschen, ohne weiter zu denken, was dieses Extrem überhaupt bedeutet.

Wirkliche Satire oder Sozialkritik kann man dem eher leise humoristischen Film zwar eher selten unterstellen, doch der Zynismus, mit dem das Töten, Bestrafen und Vollstrecken hier inszeniert und auch zelebriert wird, lässt den Verdacht zu, dass hier hinter den Kulissen eines Ballerfilms tatsächlich mal nachgedacht wurde. Der Einsatzort von Veteran Dredd und Rookie Anderson fungiert zudem als Mikrokosmos, als Ansammlung kriminellen Gewürms, Sozialabschaums und von der Gesellschaft Vergessenen. Syndikatsschergen mischen sich mit normalsterblichem Fußvolk und mittendrin entfacht zwischen den Judges und den Schurken ein gewaltiger Hauskrieg. Ein Haus mit 200 Stockwerken, kontrolliert von einem Drogensyndikat, das die neue Szenedroge von Megacity1 herstellt. An der Spitze der schießwütigen Kriminellen? Eine Frau, passenderweise Ma-Ma genannt, das knallharte Matriarchat der Kriminalität. Somit besitzt dieser so maskuline Film, der vor lauter Testosteron eigentlich kaum laufen kann, ein überraschend starkes weibliches Doppel, was im Actionsektor nach wie vor quasi non-existent ist. Auch Olivia Thirlby als Anderson ist mehr als nur der Laufbursche… pardon, das Laufmädel für den einsamen Panzer Dredd. Sie ist es, die den Zuschauer mitnimmt und zusehen lässt, wie Dredd das macht, was man von Dredd zu erwarten hat. Als dessen verkrusteter Zynismus und seine menschenverachtende Gesetzestreue bröckeln und als Ma-Mas Schergen noch extremer vorgehen, muss Anderson tatsächlich auch mal aushelfen. Großartig und hintersinnig, wenn auch zu kurz, ein Psychospielchen zwischen Anderson und einem Gefangenen. Lena Headeys Ma-Ma auf der Seite der Widersacher hat zudem durch ihre Vergangenheit ein paar Eigenheiten und Ansichten, die aus ihr mehr machen, als einen handelsüblichen Schurken, der jetzt nur zufällig eine Frau ist. 

Trotz vieler löblicher Ansätze ist „Dredd“ dennoch kein überdurchschnittlich cleverer Film. Es soll rappeln im Gebälk und das tut es reichlich, mit einer bleilastigen Zerstörung auf begrenztem, aber erstaunlich abwechslungsreichem Terrain. Als ra-ta-ta-zong Ballerfest fühlt sich „Dredd“ dennoch anders an, als viele Kollege. Zwar bisweilen ähnlich stumpf und mit einer eher vorhersehbaren Grundhandlung, die zwangsläufig an das Prügel-Pendant „The Raid“ erinnert, aber mit einer ganz eigenen, ausdrucksstarken visuellen Note. Ausstattung und Kostümdesign setzen geschickte Farbakzente in diesem Meer aus Stahlgrau und Dreckbraun. Besonderes Lob verdient aber Kameramann Anthony Dodt-Mantle, jahrelanger Kameramann für Lars von Trier und für „Slumdog Millionär“ mit dem Oscar ausgezeichnet. Er verstärkt die Farben, hat ein großartiges Auge für die Wirkung von 3D (das sich hier zur Abwechslung mal fast lohnt) in den langen Schächten und Gängen des Gebäudes, und tobt sich insbesondere bei den Zeitlupeneffekten aus. Die neue Droge „Slo-Mo“ verlangsamt die Zeitwahrnehmung des Konsumenten extrem und wenn Kollege Dredd durch die Tür bricht und ohne lange zu fragen zur Urteilsverkündung schreitet, nehmen wir das stilisierte Blutvergießen in aufregend farbintensiver Ultrazeitlupe und wilder Künstlichkeit wahr. Das ist manches Mal auch zu künstlich, zu sehr aus dem Computer, aber am Look des Films gibt es ähnlich wenig Zweifel wie am Drive, denn Regisseur Pete Travers lässt pausenlos was passieren, vorausgesetzt, man schaltet im Kugelhagel nicht generell schon nach zwanzig Sekunden ab. Vertan dabei höchstens das Finale, das weder richtig aufregend, noch wirklich actionreich und erst recht nicht sonderlich dramatisch ist. Für einen etwas anderen „Voll aufs Fressbrett“ Reißer, über den man hinterher vielleicht sogar mal nachdenken kann, reicht es dennoch.

Fazit:
Judge Dredd, die personifizierte Todesstrafe, schreitet zur zynischen und ballerintensiven Vernichtung. Halb satirisch, halb überstilisiertes Fest der politischen Unkorrektheit, ist „Dredd“ vor allem ein visuell aufregender und anders wirkender Actioner, der nicht immer funktioniert, aber immerhin einiges wagt.

6,5 / 10

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