BG Kritik:

The Duke of Burgundy


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

The Duke of Burgundy (UK, Ungarn 2015)
Regisseur: Peter Strickland
Cast: Sidse Babett Knudsen, Chiara D’Anna

Story: Auf einem Landsitz leben eine Insektenforscherin und ihre Geliebte in einer Beziehung aus Dominanz und Unterwerfung zusammen.

Wie man eine Geschichte von Liebe, Dominanz und Unterwerfung erzählt, ohne einen Roman, den jeder dritte Mensch des Planeten gelesen hat, im Rücken zu haben.

Der Duke of Burgundy ist eine überwiegend europäische Schmetterlingsart


Weniger ist mehr. Manchmal jedenfalls. Weniger ist mehr, wenn es darum geht, wie viel man im Vorfeld von Peter Stricklands drittem Film, „The Duke of Burgundy“ wissen sollte. Es ist faszinierend zu beobachten, wie Strickland nach und nach den Vorhang öffnet, wie er uns Informationen zukommen lässt, Erwartungen weckt und doch in andere Richtungen abbiegt, als wir gedacht hätten. Das ist kein Spiel mit Twists, keine Parade aus Täuschungen und Finten, vielmehr der gewählte Weg zum Kern dieser Geschichte. Strickland ist an Wahrnehmungen interessiert, an unserer und der Selbstwahrnehmung seiner beiden Hauptfiguren; und an den Schlüssen, die daraus gezogen werden.

Nach einer Titelsequenz, die als visuell verspielte und musikalisch überraschende Nummer gleichzeitig wie ur-konservativer Heimat-Kitsch oder wie ein mindestens 40 Jahre alter Softcore Porno wirkt, bewegt Strickland seine Figuren gezielt herum. Eine Frau fährt auf dem Fahrrad, kommt zum Haus einer anderen Frau und wird dort in kaltem Ton zu Hausarbeiten verdonnert. Schnell erkennen wir die harte Dominanz der Hausbewohnerin, deren Aggressivität durch Blicke statt durch Lautstärke vermittelt wird. Kurz darauf zwingt uns Strickland zum Kopfkino, wenn wir auf eine verschlossene Badezimmertür blicken, hinter der Geräusche von Plätschern und Würgen Teil einer Bestrafung sind.

Das Produktionsbudget betrug gerade einmal 1 Mio. Dollar


Spätestens hier – und eigentlich schon bei der Inhaltsbeschreibung – wird es für jede Berichterstattung zum Film, die nicht ungehindert über den Film als Ganzes inklusive sämtlicher Handlungsdetails sprechen will, schwierig. Es ist einfach um ein Vielfaches spannender unvorbereitet zu sehen, wie Stricklands minutiös geplante und detailversessen ausgestattete Geschichte kleinere und größere Transformationen durchlebt. Das Motiv der Veränderung, der Metamorphose, zieht sich dominant und allgegenwärtig durch den gesamten Film, vom Titel bis zu den Endtiteln, wo im Film vertretene Arten von Motten, Faltern und Schmetterlingen namentlich aufgeführt werden. Veränderung dominiert auch die Beziehung dieser beiden Frauen und das nicht nur, wenn wir die Strippen dieser ungewöhnlichen Beziehung sehen.

Vergleiche zu „50 Shades of Grey“ sind unvermeidlich, doch sie sind unnötig. Regisseur und Autor Strickland ist an Grundkonzeption von Macht und Autorität interessiert, an Spielformen von Dominanz und Unterwerfung, was Menschen in einer Liebesbeziehung bereit sind zu opfern, welche Kompromisse, welche Entsagungen sie auf sich nehmen, um einen geliebten Menschen bei sich zu halten. An der klassischen Idee von Lack, Leder und Peitsche, von Fesselspielen und physischer Gewalt hat „The Duke of Burgundy“ kaum Interesse. Es ist ein Film, der nicht ohne Grund einen ganz zentral in den Credits aufgeführten Unterwäscheberater hat, denn Netzstrümpfe, Korsage, Seide und Spitze sind hier die gewählten Kostüme dieser beiden Frauen, deren ästhetischer und radikal ritualisierter Beziehungsalltag diesen faszinierenden Film belebt. Jedes Ritual erleidet früher oder später Ermüdungserscheinungen und diese Gefahr nistet sich bald im schmucken Landhaus ein. Getragen von einer göttlich-ätherischen Musikauswahl des Alterna-Pop Duos „Cat’s Eyes“ und zweier herausragender Darstellerinnen ist „The Duke of Burgundy“ nicht nur ein faszinierendes Theorem über die Macht (in) der Liebe, sondern unter der hochstilisierten Oberfläche auch herzzerreißend romantisch und – ohne echte Nacktheit oder ausgedehnte Sex-Akte – einer der sinnlichsten Filme des Jahres.

Fazit:

Für ein gewisses Publikum vielleicht der Film des Jahres. Mehr als nur die „50 Shades of Grey“ Variante fürs Programmkino, sondern eine erlesen inszenierte Studie über Machtverhältnisse der Liebe, die gleichermaßen sinnlich und romantisch ist.

8,5 / 10

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