hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Drive Angry
Fahr zur Hölle


von Christian Mester

DRIVE ANGRY (2011)
Regie: Patrick Lussier
Darsteller: Nicolas Cage, William Fichtner

Story:
Cage ist Milton, ein abgebrühter ehemaliger Trucker, der entschlossen von den Toten zurückkehrt, um einen verrückten Sektenanführer (Billy Burke) dafür zu strafen, seine Tochter getötet, und deren neugeborene Tochter entführt zu haben. Auf der Jagd wird er von einer schlagkräftigen Kellnerin (Amber Heard) begleitet, und von hartnäckigen Cops, sowie einem merkwürdigen Mann im Anzug (William Fichtner) verfolgt. Zigarren, Kugeln, Sex, eine Flasche Jack, Leichenberge und Weltenvortexe passieren. In 3D.

Kritik:
Was sich wie ein typischer Charlie Sheen Abend liest, dürfte eigentlich Stoff für einen exzellenten Film sein. Raue Action, coole Macho-Über-Figuren, schmutzige Muscle-Cars, ansehnliche Frauen und - via 3-D - brachiale Shotgun-In-Your-Face Momente, die sich entweder ernst nehmen und an Steve McQueen erinnernd, tough hoch schaltend denkwürdig in den Sonnenuntergang rasen, während Whitesnake, AC/DC oder Creedence im Radio laufen, oder wiederum so überzogen sind, dass auch ein "Machete" beeindruckt zu nicken weiß - eins von beiden würde bestes Entertainment versprechen.

"Drive Angrys" größtes Problem ist leider, dass er nie wirklich weiß, ob er nun spannend ernst oder lustig und rasant sein will. Der an Grindhouse erinnernde Film ist primär gespickt mit zahlreichen verrückten Momenten, die auf letzteres abzielen. Cage erschießt Leute, während er ala "Shoot em Up" mit einer Frau schläft, man rast lässig durch interdimensionale Höllenportale und Co-Star Fichtner, der seine Gegner auch mal mit einer bloßen Münze erwirft, steigt übertrieben lässig aus explodierende Autokarambolagen aus, als gehe er zur sonntäglichen Morgenmesse. Viele der zahlreichen Actionszenen sind äußerst temporeich und mit guten Einfällen versetzt, doch Lussier weiß insgesamt nicht, ob er einen kaltschnäuzigen "Death Proof" oder doch lieber albernen Action-Klamauk ala "Planet Terror" machen will.

All der Spaß wird durch einen unnötig seriösen Unterton gezügelt, der so tut, als hätte Miltons Schicksal irgendeine Tiefe. Es wird große Bedeutung darauf gelegt, dass Cage verdammt ist und gegen alle Höllenkräfte seine Enkelin retten will, doch auch wenn Cage selbst relativ leise und nachdenklich wirkt, pflastert Lussier seinen Film so sehr mit nackten Brüsten, Amber Heards Hintern in Großaufnahme und CGI-Kugeln, dass man keine Minute lang irgendeine tiefer gehende Emotion verspüren könnte. Dazu kommt, dass sich der Film sämtlicher Spannung mit nur zwei kleinen Szenen beraubt: würde die Öffnungsszene nicht schon direkt verraten, dass Cage geradewegs aus der Unterwelt kommt, bliebe eine gewisse Mystery, der man selbst langsam auf die Spur kommen könnte. So wird der geheimnisvolle Buchhalter (William Fichtner) beispielsweise schon vor Auftauchen völlig demystifiziert, da man trotz fehlender Anhaltspunkte direkt von Beginn an weiß, wo dieser her kommt oder wieso er schier Übernatürliches tun kann. Cages Figur verliert schließlich sämtliche Spannung, als gegen Mitte des Films klar gemacht wird, dass er >aufgrund seines Höllenaufenthalts wie Wolverine ist und selbst Kopfschüsse problemlos heilen kann<. Seine Kämpfe gegen das Böse sind aber auch sonst nicht allzu bedeutsam, denn Burkes Sektenanführer ist ganz ohne Zweifel einer der schlechtesten Filmbösewichte aller Zeiten.

Im Elvis-Look stolziert er umher und drischt hohle Semantik über das Ende aller Tage und nötige Opfer (was nach späterer Info alles nur leerer Schaum ist und nichts mit dem echten Teufel zu tun hat), wirkt dabei aber geistig völlig abwesend, als habe er die Zeilen seines Drehbuchs vergessen. Als Antagonist ist er eine völlige Null und noch charakterloser als Cages schwacher Gegenspieler Wes Bentley in "Ghost Rider". Cage selbst ist gut, wirkt aber durch das Gewicht seiner anscheinend trauernden Dauerdepri gehemmt, als abgefuckter Macho vom Schlage eines Snake Plissken, Duke Nukem oder Machete Oneliner reißend Spaß zu haben, oder zumindest so cool und eisern zu sein wie Steve McQueen, Clint Eastwood oder Schwarzenegger in den "Terminator" Filmen. Sein Film ist Overdrive, während er im zweiten Gang hinterher zuckelt. Während David Morse vollkommen sinnfrei verheizt wird, Amber Heard bis auf eine Eröffnungsszene nur Bilddeko bleibt und Horror-Veteran Tom Atkins ("The Fog - Nebel des Grauens", "Halloween 3") zumindest ein, zwei Momente bekommt, macht sich der ewig unterschätzte Fichtner den Film nahezu zu seinem eigenen. Als eleganter, aber schräger Buchhalter der Hölle lässt er jeden stramm stehen, dominiert immerzu mit gewaltiger Präsenz und schaut Mundwinkel verziehend und Augen rollend zu, wie Burke überhaupt gar nichts aus seiner Antagonistenrolle macht.

Filmisch ist "Drive Angry" ein Sauerkrautbrot mit Oliven und Spaghetti von gestern: sämtliche Action-Szenen sind in Ordnung, doch nie sonderlich spektakulär, Lussiers Regie ist passabel, verschiedene Computereffekte sind grottenschlecht (die wahrscheinlich schlechtesten seit "Dragonball: Evolution"), die Musik enttäuscht. Anstatt den Film den Autos entsprechend mit klassischen alten Rock-Nummern aufzuwerten, greift man in eine Kiste austauschbaren, relativ modernen Schrotts, wobei "Fuck the Pain Away" von Peaches noch das nahezu einzige nennenswerte ist. Ein Trauerspiel, bedenkt man, wie sehr allein "Stirb Langsam 4" von einer einzigen Creedence Nummer profitieren konnte. Das größte Lob, das man "Drive Angry" aussprechen kann, bevor man resümiert, dass es ein durchaus schaubarer Film ist, der nur einfach nicht wirklich gut ist, ist die Tatsache, dass das 3D in diesem Fall einmal wirklich gelungen ist. Im Gegensatz zu letzten Titeln wie "Gullivers Reisen - Da kommt was Großes auf uns zu" und "The Green Hornet" direkt und nicht erst nachträglich ins 3D Format verfrachtet, bietet "Drive Angry" jede Menge Tiefenwirkung und einige lustige, aber nie störende Gimmick-Aufnahmen, in denen verschiedene Dinge gelungen aus der Kamera herausragen. Hat man folglich Interesse am Film und mag 3D, lohnt der Aufpreis.

Fazit:
Man will die Handbremse lösen, denn "Drive Angry" fühlt sich gebremst an, könnte so viel besser sein. Wer sich annähernd mit der Prämisse anfreunden kann, wird den Film mögen, doch das sicherlich nicht allzu ausschweifend und nicht in dem Maß, das das kultfähige Konzept verdient hätte. Hätte der Film entweder mehr Spannung oder los gelösteren Spaß, bessere Effekte, zotige Oneliner und einen bemerkenswerten Bösewicht, ließe sich nach weit oben greifen, doch so versauert "Drive Angry" - der Film heißt übrigens wegen des Nummernschilds des Wagens der Kellnerin so - mit gehobener Augenbraue in der Mitte, zwischen möglichem Himmel und möglicher Hölle.

5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich