BG Kritik:

Das Verschwinden der Eleanor Rigby


von Christian Westhus

The Disappearance of Eleanor Rigby: Them (USA 2014)
Regisseur: Ned Benson
Cast: Jessica Chastain, James McAvoy, Viola Davis, William Hurt, Isabelle Huppert u.a.

Story:
Nach einem Schicksalsschlag versucht das verheiratete Paar Eleanor und Conor auf unterschiedliche Art das Trümmerfeld ihres Lebens wieder in geordnete Bahnen zu bringen.

Manchmal haben Regisseure größere Ideen, als sie umsetzen können. Manchmal liefern Regisseure Werke ab, die in ihrer geplanten Urform nur schwer einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden können. Jüngst wurde Lars von Triers epischer fünfeinhalb Stunden Zweiteiler „Nymphomaniac“ in einer angepassten und abgesegneten Fassung in zwei zweistündigen Filmen in die Kinos der Welt gebracht. Ned Bensons Langfilmdebüt erlebt nun ein ähnliches Schicksal. Doch wie bei Lars von Trier muss und darf man die so aufgefasste „Kompromissversion“ nicht einfach ignorieren, wenn wir nicht irgendwann beide Versionen verlieren wollen. Gerade bei „Eleanor Rigby“ könnte dieser Kompromiss besonders interessant sein.

Regisseur Ned Benson, der mit Jessica Chastain liiert war, schrieb die Rolle extra für sie.


Bensons Film war ursprünglich ebenfalls ein Zweiteiler. In einer „His“ und einer „Her“ Version lief „The Disappearance of Eleanor Rigby” auf Festivals. Dieselbe Geschichte von Conor und Eleanor, die ihr Leben wieder gerade zu rücken versuchen, einmal aus seiner und einmal aus ihrer Perspektive. In die deutschen Kinos kommt nun die „Them“ Version, ein Zusammenschnitt beider Perspektiven, um erstmalig ein echtes, geschlossenes Ganzes in einem Einzelfilm zu präsentieren. Statt zwei separate Filme im Nachhinein miteinander zu vergleichen, entfaltet sich die Geschichte von Eleanor und Conor nun gleichzeitig und überwiegend chronologisch.

Anders, als man hätte annehmen können, ist Benson jedoch nicht an einem „Rashômon“ ähnlichen Film über subjektive Wahrheiten interessiert, nicht an einer faszinierenden Unwirklichkeit, wie in „Die Liebesfälscher“. Trailer und Werbungen sollten bei der Betrachtung eines Films keine Rolle spielen, doch es ist enttäuschend zu sehen, wie aus einem faszinierenden Grundkonzept zumindest in dieser Version „nur“ ein geradliniges Drama wird. Fast, als wollte Benson zeigen, welche Perspektive die richtige ist, vermeidet der Film jede Form perspektivischer Ambivalenz. Es gibt moralische Ambivalenz und individuelle Arten, wie man mit erfahrenem Leid umgeht, doch „Eleanor Rigby“ kommt ohne Split Screens, ohne Szenendoppelungen, ohne Parallelmontage aus. So ist dieser Film auch, obwohl eigentlich die gemeinsame Perspektive, zu bestimmt zwei Dritteln „Ihr“ Film, der von Eleanor Rigby. Conor spielt in einem Film, in dem Eleanors Eltern, ihre Schwester und eine Uni Dozentin fast gleichwertig wichtig sind wie er, lange Zeit nur im Hintergrund. Und der ewig sympathische James McAvoy belebt diese hier und da etwas zu sehr an den Rand gedrängte Rolle immens. Doch es ist Jessica Chastain, die begeistert, der diese Rolle tatsächlich auf den Leib geschneidert wurde. Seit drei, vier Jahren ist die rothaarige Amerikanerin nicht mehr wegzudenken aus dem US-Kino und wenn man dieses faszinierende Gesicht mit der unbeschreiblich magnetischen Präsenz und Ausdruckskraft des Stars aus „The Tree of Life“, „The Help“ und „Zero Dark Thirty“ sieht, weiß man auch warum.

Das Lied "Eleanor Rigby" der Beatles spielt für den Film keine große Rolle, wird aber genannt.


Um diesen Film, diese Version der Geschichte von Eleanor und Conor, wirklich aufnehmen zu können, ist es hilfreich, all das hinter sich zu lassen und sich die Überlegungen über das „Hätte, Wäre, Wenn und Aber“ der zweigeteilten Version aufzusparen, wenn es diese zu sehen gibt. „Das Verschwinden von Eleanor Rigby“ ist nämlich ganz für sich genommen ein ausgesprochen faszinierender Film, der sein Potential vielleicht nicht vollends ausschöpft und zuweilen etwas arg gedehnt wirkt, ein wenig unrund läuft – aus welchen Gründen auch immer – der aber ausreichend Ideen, Emotionen und faszinierende Darstellerleistungen hat, um selbstständig betrachtet werden zu können. Wir lernen Eleanor und Conor als verliebte Zechpreller kennen, die einander mit Haut und Haar begehren. In der nächsten Szene springt Eleanor mit einem Todeswunsch von einer Brücke.

Mit diesem ersten Kontrast weckt Benson unser Interesse. Was ist nur geschehen, um dieses unbeschwert verliebte Paar so aufzuwühlen, dass Eleanor einen Selbstmordversuch unternimmt? In Dialogen gibt es Hinweise und Andeutungen, die schon frühzeitig mehr oder weniger klar mitteilen, was der Kernauslöser war, ohne aber zu sehr ins Detail zu gehen. Wir kriegen keine Rückblenden, keinen erklärenden Streitdialog, der einmal exemplarisch alle Fakten auf den Tisch legt. Es geht nicht um das, was bereits geschehen ist, es geht darum, wie es nun weiter geht. Eleanor und Conor müssen nach einer erlittenen Tragödie ihr Leben neu ordnen, einen neuen Sinn, einen neuen Antrieb im Leben finden. Eleanor wollte raus aus dem Leben und irrt nun haltlos herum, klammert sich an die verordnete Aufgabe die Uni Karriere zu beenden, die sie in der Vergangenheit aufschieben musste. Conor verdrängt, schließt die Tragödie als Gesprächsthema aus und kümmert sich um seine Bar, die ebenfalls kurz vor der Schließung steht. Doch Eleanor will er nicht verlieren, obwohl diese ihm lange gezielt aus dem Weg geht. „Tragödien sind wie fremde Länder, wir sprechen die Sprache der Einheimischen nicht“, sagt Eleanors Vater zu ihr als Ausdruck seiner Hilflosigkeit, wie er seine Tochter erreichen und ihr helfen kann. Der Weg zurück ins Leben, nachdem man glaubt, jeglichen Halt verloren zu haben, ist lang und schwer. Wenn es einen Weg geben sollte, sieht er für jeden Menschen unterschiedlich aus. „Eleanor Rigby“ versucht das emotionale Chaos zu ordnen, es aber nicht zu simplifizieren, was man dem sprunghaften Schlussdrittel anmerkt. Es bleibt an Jessica Chastain und James McAvoy uns bis zum Ende im Film und an diesen Schicksalen effektiv teilhaben zu lassen.

Fazit:

Ein faszinierendes Grundkonzept, das in dieser Version des Films etwas zu sehr einem gewöhnlichen Drama gleicht. Als solches aber dennoch thematisch faszinierend, äußerst emotional und großartig gespielt.

6,5 / 10

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