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Kritik:
Eine dunkle Begierde


von Christian Westhus

A DANGEROUS METHOD (2011)
Regie: David Cronenberg
Cast: Keira Knightley, Michael Fassbender, Viggo Mortensen, Sarah Gadon

Story:
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsteht im Zirkel der Psychiater und Geistesforscher um Sigmund Freud (Mortensen) eine neue Gesprächsmethode, um Geisteskrankheiten und Neurosen zu erforschen und zu heilen. Der junge Schweizer Carl G. Jung (Fassbender) erhält eine neue Patientin namens Sabina Spielrein (Knightley), die von hysterischen Anfällen geplagt ist. Jung stößt bald auf eine in Schmerz und Unterwürfigkeit gefasste masochistische Lust. Während er sich als monogam verheirateter Geistesmensch eigenen Sexualtrieben strikt verweigert, blüht Spielrein auf und bedrängt den Arzt. Jung zieht den Übervater der Psychoanalyse heran, Freud selbst, der seit jeher ein Faible für die Untersuchung des Sexualtriebs hat.

Kritik:
„Noch in 100 Jahren wird man über unsere Ideen sprechen“, verkündet Viggo Mortensen als Sigmund Freud durch seinen markanten Bart. Und er wird Recht behalten. Nicht nur dieser Film ist Ausdruck davon, dass Freud, Jung und die Psychoanalyse noch immer ein zentraler Bestandteil der Geistesforschung sind. Auch wenn besonders Freud heutzutage häufig als Sexbesessener belächelt wird, werden die Thesen und Ideen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgestellt wurden, noch heute teils kontrovers diskutiert. Der filmische Freud hatte eine große Weitsicht, was seine Arbeit betrifft. Aber natürlich hatte er das, spricht doch nicht zuletzt das Wissen der Zukunft, sprechen doch nicht zuletzt Filmemacher und Autoren rückblickend über die Geschichte. Derartige „Zeitreise-Kommentare“ gehören im postmodernen Historienfilm wohl zum guten Ton, wie auch das obligatorische „Faust“ Zitat für Forscher und Wissenschaftler, die wissen wollen, was die Welt im Innersten zusammen hält, nicht fehlen darf. So wird nun nicht nur Freuds Sexbesessenheit humoristisch als stereotypes Parodie-Klischee des Bärtigen aufgenommen, auch Jung darf in einer apokalyptischen Vision die Weltkriege und den Schrecken in Europa erahnen. Dabei hat der Film die Herausstellungen des Wissensvorsprungs der Zukunft doch gar nicht nötig. Die Relevanz, die Freud, Jung und Co. noch heute haben, sollte auch ohne fesche Zitate oder Anspielungen glaubwürdig gemacht werden können. 

Übergroß schwebt der Charakter Freud als bekannteste und (pop-)kulturell greifbarste Figur über dem Film. Dabei spielt er nur in der zweiten Reihe. Freud ist nur Beobachter, Analytiker und gelegentlicher Kommentator der Jung-Spielrein-Beziehung. Und selbst da ist es ganz zentral Keira Knightleys Show. Nach mehreren Jahren auf dem Piratendeck und nur gelegentlichen Auftritten in (wenig beachteten) Filmen mit erhöhtem darstellerischen Wert, hat Knightley an dieser Rolle mal richtig zu arbeiten. Insbesondere in den komplett überdrehten ersten 20 Minuten läuft sie pausenlos Gefahr, zur Psychowrack-Parodie zu verkommen. Das bedeutet auch höchsten Arbeitsaufwand für die Synchronisation, der immerhin die Verwirrungen aus diversen Sprachen und Akzenten erspart bleibt. Und auch wenn die schrille Manieriertheit des Anfangs und der zielgerichtete Lusttrieb Spielreins manches Mal irritieren und zuweilen auch aus dem Film reißen, so ist es doch diese Figur und Knightleys Darstellung, die dem Film überhaupt Leben einzuhauchen vermögen.

Sabina Spielrein ist neben Vincent Cassels Kurzauftritt (der kurz mal die Grundmauern der monogamen Beziehung einreißen will) der einzige wirklich lebhafte Faktor im kontinuierlichen Redeschwall der stoischen Geistesmänner. Spielreins charakterliche Entwicklung, der geschickte Kreislauf im Film, ist anregend und faszinierend, während sonst nur tonnenschwere Theorien im Eiltempo angerissen und durchgekaut werden, ohne den Sprechern übermäßig viel Substanz zu geben. Entsprechend kann sich auch nur Knightley wirklich darstellerisch auszeichnen. Fassbender fühlt sich in der lange Zeit zwanghaft gegen die begehrende Natur anständig und ruhig gehaltenen Haut von C. G. Jung nicht immer wohl, während Viggo Mortensen als sexbesessener Opa Freud überhaupt gar nicht wirklich fühlt. Es sind anspruchsvolle Rollen, auch für die Herren, die als Männer des Geistes und der Psychoanalyse auch jeden eigenen Schritt hinterfragen und keine falsche Bewegung machen wollen. Das gelingt Fassbender und Mortensen, macht das Zusehen aber nicht unbedingt spannender. So ist Jung irgendwann zum Reagieren verdammt, dessen innerer und äußerer Kampf zwar neugierig macht, aber zu selten wirklich packt. Das trifft auch auf das Grundthema der Psychoanalyse zu, die mit einem Fingerschnippen schon endlose Diskussionen auslösen könnte. 

Es ist eine höchst faszinierende Ansammlung von großen Themen und Ideen, über die man sich Stunden lang austauschen und zanken könnte, die vom Film aber auch einfach nur angesprochen, angerissen und stehen gelassen werden. Hier und da mal ein paar oberflächliche Andeutungen und Details um Todestrieb, Sexualtrieb, Traumdeutung und die Selbstzerstörung des monogamen Menschen; damit hat es sich. Die Sprengkraft dieser Ideen, die Gefahr, die insbesondere Freud mehrfach andeutet, ist zu selten zu spüren. Zu sehr geht es um die sich entgegengesetzt entwickelnden Spielrein und Jung, um das geschickt verdrehte Wechselverhältnis von Arzt und Patientin, mit den potentiellen Auswirkungen für Jungs berufliches und familiäres Leben. Es gilt, den Trieb zu kontrollieren oder den Trieb zu akzeptieren. Die Grundlagen sind da, die Themen, die Ideen, die kulturgeschichtliche Relevanz und die Figuren, doch weder ist der Film so gefährlich, dunkel oder leidenschaftlich, wie es die verschiedensprachigen Titel suggerieren, noch ist er so intellektuell anregend, wie er es vielleicht sein sollte. 

Das Script macht aus dem Diskurs zwischen Übervater Freud, dem jungen Nachfolger und der psychotischen Patientin mit Ambitionen eine einzige Aneinanderreihung von Dialogszenen. Drehbuchautor Christopher Hampton konnte oder wollte die Herkunft des Films aus seinem eigenen Theaterstück (basierend auf einem Buch von John Kerr) nicht verleugnen. Dem hat auch David Cronenberg nicht all zu viel entgegen zu setzen, denn er ergibt sich dem mitunter zu drögen und zu statischen Reigen der Stück für Stück behäbig und episodisch fortschreitenden Szenenabfolge. Für den Kanadischen Kult-Regisseur ist der Film eine erneute Weiterentwicklung und gleichzeitig Blick zurück auf die eigenen Wurzeln. Traumdeutung, Sexualtrieb und psychosexuelle Neurosen aus Gewalt und Fleischlichkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Filmographie. Es ist schade, dass er es nicht vermochte, seinen eigenen Rückblick auf die Psychoanalyse persönlicher und ausdrucksstärker zu inszenieren. Für einen Regisseur, der am Anfang seiner Karriere den Horrorfilm mit einer körperlich-fleischigen Sexualsymbolik maßgeblich beeinflusst hat, der mit „Crash“ (1996) bereits sexuelle Neurosen und Fetische intensiv und provokant ausleuchtete, gibt sich „Eine dunkle Begierde“ erstaunlich züchtig. Zu sagen, Cronenberg versinke im sumpfigen Kostümfilm-Allerlei, wäre zu weit gegriffen, aber es ist schon erstaunlich, wie bieder und standardisiert er mitunter inszeniert, wenngleich es unter der Oberfläche natürlich brodelt. Nur ist ihm auch das, gerade bei „Crash“, schon besser gelungen.

Fazit:
Großen Themen, große Theorien – über Freud, Jung und die Psychoanalyse kann man lange diskutieren und ganz wunderbar streiten. Der Film dazu bietet eine Keira Knightley auf 180, die es als einzige vermag, dem stoischen Reigen Leben einzuhauchen. Ein zu episodisches Script und eine zu routinierte Regie machen es schwer, das eigentlich gut gespielte und mit Themen vollgestopfte Werk wirklich anzunehmen.

6 / 10

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