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KRITIK:

DREI


von Christian Westhus

DREI (2010)
Regie: Tom Tykwer
Cast: Sophie Rois, Sebastian Schipper, Devid Striesow

Story:
Hanna und Simon leben als freigeistiges, kulturinteressiertes Paar seit 20 Jahren in wilder Ehe zusammen. Doch plötzlich verlieben sich beide unabhängig und zufällig in denselben Mann: Adam.
 

Kritik:

Der Rückkehrer. Zehn Jahre nach „Krieger + Kaiserin“ kehrt Tom Tykwer zurück nach Deutschland. Zehn Jahre, überbrückt mit ein paar Kurzfilmen und internationalen Werken. Aber auch „nur“ drei Werken, was in diesem Fall sicherlich Zufall ist. Da macht der Tom sich rar und treibt sich zusätzlich noch in der Weltgeschichte rum, für einen soliden „The International“, nach dem heut schon kein Hahn mehr kräht. Für „Das Parfüm“, der ja, trotz internationaler Finanzierung, Geschichte und Besetzung, doch irgendwie deutsch war. Im Herzen, als Verfilmung von modernem deutschen Literaturgut. Für die Rückkehr gibt es jedoch keine Paraden, kein Tamtam und kein Konfetti und entsprechend hat Tom selbst nur ein kleines „Ich bin wieder da“ Präsent mitgebracht: Eine Romcom für Intellektuelle.

Das kann als Warnung verstanden werden, aber es wäre auch beängstigend gewesen, wenn der Auslandsaufenthalt den Regisseur von „Lola rennt“ plötzlich zum seichten Kalauerkönig für Publikumsfilme gemacht hätte. Locker und amüsant ist der amouröse Reigen dennoch und dürfte sein Publikum beim unterhaltungswilligen Bildungsbürgertum suchen. „Drei“ ist sympathisch, sofern man nicht direkt kapituliert, wenn etwas prätentiös herumphilosophiert wird. Ein wenig verkopft und gewollt mutet es schon an, was Tom Tykwer hier geschrieben und inszeniert hat. Der Einstieg mit der wunderbar simplen und effektiven Symbolik der Stromleitungen ist mit Kusshand angenommen, aber schon der folgende Ausdruckstanz, der die Handlung kurz andeutet, steht in artifizieller Abstraktheit ohne Bindung mitten im Film und gehört eigentlich gar nicht dazu. Da inszeniert Tykwer ein wenig manieristisch, mit Splitscreens und Zwischenszenen, macht was ihm gerade gefällt. Damit ist er immerhin auf Wellenlänge mit einer der vielen Intentionsansätze seines Films, denn wenn’s schmeckt und persönlich gefällt, dann kann die Welt uns den Buckel runter rutschen. Tykwer zeigt die Möglichkeiten von Liebe und Partnerschaft, bricht dabei Tabus oder eher bricht eine Lanze für unkonventionelle Wege, die vorschnell abgelehnt werden.



Hanna und Simon haben beispielsweise eigentlich keinen wirklich Grund, sich jeweils auf eine Affäre einzulassen. Klar, der Alltag hat sich nach 20 Jahren sicherlich bei ihnen eingenistet, aber es ist eher eine Neugierde und ein spontanes Verlangen, als sich beide zu Adam hingezogen fühlen. Simon macht und vertreibt Kunst, Hanna moderiert über Kultur und berät über Ethik. Gerne gibt es zünftige Diskussionen, tendenziell gestelztes Gerede über Kunst- und Kulturphilosophie, über Existentialismus und den Tod. Denn Tykwer versucht mit aller Macht das „hihihi“ Potential seines Liebesdreiecks abzuschwächen oder zumindest es nicht zu aufdringlich vortreten zu lassen. Und so knallt er erst mal gänzlich nonchalant so Stimmungskiller wie Krebs, Tod und Euthanasie auf den Tisch, die dann nach erfolgreicher emotionaler Erdung auch ein wenig ungenutzt und vernachlässigt durch den Film geistern, wenn die drei toll besetzten und wunderbar aufgelegten Darsteller wieder für ein anregendes und unterhaltsames Hin und Her sorgen. Über die unfassbar kitschige und gänzlich überflüssige Engelserscheinung breiten wir nur besser den großen Mantel des Schweigens, oder besser des Vergessens.

Es kann wirklich Spaß machen, wie Simon, Hanna und Adam sich umkreisen, necken und wie sie besonders in ein paar Galgenhumor-Dialogen den ernsten Themen Paroli bieten, die Tykwer auffährt, weil es so schön unverfälscht aus dem Leben gegriffen sein soll. Ist es auch, in etwas verkünstelter Art und Weise. Die Anstrengung dafür ist zwar spürbar, doch die Wirkung verfehlt es nicht. Und es liegt an den Darstellern. Offenherzig, unverkrampft und glaubwürdig. Besonders die Schicksalsschläge bei Simon sorgen für manch schwarzhumorigen Kommentar, der immer dann wichtig ist, wenn Tykwer die nächsten Ideen für Realismus oder intellektuelle Ansätze hat. So karrt er mit Adam, der natürlich nicht zufällig so heißt, gleich das große Thema Genetik und Stammzellenforschung an, nur um den großen Blonden - und von Devid Striesow toll gespielten – kurz darauf auf dem Bolzplatz kicken zu lassen. Dieselben Figuren, die sich zuvor noch artifizielles Theater angeschaut haben, die über Gedichte, Identität in der Kunst und über Vermarktbarkeit von Kunstwerken reflektieren, schlagen sich plötzlich mit den bekannten, ganz unbekümmert servierten Problem herum, die sie auch nicht besser zu lösen wissen. Die Unsicherheit, woher diese neuen Gefühle kommen, ob es erlaubt ist, so oder so zu fühlen und was wohl die Nachbarn sagen, wenn man wider dem „biologischen Determinismus“, wie es im Film heißt, handelt. Die Darsteller retten es jedes Mal. Sophie Rois als resolute Österreicherin macht ihre bisweilen sperrige, weil launische und tendenziell arrogante Figur mit viel Witz, Lockerheit und Souveränität sympathisch. So wendet sie selbst die unvermeidliche Nazianspielung süffisant selbstironisch ab.

Aber Tykwer hat noch mehr in Petto. Traumartige Was-wäre-wenn-Szenen, sehr viel Sex, noch mehr Splitscreen, wiederum Sex und zur Not auch mal eine „unverfälscht und realistisch“ präsentierte Hodenamputation oder kurze Schnipsel (!) aus Pornos. Macht ja nix, weil Tykwer dieses thematische Durcheinander locker angeht, dabei aber auch immer nah an den Figuren bleibt. Dass er Adam, der eigentlich nur eine Sehnsuchtsblaupause sein dürfte, mit einer unzureichend ausformulierten Hintergrundgeschichte belastet, ist da ein kleiner Schnitzer, der aber auch irgendwie passt. Tykwer will zwar Metaphern, aber er will auch lebendige Figuren und so nehmen wir den mysteriös-faszinierenden Adam eben als vielseitig interessierten bisexuellen Mikrobiologen mit minimalistischem Einrichtungsstil. Selbst die knapp zweistündige Laufzeit des Films fällt kaum ins Gewicht. Tykwer ist nicht mehr so melancholisch und traumartig, wie noch im Meisterwerk „Krieger + Kaiserin“, aber auch hier schneidet er wieder flüssig umher, durchpflügt Berlin elegant mit der Kamera und kann als Mitkomponist sogar die Musik für den Film kontrollieren, die auch hier wieder eine gewisse Ordnung zwischen Kunst und Liebe, Kalkül und Sehnsucht, thematischer Überfrachtung und Einfachheit herstellt.

Fazit:
Eine romantische Komödie für’s Bildungsbürgertum Ü30? Ganz so extrem ist Tom Tykwers „Drei“ sicherlich nicht, aber aus der amüsanten Liebesverstrickung macht er einen bisweilen überladenen Ablageplatz für Themen, Ideen und Diskussionsansätze, die manchmal sperrig, künstlich oder dezent abgehoben wirken. Die drei wirklich tollen Hauptdarsteller sind jedoch die Rettung und so wird „Drei“ zu einem unterhaltsamen wie anregenden Liebesreigen der etwas anderen Art.

7 / 10

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