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KRITIK:

Eraserhead


von Christian Westhus

ERASERHEAD (1976)
Regie: David Lynch
Cast: David Nance, Charlotte Stewart

Story:
Henry lebt in einer düsteren Industrieumgebung in einer schäbigen kleinen Wohnung. Von seiner Freundin erfährt er eines Tages, dass sie ein Kind von ihm zur Welt gebracht hat, doch das Wesen, welches die verunsicherte Frau mit in Henrys Wohnung bringt, ist ein deformiertes Monster und treibt Henry mit beunruhigendem Geschrei langsam in den Wahnsinn. Aber wie auch die Frau hinter der Heizung weiß, in Heaven everything is fine.

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Kritik:
Albtraumhafte Kinomonstrosität aus dem Hause Lynch. Die beunruhigenden Verschiebungen des Realen, in einen schwer nachvollziehbaren Kosmos des irreal Unterbewussten, hat dem zum Experiment neigenden Regisseur Fankult und Erwartungshaltung gleichermaßen eingebracht. Lynch setzt das Skalpell des psychologischen Horrorfilms an der empfindlichsten und intimsten Stelle der menschlichen Persönlichkeit an. Er legt das Unterbewusstsein frei, reißt die Grenzen zwischen den Bewusstseinsebenen ein und seziert. Lynchs Horrorfilme sind Grenzerfahrungen, die im Kino einmalig sind. Nach einem experimentellen Prolog aus Kurzfilmen, ist dieses erste Spielfilmkapitel Lynchs für viele auch sein Opus Magnum, der Höhepunkt eines kritischen, freien und sehr persönlich gefärbten Avantgarde Kinos.

Mehr als vier Jahre hat David Lynch an diesem Film gedreht. Zwischenzeitlich fast verarmt, lebte er selbst in dem schäbigen Apartment, in dem Henry zwischen Traum, Albtraum und grässlicher Realität irrt. Selbst frisch verheiratet und Vater geworden, entfesselt Lynch einen pechschwarzen Haufen aus Liebe, Sex, Familie und Sehnsüchten. Doch das persönliche Horrorkino des David Lynch funktioniert völlig ohne Biographie seines Schöpfers. Der Zuschauer selbst wird im assoziativen Sog der surreal stimulierenden Bilderwelten verschluckt und färbt das Gesehene auf dem Bildschirm mit eigenen Erfahrungen, mit eigens Gesehenem. Sei es real oder unterbewusst. Während Lynch mit seinen späteren Filmen, insbesondere „Lost Highway“ oder dem König der Konfusion, „Inland Empire“, dafür bewundert wurde, ein erzählerisch undurchdringliches Traumgefüge zu kreieren, das man nicht verstand, das sich aber ganz ‚cool’ anfühlte (besonders bei der U30 Zuschauerschaft ist das nicht selten der Fall), ist sein Erstling „Eraserhead“ fast eindeutig in seiner Bildsprache.

What the... fuck

Empfängnis und Zeugung. In groben Schwarzweißbildern ist Henry zu sehen. Seinem Mund entfliegt ein überdimensionales Spermium, welches auf einem öden Erdplaneten in eine Pfütze plumpst. An den maschinellen Hebeln sitzt der vernarbte Maschinengott, der Herr über Sex und Fortpflanzung. Er legt die Weichen um, damit zusammenfindet, was zusammen gehört. Dass dieses mit einfachen Mitteln höchst effektive Intro ein Traumkonstrukt ist, sollte klar sein. Der Träumer ist Henry selbst, der bereits erahnt, was ihn etwas später als Fakt in Form eines entstellten Lebewesens vorgesetzt wird. Henrys Industriewelt ist ein unwirtlicher Ort. Nichts Natürliches ist hier zu finden. Die Topfpflanze steckt als karges Geäst in einem plumpen Erdhaufen; aus dem Fenster blickt Henry auf eine blanke Mauer, während permanent Hammerschläge und Wind zu hören sind. An der Wand in Henrys kleinem Apartment hängt das Bild einer Atomexplosion. Tatsächlich könnte Henry auf dem Weg zu seiner (Ex?)Freundin, die sich lange nicht mehr gemeldet hat, auch durch Tschernobyl laufen. Erinnerungen an Tarkovkis „Stalker“ werden wach, der (übrigens zwei Jahre später) eine ähnlich brach liegende Landschaft zeigte. Stahl und Beton haben die Natur verdrängt. Die Industrie rattert, verschluckt Menschen als Arbeiter und die Schornsteine spucken dicken, schwarzen Qualm.

Selbst die vermeintliche Realität wirkt eigenartig surreal. Die Umgebung als Symbol der Industrialisierung, des Atomzeitalters, der Verkommenheit unserer modernen, technisierten Welt. Kaum bemerkbar liegt also das Haus von Henrys Freundin, irgendwo zwischen gewaltigen Stromkabeln, Schrott und ratternden Motoren. Im Innern löst sich eine Familie in ihre zweckmäßigen Einzelteile auf. Die Großmutter vegetiert regungslos vor sich hin, der Vater erzählt Anekdoten und die Mutter schleckt Henry vor sexueller Frustration am Hals herum. Seine Freundin, ein heulendes Häufchen Elend, wird zur passiven Figur, weil die Welt unnachgiebig weiter arbeitet. Die Menschen rücken vor und so ist die Zweckheirat nur die logische Konsequenz, wenn man ein Kind zusammen hat. Die gleiche Zweckheirat, die von den Eltern des Mädchens komplett verinnerlicht wurde. Henry schlurft schüchtern und wortkarg durch seine Welt. Die Schwiegereltern kennen zu lernen bereitet ihm Unbehagen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Kind. Henry hat es doch geträumt. Die zu kurz gekommenen Hähnchen auf dem Teller entwickeln ein Eigenleben und beim anschließenden Ausfluss nicht an Menstruation zu denken, dürfte schlicht unmöglich sein.

Dass man sich in den mindestens drei verschiedenen Ebenen zwischenzeitlich verläuft, dürfte wohl Absicht Lynchs gewesen sein. In Träumen findet man sich, rational betrachtet, nicht wirklich zurecht. Logik lässt sich auf Träume nicht anwenden und da Lynchs Grat zwischen Traum und Realität verschwindend gering – wenn überhaupt existent – ist, zieht er uns ein ums andere Mal den Teppich unter den Füßen weg. Das Kind an sich, von dem man – auch die Mutter weiß es nicht – nicht genau sagen kann, ob es überhaupt ein menschliches Kind ist, ist ein tierisch geformtes Etwas mit rundem Kopf, langem Hals und einem arm- und beinlosen Körper, eingewickelt in Mullbinden. Allein der Anblick des schwach aufzuckenden, hechelnden und schluchzenden Dings erzeugt Angst und Unwohlsein. Technisch ist die Puppe grandios umgesetzt. Eine Schreckensgestalt. Doch ist sie inhaltlich real? Das Wesen könnte ebenso gut Henrys Angstprojektion auf die Vaterrolle sein, mit der er nicht umzugehen weiß. Die monströse Ausgeburt eines verschüchterten, zu offenen Gefühlsregungen unfähigen Mannes.

Das Wimmern des Kindes verstört, doch treibt es Henry auch gezielt in den Wahnsinn. Das Zimmer darf er nicht verlassen, obwohl er eigentlich in einer Druckerei arbeitet. Die Freundin hält es mit dem Kind nicht aus und so muss sich Henry alleine mit dem kleinen Ding auseinandersetzen. Das Kind beherrscht ihn, dabei sehnt er sich nach mehr. Die aufreizende Nachbarin oder die Frau hinter Henrys geliebter Heizung. Sie verspricht eine schöne, unkomplizierte Welt. Mit ihr hätte er kein Monsterbaby. Sie weiß Henrys Saat abzulehnen, zerquetscht die übergroßen Spermien auf ihrer kleinen Bühne mit kleinmädchenhafter Freude. Henry hingegen kann nicht mehr klar träumen. Der Traum verwandelt sich in einen Albtraum. Er will Sex, doch keine Kinder. Panisch rupft er in der Nacht der Frau die Spermien aus dem Schritt und wirft sie gegen die Wand, wo sie zerschellen. Unterdessen krabbelt ein bizarrer Wurm im Schrank und auf dem Erdplaneten herum. Und das Kind übernimmt Henrys Gedanken. Henry ist die ausführende Maschine, beherrscht vom Wimmern und spöttischen Kichern eines entstellten Wesens. Den Titel trägt der Film nicht ohne Grund, denn Henry möchte vergessen, der Welt entfliehen, hin zum Heizungsmädchen. Der Weg dorthin, führt zu verzweifelter Gewalt.

„Eraserhead“ ist ein erfahrbar gemachtes Fragment über sexuelle Obsession und Frustration. Henry ist der überforderte Vater, der überforderte Arbeiter, der überforderte Mensch. David Lynch stilisiert Henrys untätige, fast zufällige Sinnsuche, seine Ausflüge in die Fantasie, zu einem bedrohlichen, höchst intensiven Rausch. Mit surrealen Bildwelten spricht der Film immer wieder verschiedene Facetten des eigenen Unterbewusstseins (des Zuschauers) an. Ekel, absurder Humor, bizarre Romantik und die bedrohlichen Auswüchse einer bedrohlichen Welt. In den Kosmos Lynch, in die Welt von „Eraserhead“ einzusteigen ist ein belohnendes Wagnis. Ein einzigartiges Experiment mit unglaublicher Sogkraft. Eine Erfahrung, mit reichhaltiger – und nachvollziehbarer – Anwendbarkeit.


Fazit:
David Lynchs Spielfilmdebüt ist ein bizarres Ungetüm von einem Experimentalfilm. Ein schwarzweißer und höchst stimulierender Bilderrausch. Düster, befremdlich und unheimlich. Die Angstwelten einer verstörten Hauptfigur, der mit seiner Umwelt und der monströsen Abartigkeit des eigenen Kindes, nicht umzugehen weiß. Träumerische Sehnsucht trifft in einer intensiven Filmerfahrung auf den sexuellen Ohnmachtsalbtraum.

9 / 10

 


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