Kritik:
Enter the Void
von
Christian Mester
ENTER THE VOID
(2011)
Regie: Gaspar Noe
Darsteller: Paz de la Vega
Story:
Als Oscar (Nathanial Brown) eines
Abends bei dem Versuch, Drogen in
einer verruchten Spelunke Tokios vor
der Polizei im Klo davon zu spülen
von diesen erschossen wird, endet
sein Dasein nicht. Fortan schwebt er
als transzendentes Wesen umher und
besucht die Körper seiner ganz in
der Nähe lebenden Schwester (Paz de
la Vega) und den eines Freundes
(Cyril Roy)...
Kritik:
Viele Experimentalfilmer, die sich mit
ihren Arbeiten bewusst vom Gewohnten
entfernen und mit gewagten,
ungesehenen neuen Ansätzen Neues
präsentieren, rütteln zumeist leicht
an des Zuschauers Schulter. "Hey.
Schau mal, was Film noch so kann",
heißt es dann. Oft lohnt es auch
darauf zu hören, doch in der Regel
bleibt das Unübliche eher ungesehen
und klein im Laut. Als Gaspar Noes
Drama "Menschenfeind" 1998 erschien,
war es nicht bloß ein Rütteln. Sein
sperriges Werk über einen geistig
gestörten Schlachter, der seine Welt
hasst und jeden zu vergewaltigen und
töten droht, entpuppte sich als
cineastischer Tritt in die
Magengrube. Schmerzhaft, unangenehm,
untypisch, aber eine bleibende
Erinnerung hinterlassend. Ein Film,
der ungemein schwierig zu schauen
ist und aufgrund seiner
nihilistischen, explizit
deprimierenden Grundstimmung für
nahezu keinen Anlass zu empfehlen
oder positiv zu bewerten wäre.
Noe fiel jedoch erst mit seinem
zweiten Film weiter auf, da
"Irreversible" für Kontroversen
sorgte. "Irreversible" handelt von
einem Mann, der eines Abends
erfährt, dass seine Freundin
vergewaltigt wurde und der dann
loszieht, sich am Täter zu rächen.
Der Film wurde für eine
unerträgliche, neun Minuten lange
Vergewaltigungsszene und für die
wohl explizit wirkendste Gewaltszene
der Filmgeschichte zum breiten
Diskussionsthema, doch obwohl jene
Szenen noch härter sind als der
Vorgängerfilm in seiner Gänze,
übersah der Skandal völlig, dass
"Irreversible" filmtechnisch ein
beeindruckender Beitrag ist. Der
Film, der wie "Memento" rückwärts
erzählt wird und dieses noch
interessanter und emotionaler
schafft, ist visuell packend und
trotz der Abkehr von vielen
Üblichkeiten ein gelungenes Stück
Zelluloid. "Enter the Void", Noes
dritter Film, intensiviert nun einen
seiner beiden markanten Aspekte und
lässt den anderen zurück.
Glücklicherweise entschied sich der
nachdenkliche Franzose dagegen, noch
schlimmeres Extrem in seinen Bildern
anzugehen, bevor Mord und
Misshandlung groteske, nicht mehr
ernstzunehmende Maße ala "A Serbian
Film" angenommen hätten. "Enter the
Void" fokussiert sich auf sein
anderes großes
Identifikationsmerkmal, seiner
außergewöhnlichen Art, Regie zu
führen. Damit liefert er nun
filmtechnisch ein Werk ab, das -
ohne Übertreibungen - visuell zu den
besten aller Zeiten gezählt werden
darf. In "Doom: Der Film" war es
noch Gimmick, Szenen aus Sicht des
Protagonisten zu zeigen, in "Halloween:
Die Nacht des Grauens" ein
gelungener Spannungsmoment - in "Enter
the Void" wird es zum fesselnden,
gar unbeschreiblichen Erlebnis
gemacht. Der Film, der nahezu
komplett aus der Ich-Perspektive der
Figur Oscar gedreht ist, beginnt
zunächst damit, dass dieser sich
nach einer kurzen Unterhaltung in
seiner Wohnung mit Substanzen
berauscht - ein Erlebnis, dessen
Effekt Noe visuell authentisch
nachzustellen versucht. Man taucht
also lange in gewaltige Mandalas,
Farbspektrale und Tunnel ein, deren
Brillanz und Detailverliebtheit so
betörend und magnetisierend
ausfallen, dass man kaum glauben
mag, dass der nachfolgende restliche
Teil damit mithalten könnte - doch
er tut es. Ist Oscar erst einmal im
Dreck eines Klos gestorben, beginnt
eine ebenso berauschende Reise durch
die Straßen Tokios, bei der Oscars
Geist wie eine filmerzählende Kamera
umher fliegt und Geschehen nicht
bloß beobachtet, sondern in die er
auch direkt eintaucht. So betritt
Oscar die Köpfe seiner Freunde,
sieht Gefühle, Erinnerungen und
Träume und verfolgt sämtliche
tragischen Konsequenzen, die sein
frühes Ableben auf seine Mitmenschen
haben. "Enter the Void" ist vom Ton
her jedoch anders als die anderen
Noes; es gibt zwar düstere und
einige unangenehme und bizarre
Szenen (in einer Einstellung begibt
sich Oscar in die Vagina seiner
Schwester und beobachtet von dort
(!), wie sie penetriert wird), doch
trotz ständigem Einsatz von
Nacktszenen ist "Enter the Void"
erträglicher, visuell harmloser und
leichter zu schauen. Könnte man
seine ersten beiden Filme mit den
Begriffen Hass ("Menschenfeind") und
Gewalt ("Irreversible") beschriften,
wäre sein neuer wohl als (Todes-)Rausch
fassbar.
Bildtechnisch ist "Enter the Void"
ein Meisterwerk, doch auch dessen
Klangwelt ist überaus gelungen. Nach
einem bebenden Techno-Intro mit
erschlagenden Opening Credits wird
der Film plötzlich leise; viele
gesprochene Sätze kommen über ein
Flüstern nicht hinaus und die Musik
hält sich bedeckt; Oscars Schicksal
des Geisterdaseins wirkt betäubt und
betäubend, doch auch wenn es das
Geschehen auf Dauer etwas zäh
erscheinen lässt, passt es zum
stillen, fassungslosen Oscar, der
eine finale Grenzerfahrung erlebt.
Zähigkeit bleibt jedoch als Problem,
denn obwohl Oscars
Post-Mortem-Erlebnisse sehenswert
sind und Noe Erinnerungen,
Schicksale und Aussichten mit
speziellen Details interessant hält,
ist der in einem Schildkrötentempo
erzählte Film auf Dauer durchaus
anstrengend. Noe zeigt
beispielsweise in aller Seelenruhe,
wie Oscar von seinem Apartment zu
einer Bar läuft - für gewöhnlich
schneidet man eine Szene wie diese
gänzlich oder komprimiert sie auf
eine Minute, doch Noe zeigt sie
komplett und wiederholt dies mit
vielen seinre Szenen, etwa, wenn
Oscar ständig zwischen seinem Freund
und seiner Schwester wechselt, da er
die Illusion beibehalten will,
Oscars Erlebnis ungeschnitten zu
verfolgen. Das Resultat: zahlreiche
Flüge über und durch japanische
Häuserblöcke. Ein eindringliches
Erlebnis, das jedoch in gut zwei
Stunden gerne mal zur Pausetaste,
zum Aufstehen und Durchatmen einlädt
- und damit gegen den Film spricht,
denn ein rundum gelungener erfordert
dies nicht. Auch schauspielerisch
gibt es einige kleinere Schnitzer,
die "Enter the Void" von einer
klaren 10/10 trennen. Im Film begibt
man sich in Nathanial Browns Oscar
hinein, doch da dieser sein
Geschehen regelmäßig kommentiert,
bleibt er als Element wichtig; nur
dass er nicht herausragend genug
ist. Das Schicksal seiner Schwester
funktioniert besser, da ihres
bildlicher eingefangen ist, doch
auch der gemeinsame Freund lässt ein
wenig zu wünschen übrig. Dennoch: "Enter
the Void" ist ein unvergleichliches
Meisterwerk, das sich von seinen
wenigen Schnitzern nicht gedeckelt
fühlen muss. Ein zu bauchpinselnder
Film, dessen nur limitierte, kleine
Kino-Veröffentlichung und völlige
Nichtbeachtung bei den 2011er Oscars
eine Schande ist. Jeder, dessen
Filminteresse über blanke
Unterhaltung durch "Ice Age" und "Transformers"
hinaus geht, muss diesen Film sehen.
Fazit:
Der Begriff "sehenswert" könnte
nicht klarer passen: es ist das
übersehene Juwel des letzen Jahres:
"Enter the Void" ist ein
unvergleichlicher Drogentrip, der
mal nicht den absurden Comedy-Weg
eines "Fear and Loathing in Las
Vegas" oder den zerschmetternden
Tränendrückerweg eines "Requiem for
a Dream" einschlägt. Ein Film, der
Ruhe, Ernsthaftigkeit und Geduld
fordert, dafür aber mit einem
unvergesslichen Erlebnis aufwartet.
9 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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