BG Kritik:

Die Entdeckung der Unendlichkeit


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

The Theory of Everything (UK 2014)
Regisseur: James Marsh
Cast: Eddie Redmayne, Felicity Jones

Story: Die Lebensgeschichte des brillanten Physikers Dr. Stephen Hawking, der früh einer körperlähmenden Krankheit erlag, einer prognostizierten geringen Lebenserwartung jedoch ein langes Leben, eine mehrköpfige Familie und anhaltenden beruflichen Erfolg entgegnete.

Eine der großen Oscar-Hoffnungen für 2015.

Bekannt ist Hawkings Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit"


Will man auf Oscarhascherei gehen, gibt es einige Aspekte, die einen Gewinn wahrscheinlicher machen. "Die Entdeckung der Unendlichkeit" vereint gleich mehrere dieser Faktoren und addiert sie zu einer guten Aussicht. Zunächst einmal zieht es die Wurzel der Lebensgeschichte eines historisch relevanten Mannes, die bisher noch nicht prominent verfilmt wurde. Kurioserweise gibt es einen TV-Film, in dem ausgerechnet Benedict Cumberbatch Hawking spielte, der bekanntlich 2015 mit The Imitation Game über den tragischen Fall eines anderen renommierten Wissenschaftlers einer der größten Konkurrenten dieses Films ist.

Dann ist es eine konfliktreiche Liebesgeschichte, was Hollywood liebt, da die Grundlage nicht Hawkings eigene Formulierungen sind, sondern die seiner Ehefrau, und es ist zugleich eine Underdogsage, da man Hawking einen frühen Tod, keine Karriere und kein Familienleben zutraute. Für die Darstellung war eine aufwendige körperliche Verstellung vonnöten, was Hauptdarsteller Eddie Redmayne viel abverlangen musste, ihn aber auch automatisch von anderen hervorhebt. Zu guter letzt aber sind viele der Oscar-Aspiranten durchaus gute Filme, und das erfüllt Die Entdeckung der Unendlichkeit rechnerisch.

Redmayne spielt demnächst den Bösewicht in Jupiter Ascending


Regisseur James Marsh hat eine liebevolle Perspektive gewählt. Im Mittelpunkt steht Hawkings Erkrankung an amyotropher Lateralsklerose, die ihm über 90% seines Körpers lähmte, aber der Film zielt trotz allem nicht auf Mitleid ab. Die Diagnostik und Schlüsselpunkte der Fortschreitung werden jeweils als kummervoll inszeniert, aber im Vordergrund steht Lebensfreude, was primär in der Unterstützung seiner Frau und Freunde begründet wird. Eddie Redmayne, der sich bereits in Les Misérables, Die Säulen der Erde und My Week with Marilyn als bemerkenswertes Talent äußerte, liefert hier eine großartige Performance ab. Einen körperlich behinderten Menschen glaubwürdig zu spielen ist sehr schwierig, doch die graduelle Degeneration seiner Motorik spielt er ebenso gut wie den sympathischen Nerd, der er in Studententagen war oder den Frust, später im eigenen Körper gefangen sein zu müssen. Wer Hawking schon einmal in Aktion gesehen hat, weiß zudem, dass der Brite für seinen überraschenden Humor bekannt ist. Dementsprechend lässt Marsh den Zorn und die Traurigkeit in Maßen bleiben und belässt das Hauptaugenmerk auf Hawkings Optimismus und der Liebe zu seiner Frau.

Die, gespielt von einer guten Felicity Jones, hat ihr ganz eigenes, interessantes Päckchen zu schleppen. Selbst Wissenschaftlerin, muss sie ihre Universitäts-Karriere wegen der Pflege und der gemeinsamen Kinder zurückstecken und amorös ziehen irgendwann Spannungen auf, als sich die mehrfache Mutter in ihren Chorleiter verliebt. Die Konflikte zeigt Marsh, lässt sie aber auf Sparflamme, um den freundlichen Ton nie zu finster werden zu lassen. Auf Dauer irritiert es ein wenig, denn so schön der Score und die Kameraführung und die charismatischen Charaktere sein mögen, erscheint es gehemmt. Es wird zwar nicht so gelackt beschönigt wie das WM Teamportrait in „Die Mannschaft“, doch das Ausblenden der Konflikte und weniger leichten und schönen Seiten kratzt an der Ehrlichkeit des Films. Wenn nicht gerade das Buch der Frau die Vorlage gewesen wäre, hätten sie sicher auch die Trennung der beiden ausgelassen, so scheint es. Bei allem Tribut an Hawking fällt hingegen auf, dass seine berufliche Bedeutung, also das, was ihn unter den ~7 Milliarden Menschen auf der Welt auszeichnet, auf Fußnoten beschränkt wird. So sehr wie sich Marsh auf Hawkings ständigen Kampf gegen die Verschlechterung seines Zustands konzentriert, bleibt auf der Strecke, wieso Hawking heute als einer der wichtigsten Wissenschaftler des letzten Jahrhunderts gezählt wird.

Kurz wird gezeigt, wie er seinen Doktortitel erhält, wie ihm Wissenschaftlerkollegen gratulieren und gegen Ende des Films, wie er für junge Studenten inspirierend ist, aber im gesamten Film wird einfach unzureichend kommuniziert, welche Bedeutung er für die Weltgeschichte hat. Theoretische Physik mag jetzt nicht leicht erklärt sein, aber das wäre so, als würde man bei einem Film über Wladimir Klitschko primär über Milchschnitten, Fitnessstudios und Hayden Panettiere reden, und 20 Jahre Boxkarriere am Boden auszählen. Strukturell ist der Film übrigens ein typisches Best Of, das sich wie die Verfilmung seines Wikipedia-Eintrags anfühlt. Es werden rund 50 Jahre Hawking in 2 Stunden gezeigt, mit großen Zeitsprüngen zwischen den jeweils nächsten wichtigen Schlüsselelementen. Das hat seine Vor- und Nachteile. Zum einen sind derartige Abläufe informativ interessant und fordern in diesem Fall auch viel von Schauspiel und Make-Up, das Marshs Team mit Bravour bewältigt. Zum anderen folgt fast jeder Film einem gewissen Aufbau, der cineastisch einen großen Konflikt im letzten Drittel benötigt; das trifft leider auf die seltensten Biopics treffend zu und ist hier ganz ebenso der Fall. Die Trennung zwischen Stephen und Jane Hawking wird als dramatischer Höhepunkt aufgebauscht, was sie aber nicht ist, zumal Hawking kurz darauf eine Frau kennenlernte, die zumindest im Film sogar noch perfekter zu ihm zu passen scheint.

Fazit:

Die Entdeckung der Unendlichkeit ist ein ziemlich schön gemachtes Werk über das Familienleben des berühmten Wissenschaftlers Stephen Hawking, das die Tragik, leider aber auch dessen berufliche Bedeutung eher kleinhält. Ein herzlicher, gut gemachter Film, der die Unendlichkeit wohl aber nicht erreichen wird.

7 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

Dir gefällt BG? Unterstütz uns mit einem Klick auf

> Lies alle Meinungen zum Film! (226)

Gleich weiterlesen:


    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

    Warning: Creating default object from empty value in /www/htdocs/yeah/kritik/kritikentdeckungderunendlichkeit.php on line 112

  • Sin City 2   Michael Essmann

  • Whiplash   Christian Mester

  • Wild   Christian Mester

  • Maps to the Stars   Christian Westhus
bereitsgesehen.de - Lass uns über Filme sprechen! - Home - Kritiken - Community - Specials - Impressum
Copyright 2017 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich