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Kritik:
Enter the Void


von Christian Westhus

ENTER THE VOID (2011)
Regie: Gaspar Noe
Darsteller: Paz de la Vega

Story:
Als Oscar (Nathanial Brown) eines Abends bei dem Versuch, Drogen in einer verruchten Spelunke Tokios vor der Polizei im Klo davon zu spülen von diesen erschossen wird, endet sein Dasein nicht. Fortan schwebt er als transzendentes Wesen umher und besucht die Körper seiner ganz in der Nähe lebenden Schwester (Paz de la Vega) und den eines Freundes (Cyril Roy)...

Kritik:
Gaspard Noé holt die transzendentale Abrissbirne raus, denn während Clint Eastwood aktuell im Kino eine gemütliche Bootstour durchs theoretische Jenseits unternimmt, erscheint Noés im Sommer kaum gesehener psychedelischer Todesritt nun auf DVD. Und der gebürtige Argentinier ballert wie gewohnt aus allen Rohren, ohne Rücksicht auf Verluste und voll aufs Fressbett gegen jede Sehgewohnheit. Noé fängt mal wieder mit dem Abspann an, aber keine Sorge, dieser Film läuft nicht rückwärts. Zumindest nicht kontinuierlich und nicht inhaltlich. Es brodelt und knistert und flackert audiovisuell vom Feinsten; unheimlich flimmernde Namen, die in rascher Abfolge über den Bildschirm irrlichtern. Und dann der völlig wahnsinnig gewordene eigentliche Vorspann, direkt aus der Neon-Hölle, auf den sich Thomas Bangalter ein fettes Techno-Dance-Ungetüm knüppelt, dass die Balken biegen, während grandios stilisierte Titelkarten, zwischen Pop-Art, Graffiti und Absurdität, wuchtig über den Bildschirm donnern. Noé packt das Medium Film bei den Eiern und rotzt schon die Titeleinblendung derart kackendreist und unverschämt cool aufs Parkett, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wenn es doch nur so weiter gehen würde. Aus dem Hochgeschwindigkeits-Techno-Irrsinnszug gen Ende des Universums, springen wir ab ins nächtliche und erstaunlich ruhige Tokio und zu Oscar, unserem Protagonisten, auf den Balkon. Das heißt, wir springen in Oscar hinein, denn „Enter the Void“ ist ein Grenzen sprengendes Kameraexperiment vor dem Herrn und probiert sich gut durchdacht und technisch atemberaubend an Ego-Perspektive, Verfolgerperspektive und Körperlosigkeit. Ganz ehrlich:„Enter the Void“ hätte ein Jahrhundertfilm sein können, ein Meisterwerk, seiner Zeit Lichtjahre voraus, neue Wege beschreitend.

Ein selbstbewusstes Monster von großer Ambition und radikaler Umsetzung, geschaffen von einem künstlerisch voll im Saft stehenden Filmemacher, der wagt, dort hin zu gehen, wo noch kein Film zuvor gegangen ist. Leider – und dieses „leider“ kann man nicht groß genug betonen – ist „Enter the Void“ „nur“ ein größtenteils atemberaubendes, selbstbewusstes und kameratechnisch revolutionäres Werk, ohne wirklich die goldene Spitze von Kunst, Avantgarde und Cojones zu erreichen. Leider nämlich ist Gaspard Noé eher Provokateur mit Dampfhammer-Mentalität, kein Romantiker, kein sensibler Humanist, sondern ein Polterer. Mit einem menschelnden Kern und mit intensiveren Emotionen, abseits von Verwirrung, Schock und unermesslicher Faszination, wäre „Enter the Void“ 160 Minuten Filmkunst für die Ewigkeit. Ganz ehrlich. Wir sind Oscar, erleben durch die technisch verblüffend eingesetzte, in der ersten Dreiviertelstunde nahezu komplett ohne sichtbaren Schnitt (abgesehen vom ständigen Zwinkern) entwickelte Ego-Perspektive unverfälscht seine subjektive Sicht. Es ist absolut konsequent, was Noé hier macht und es funktioniert zunächst hervorragend. Oscar lebt in Tokio, wo auch seit kurzem seine Schwester wohnt und arbeitet. Oscar liest ein Buch über Reinkarnation und nimmt uns schließlich durch psychoaktive Drogen mit auf einen psychedelischen Trip, der sich gewaschen hat. In ruhig präsentierter, bizarrer Bilderflut, die, wenn sie überhaupt an etwas erinnert, an das berühmte Lichterspektakel im letzten Drittel von Kubricks „2001“ erinnert, werden wir ganz Teil von Oscar. Hier wird der Film schon selbst zur überwirklichen Erfahrung, zum größtenteils geglückten Experiment in Narration und Kameraarbeit. Etwas später, als Oscar schließlich gestorben ist, entflieht seine Seele und geistert fortan körperlos durch (nicht zwingend über) Tokio. Die extrem aufwändigen, oftmals computerunterstützten Kran- und Flugszenen setzen das fort, was Noé schon in „Irreversibel“ – wie man dachte – bis zum Exzess versuchte. Eine komplett körperlose Kamera, unsichtbare Schnitte und eine unwirkliche Geographie, bar jeder nachvollziehbaren Physik, aber eben doch realistisch. Wir sind es, die irreal sind. Oscar ist es.

Und Oscar irrt nicht nur durch Tokio, schaut mal eben vorbei, was die Schwester so im wahrsten Sinne im Moment seines Todes treibt, sondern er überwindet auch die Grenzen der Zeit. Es wirkt fast so, als mache sein Verstand, im Moment seiner Auslöschung, einen ewig langen Ausflug durch die Erinnerung, durch Vergangenheit, durch die bekannte und unbekannte Gegenwart und eine (un)mögliche Zukunft. Wir beobachten, nun kameratechnisch in der Verfolgerrolle, Oscar als Kind, entdecken den Pakt, den er mit seiner Schwester hatte und folgen wild, assoziativ und stets schwerelos dem herumirrenden Geist. Fast eine Stunde lang ist es schlicht atemberaubend, was Noé und seine Techniker hier abliefern. Leider (da ist es wieder, dieses „leider“) fällt der Film danach ab. Script und Regie ergehen sich an immer und immer wieder neu wiederholten Motiven von Tunneln, Lichtern und sonstigen „Portalen“, durch die der transzendentale Oscar zwischen Raum und Zeit umher springt. Und Noé zögert die Sprünge durch Minuten langes Kreiseln und Zögern ewig hinaus und hat letztendlich doch erschreckend wenig zu sagen, sondern greift mal wieder zur Provokation. Ohne übermäßig explizit zu werden, ist die Handlung dennoch mehr als nötig auf Sex ausgelegt, ohne daraus sonderlich viel Interessantes oder Relevantes zu ziehen. Oscars Geist, die perverse Sau, dringt zwar zum Beispiel kurzzeitig in den Körper eines Mannes ein, der gerade mit Oscars Schwester schläft, aber sonst sind wir aufs Zusehen beschränkt und irren zwischen der Schwester, der grausamen Vergangenheit, ein paar merkwürdigen Subplots und dem mysteriösen „Love Hotel“ hin und her.

Zu sagen, der Film fiele nach einer Stunde in sich zusammen, wäre ein Schritt zu weit. Es wird jedoch auffällig, dass Noé sein ambitioniertes Projekt über den Tod, vollgestopft mit existentialistischer Unsicherheit und Theorien über das Leben danach, nicht mit Leben füllen kann. Dass Bruder-Schwester-Drama packt uns nicht, obwohl wir selbst als Bruder über den Dingen schweben und Zentrum sämtlicher Emotionen stehen müssten. Plötzlich wird das etwas stumpfe Schauspiel der ausziehfreudigen Paz de la Huerta auffällig, während Thomas Bangalters Musikuntermalung leider nie wieder (und der Film damit auch nicht) den Drive und die Kaltschnäuzigkeit der Eröffnungstitel erreicht, sondern nur monotones Electro-Ambient-Geschwurbel auf Dauerrepeat ist. Damit fühlt sich der Film locker zwanzig Minuten länger an, als er tatsächlich ist und hätte mit einem ebenso wuchtigen und ambitionierten Ansatz auf der Inhaltsebene, wie es Technik- und Erzählebene vorgemacht haben, so viel besser sein können. Das neondurchflutete Tokio ist eine prachtvolle Kulisse, die Kamera ist weiterhin zum Niederknien, aber die meisten Handlungen lassen schlicht kalt, ohne dabei übermäßig abstrakt oder verkünstelt zu sein. Noé reißt inhaltlich in den Kindheitsszenen keine Bäume aus, serviert ein Mal einen grandios inszenierten Schock und setzt ansonsten auf ein paar neckische Details und Provokationen. Das Herz fehlt in dieser Geschichte an jeder Stelle. Wirklich abstrakt und rätselhaft, wenn auch zum Glück – trotz viel unwichtigem Sex – wieder gelungen, dann nur das Ende. Das kann man kitschig und bescheuert finden, wahlweise auch konsequent, pervers oder sogar romantisch. Die Herangehensweise der Regie zeigt gleichzeitig, welches Potential vorhanden war und wodurch es teilweise verschwendet wurde. „Enter the Void“ ist eine Grenzerfahrung, ein technisch herausragendes Wagnis, ein Meilenstein auf formaler Ebene, dessen inhaltliche Ebene mit zunehmender Laufzeit krankt und lahmt. Nicht auszudenken, was für ein Meisterwerk hier im Ansatz schlummert, auch wenn wir es nun „nur“ mit einem grandiosen Filmerlebnis zu tun haben, das die Hoffnung auf Innovationen und Möglichkeiten im Medium aufrecht hält. Ein Film, wie es ihn noch nie gab und so schnell auch nicht geben wird, der, trotz seiner vergebenen Chancen, unbedingt bewundert, sprich gesehen, nein, erlebt werden sollte.

Fazit:
Ein formvollendetes Meisterwerk der visuellen Erzählkunst, mit einer revolutionären Kameraarbeit, die den Film zur meditativen Grenzerfahrung werden lässt. Eine knappe Stunde lang zieht uns Regisseur Gaspard Noé im Minutentakt die Schuhe aus, ehe offensichtlich wird, dass der Film inhaltlich nicht mit seinem phänomenalen technischen Ansatz mithalten kann. Der existentialistischen Jenseits-Philosophie mangelt es an Leben, aber ein Seherfahrungen sprengendes Wunderwerk ist es dennoch. Und eins, das man unbedingt gesehen haben sollte.

8 / 10

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