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Kritik:
Drive


von Christian Mester

DRIVE
Regie: Nicholas Winding Refn
Cast: Ryan Gosling, Carey Mulligan

Story:
Ein junger Mann (Ryan Gosling) hat keinen Namen und kein Privatleben. Tagsüber arbeitet er als Mechaniker und Stuntfahrer, nachts steht er Kriminellen als Fluchtwagenfahrer zur Verfügung. Er ist ein wahres Ass hinter dem Steuer und eins mit jedem der Wagen, die er fährt. Der Profi entdeckt eines Tages Gefühle, als er seine schüchterne Nachbarin (Carey Mulligan) näher kennenlernt. Zwar flammt keine Romanze auf, doch sie und ihr kleiner Sohn berühren den ansonsten eiskalten Experten, der merkt, dass er gern mit ihnen zusammen ist.

Alles verkompliziert sich, als ihr Mann (Oscar Isaac) aus dem Gefängnis zurückkehrt. Weil dieser Gangstern Geld schuldet, drohen sie, der Frau und ihrem Kind etwas anzutun. Eine inakzeptable Vorstellung für den Fahrer, der sich prompt einmischt und der Familie zu helfen versucht, koste es was es wolle...

Kritik:
Das deutsche Poster des Films Drive ist aussagekräftig, vermittelt jedoch einen völlig falschen Eindruck. Das Motiv zeigt einen entschlossen wirkenden Mann, der mit Handschuhen hinter dem Lenkrad seines Wagens sitzt - durch das Rückfenster ist ein verfolgendes Auto zu sehen. Ein neuer Actionfilm vom Schlage eines Nur noch 60 Sekunden? Weit gefehlt, denn obgleich Drive inhaltlich ein rech ttypischer Action-Thriller ist, steckt dahinter ein komplexes Charakterdrama. Ein ungewöhnliches, das in den USA mit Kritikerlob überschüttet wurde. Dass der Film bei den kürzlich vergebenen Oscar®-Nominierungen nahezu leer ausging, löste gar weitreichendes Entsetzen aus.

Der Film ist eine authentische, kritische Dekonstruktion von testosteron-geladenen Actionfilmen der letzten 40 Jahre, interpretiert auf ganz eigene Weise. Ein gewagtes Unterfangen, mit dem der Däne Nicholas Winding Refn seinen Hollywood-Einstand gibt. Zuvor hatte der Regisseur den wortkargen Wikingerfilm Walhalla Rising und das Gefängnisdrama Bronson gedreht. In letzterem machte er bereits den diesjährigen Batman-Bösewicht Tom Hardy zur faszinierenden Gefängnislegende. Für Drive nahm er sich nun vor, Frauenschwarm Ryan Gosling (Wie ein einziger Tag, Crazy Stupid Love) zum bedrohlichen Badass zu machen. Ein neuer Klassiker oder bloß ambitionierte Fehlzündung?

Schon die Eröffnungsszene des Films macht deutlich, dass Drive ein absoluter Gegenpol zu Filmen wie Fast & Furious ist: Der Fahrer hilft zwei Kriminellen, von einem Tatort zu entkommen. Eine charakteristische Actionfilm-Szene, die hier jedoch ungewöhnlich umgesetzt ist. Die Musik bleibt auffällig leise, die Kameraschnitte ruhig. Es wird nur das Nötigste gesprochen. Statt Hektik aufkommen zu lassen behält der Fahrer eisern die Nerven, observiert die Straße, taktiert mit vorbeiziehenden Polizeiwagen. Anstatt mit Crashs und Schießereien für lautes Spektakel zu sorgen, bleibt Refns Geschehen erstaunlich ruhig. In den meisten Regiehänden wäre dies ein nur wenig lebhaftes Opening für einen Actionfilm. Was sich konzeptionell nach Langeweile anhören mag, ist in Refns Film jedoch sensationell gut umgesetzt. Drive schafft fesselnde Atmosphäre voller Spannungsmomente, die packen und nicht loslassen. Stimmungsvolle Nachtszenen erinnern mit ihrer Art an Tom Cruises Collateral, fällt dabei aber noch düsterer aus. Refn lässt den Zuschauer von der Intensität seiner Szenen gebannt sein. Ständige Überraschungen machen es knifflig, die nächsten Handlungsszenen voraussehen. An die Sergio Leone Western erinnern viele wortkarge Momente des Fahrers, der wie Charles Bronson oft nachdenklich in die Panoramenferne blickt. Statt eines Strohhalms einen Zahnstocher zwischen den Zähnen kauend, statt sonnengegerbter Haut makellose. Kein Pferd, dafür hohe Oktanzahlen.

Trotz der dominierenden Stille und minimalen Action ist Drive aber nicht bloß harmlose Spazierfahrt durch die Nacht. Gewalt gibt es durchschwere Wunden, doch der Kontrast der Szenen zum ruhigen Rest lässt jeden explosiven Moment wuchtig erscheinen. Werden in anderen Actiontiteln gleich dutzende Killer von Kugeln durchsiebt, wirkt hier jede noch so kleine Verletzung schmerzvoll. Umso schlimmer demnach, wird jemand schwer getroffen. Die Gewalt ist wichtig – für den Charakter des Fahrers spielt sie eine große Rolle. Der brodelnde Ryan Gosling ist die meiste Zeit über konzentriert, doch später beeinflusst ihn das Töten. Er merkt irgendwann nicht einmal mehr, dass er mit einer blutbesudelten Jacke herum läuft. Trotz allem wird der Fahrer nie zum unsympathischen Monster reduziert. Im Laufe des Films erscheint er erst sympathisch, dann monströs, dann tragisch. Gosling macht viel aus dem komplexen Charakter und spielt die Rolle so gut, dass man sie jetzt schon Ikone nennen darf. Ein dafür passendes Muster-Outfit hat er bereits: Lederhandschuhe, Zahnstocher und Skorpionenjacke. Das Design einer Actionfigur.

Regisseur Refn schafft gleich zweierlei Interpretation des typischen Männeractionfilms. Zum einen macht er den Fahrer zum unvergesslichen, übercoolen Helden. Gosling erinnert an James Dean und Steve McQueen, an Stallone's Marion Cobretti. Zum anderen zerlegt er die typischen Elemente und verschärft sie. So wird ein Gespräch zum Duell, ein Messerkampf zum schmerzvollen Blutvergießen. Die kleine Romanze verzichtet auf Berührungen. Was in Hollywood-Filmen immer glimpflich ausgeht und heroisch aussieht, wird hier hinterfragt und in schonungsloser Hässlichkeit gezeigt. Dass der Held töten muss, um seine Freundin zu beschützen wird plötzlich nicht glorifiziert. Plötzlich bröckelt die coole Heldenfassade und der Film fragt subtil, ob Figuren wie Vin Diesels Dominic Toretto oder Sylvester Stallones Cobra eigentlich wirklich zu bewundern sein sollten. Das macht er mit Respekt, ohne auf derartige Filme herabzublicken. Refn spielt geschickt mit Erwartungen und Konventionen und dreht sie durch die Mangel, um sie auf Weise eines Tarantino eigensinnig neu zu interpretieren. Seine Regie ist schier sensationell. Viele lange Takes fordern wie auch die Handlung Geduld, und wer sich darauf einlässt, wird mit Atmosphäre belohnt. Der Sound-Design ist fantastisch. Eindrucksvoller als hier hat man Motoren lange nicht gehört. Man vernimmt jedes Knatschen der Lederhandschuhe am Lenkrad, das aufgeregte Atmen derer, die den Fahrer treffen. In den Nebenrollen überzeugen Carey Mulligan (Wall Street – Geld schläft nicht) als scheue Nachbarin, Bryan Cranston (Breaking Bad) als väterlicher Mechaniker, sowie Ron Perlman (Hellboy) und Albert Brooks als hinterlistige Gangster. Christina Hendricks (Mad Men) ist kurz als Beteiligte an einem Überfall zu sehen und überrascht mit einer wenig glamourösen Rolle. Jeder von ihnen bekommt mindestens einen eindrucksvollen Moment, wodurch Drive zu einem starken Ensemble-Film wird. Selten wird derartige Mühe auf Nebendarsteller verwendet.


Fazit:
Wer sich von Drive einen Actionfilm vom Formate eines The Transporter erhofft, wird maßlos enttäuscht. Stattdessen ist es ein intensives Charakterdrama, das durch Hochspannung besticht. Faszinierende Charaktere und eine selten erreichte Atmosphäre machen Drive vorsichtig zu einem neuen Klassiker. Wer die notwendige Geduld aufbringen kann und keine Dauer-Action braucht, sieht einen der besten Filme des Jahres.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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