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Kritik:
Drive


von Christian Westhus

DRIVE (2011)
Regie: Nicolas Winding Refn
Cast: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Albert Brooks

Story:
Ein Hollywood Stuntfahrer und Autoschrauber (Gosling) ist in seiner Freizeit auch als Fluchtfahrer für kleinere und größere Ganoven unterwegs. Ein neuer Auftrag und die Verbindung zur Nachbarin (Mulligan) bringen den Driver in die Dunstkreise des organisierten Verbrechens und damit in Gefahr.

Kritik:
Wenn ein amerikanischer Film mit dem Titel „Drive“ um die Ecke kommt, muss man im 21. Jahrhundert schon viel Mühe darin investieren, die geneigte Zuschauerschaft davon zu überzeugen, eben kein Konglomerat aus „Fast and Furious“ und „The Transporter“ zu sein. Dass mit dem Dänen Nicolas Winding Refn ein Europäer mit einem ganz eigenen Gespür für stilisierte Genre-Verbiegungen an den Regie-Hebeln sitzt, hilft da natürlich. Und dennoch soll es Leute geben, die gar ihr Geld zurückverlangten, weil „Drive“ eben kein rasanter Autorenn-Actionfilm ist. Wer sich die Erwartungen vorab derart verbaut, verpasst dann auch die Genialität eines der markantesten Genre-Statements seit etlichen Jahren. „Drive“ atmet den Duft der maskulin-stilvollen 80er Neo-Noir Thriller, ist aber keine simple Hommage oder nur einer dieser Retro-Filme. Auch wenn Walter Hill oder Michael Mann höchstwahrscheinlich Tennisarme vom andauernden Applaus haben, den sie Refns Film zukommen lassen, ist „Drive“ mehr als ein Tribut an vergangene Coolness. 

Dabei ist es gerade diese Coolness, die den Film treibt und formt. Refn presst „balls of steel“ durch ein Nudelsieb und setzt ein Zeichen dafür, dass auch der Genrefilm von Regisseuren mit einer klaren Handschrift ungemein profitieren kann. Ohne sich in vertrackte Stil-Experimente zu verrennen, wie es seine vorige Filme „Bronson“ und „Walhalla Rising“ mitunter taten, durchströmt „Drive“ eine klare stilistische Vision, ein unaufdringlicher Stil-Willen, der bei dominant pinkfarbenen Eröffnungstiteln anfängt, sich durch die auffällige Beleuchtung der nächtliche Großstadt zieht und bei den Autos noch lange nicht Halt macht. Refn ist überhaupt nicht an Autos interessiert, nicht an Marken oder dem donnernden Sound von wie auch immer großen Motoren. Ihm geht es um das Gefühl beim Fahren, um das nächtliche Stadtambiente und die Accessoires des wortkargen Drivers. Mit Zahnstocher, Skorpion-Jacke und Lederhandschuhen ist der Driver auf dem besten Weg zur filmischen Mode-Ikone. Aber nicht jeder sieht darin so unverschämt cool aus wie Ryan Gosling.

Gosling gehört zu der Sorte Mann, die mit Anfang 30 besser aussehen, als viele junge Kollegen mit knapp 20 Jahren. Reifer, maskuliner, selbstbewusster und natürlich mit einem trainierten Körper, der hier mitunter einen höheren Stellenwert einnimmt, als die konkrete Marke eines Autos. Gosling braucht dazu nicht auf den Spuren von Matthew McConaughey oder sonstigen Oben-Ohne-Helden zu wandeln. Gosling steckt man ins eine Nummer zu kleine weiße Shirt und platziert Schmier, Dreck und Motorenöl, als sei es Make-Up. Und wenn er dann in sein Driver-Outfit steigt, sich die lederbehandschuhten Finger um das Lenkrad winden und der verwegene Blick durchs Seitenfenster in die Nacht hinaus geht, mit dem Zahnstocher lässig im Mund, ist es nicht verwunderlich, einen neuen Religionsführer ausrufen zu wollen. Kein anderer Actionstar der letzten 15 Jahren hatte eine derartige Präsenz und suave Coolness, wie Ryan Gosling als Driver. Musik ab und einfach nur fahren. Denn auch das inszeniert Nicolas Winding Refn so mutig, ungewöhnlich und unfassbar effektiv; die Musik. 

Der Soundtrack des Films hat maßgeblichen Anteil an der Wirkung, am Feeling. Und „Drive“ ist ein Film der kaum laufen kann, so viel Feeling strahlt er aus. Es läuft aus den Ohren wieder heraus. Der eher langsame und bewusst kitschige Elektro-Pop wird die Gemüter spalten, aber wer am Ende des Films durch Kavinskys „Nightcall“, Desires „Under your spell“ oder College mit „A real hero“ nicht von einem freudigen Ohrwurm zum nächsten wippt, ist halt nicht bereit für den Tanz des Skorpions. So muss die Verwertung von Musik im Genrefilm aussehen; cool und effektiv, mit einem unverkennbaren Gespür für Stimmung und Figuren. Denn die Figuren beleben den Film, trotz all dem Stilwillen, trotz all der Coolness und den zwei, drei Szenen, in denen sich Refn zu unfassbarer Brutalität, hinreißen lässt, die zwar intensiv, aber hart an der Grenze zum Selbstzweck ist. Gosling spricht im gesamten Film kaum 20 ganze Sätze und ist als brodelnder Einzelgänger, der ganz wunderbar mit der Nachbarin und dessen Sohn klar kommt, dennoch ein faszinierender Charakter. Mehr als Andeutungen gibt es zu seinem Hintergrund nicht. Die fast väterliche Beziehung zu Bryan Cranston als Werkstattchef ist nur ein weiteres, spannendes Detail. Cranston, der unterschwellig bedrohliche Albert Brooks, Ron Perlman als Kante – sie alle sind coole, interessante Nebenfiguren, besonders dank Brooks starker Präsenz, aber sie zirkulieren nur um den Planeten Ryan Gosling. Auch Carey Mulligan, die der eher unauffällig geschriebenen Figur der Nachbarin ungemein viel Emotionalität zukommen lässt, spielt nur maximal die zweite Geige. 

Die Musik gibt es vor, „A real hero“, denn mit dem Driver eröffnet der Film einen ungemein spannenden Diskurs über Heldentum, Selbstopfer und wenn man so will Nachbarschaftshilfe. Der Driver verlangt nichts. Er tritt durch Zufall in die schwierige Familiensituation im Nachbarapartment und steht dort wie selbstverständlich mit helfender Hand zur Seite. Spätestens das fantastisch inszenierte und cineastisch einfach nur über-emotionale Ende gibt dem Heroismus Ansatz des Films ganz neue Dimensionen. Eine abermals willkommene Abwechslung im Genre-Sektor, wo es zwischen Sunshine Happy Time und tiefstem Nihilismus oftmals nicht viel an Grauzonen gibt. So ist „Drive“ trotz seiner zelebrierten Oberflächlichkeit dennoch ein tiefgreifender Film, der mehr bietet als seine vermeintlichen Genrekollegen, aber auch als viele Charakterdramen. Ein solches ist „Drive“ nämlich auch, mit einem namenlosen und wortkargen Helden, der ganz zentral den Film verkörpert. 

Fazit:
Zelebrierte Oberflächlichkeit im coolsten Genrefilm seit X Jahren. Ryan Gosling ist auf dem besten Weg zur Ikone und Regisseur Nicolas Winding Refn holt alles, aber auch wirklich alles aus der vermeintlich stereotypischen Grundstory heraus. „Drive“ ist kein Actionfilm, dafür Stil pur, ohne künstlich zu wirken. Und der Soundtrack ist jetzt schon Kult. Müsste er jedenfalls sein.

9 / 10

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