BG Kritik:

Er ist wieder da


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Er ist wieder da (DE 2016)
Regisseur: David Wnendt
Cast: Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Maria Herbst

Story: Adolf Hitler wacht eines Morgens im heutigen Berlin auf. Verwirrt irrt er umher, sich wundernd, was wohl geschehen sein mag. Ein vom Pech verfolgter Marketingexperte schnappt ihn sich, hält ihn für einen genialen Hitler-Impressionisten und versucht ihn groß rauszubringen. Nicht die beste Idee.

Cosplay-Blödsinn trifft die besten Aspekte... des Borat Films. Eine führende Mediensatire?

Christoph Maria Herbst ist mit der Figur Hitler bestens bekannt


Eine Hitler Komödie? Da möchte man sich automatisch von distanzieren, da vermutlich plump und unwitzig umgesetzt, so wie Helge Schneiders missratene Farce Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit witzloser Quark war. Gerade dem deutschen Kino traut man nicht unbedingt zu, das Händchen einer Satire vom Schlage Kubricks Dr. Seltsam oder Chaplins Der große Diktator zu haben. Was hierzulande kommt, ist Kabarett, Karnevalsschank und Cindy von Marzahn.

In seinen ersten 30 Minuten wünscht man dem Konzept sogar rasch einen eigenen D-Day, da Hitler ziellos durch Berliner Straßen latscht und mit seinem arischen Gefasel an jeglicher Comedy vorbeiredet. Gleichzeitig wird ein eklatant mäßiger Plot ins Rollen gebracht, in dem ein Spät-Dreißiger Verlierertyp versucht, die Gunst seines bösen Chefs (Christoph Maria Herbst, in einer einsilbigen, Gargalmel-haften Stromberg-Imitation) zurück zu gewinnen. Es scheint, als habe der Film nichts konkret auszusagen und als würd er so unwitzig wie das Horst Schlämmer Desaster, das ja comedytechnisch irgendwo zwischen dem Hindenburgabsturz und dem chilenischen Grubenunglück anzusiedeln war.

Dann aber gewinnt man unverhofft an Relevanz. Hitler bricht auf und reist durch das Land. Regisseur Wnendt lässt Oliver Masucci, der eine beachtliche, da akkurate, jedoch keineswegs nervenstrapazierende Nachstellung schafft, in seinem Hitler-Outfit auf diverse Passanten treffen, ganz im Stile der Pseudo-Dokus Borat und Brüno. Es mag schwierig sein, zu differenzieren, was davon echt und was gestellt ist, doch die Treffen wirken. Auf einem Hundeplatz erklärt Hitler anhand von Zucht, wie ein Rassist denkt. An Stammtischen wird debattiert, dass kriminelles Ausländergesocks abgeschoben gehört, dass man ja nicht radikal, aber doch gern rechts sei. Hitler trifft auf begeisterte Teenager, die Selfies mit ihm machen wollen und ihn feierlich mit Hitlergruß begrüßen. Selbstredend geht es zur NPD, zu Pegida-Befürwortern, und man trifft auch auf Senioren, die Hitler selbst miterlebt haben. Die Toleranz und Sympathie, die man Hitler entgegenbringt, schockiert und überrascht, doch Wnendt’s Zusammenschnitt der Reaktionen ist glücklicherweise nicht einseitig. Auch kritische Stimmen kriegen Momente, weisen daraufhin, dass es geschmacklos ist und nicht verharmlost werden darf, wofür er steht.





Richtig ist Wnendts Entscheidung, seinen Hitler nicht zur Karikatur verkommen zu lassen. Oliver Masucci übertreibt es mit seinen rollenden R’s nicht. Immer wieder hält man sich zurück, will, dass die Leute das Wort ergreifen, ihre wahren Gefühle und Gedanken preisgeben, anstatt sie mit einem albernen Hitler-Imitat unterhalten zu wollen. Der Film selbst kommentiert das Geschehen wenig bis gar nicht, stellt aber zwischen den Zeilen die Vermutung auf, dass wohl die wenigsten heutigen Hitler-Befürworter menschenverachtende Rassisten sind, gewillt für Versklavung und Genozid von Mitmenschen stehen. Vielmehr werden sie als unzufriedene, besorgte, fälschlich informierte Bürger der unteren Bildungsschicht gezeigt, für die die typische Regierung ein unerreichbares Phantomwerk ist, gegen das man sich in kleinen sozialen Kreisen zusammenrotten kann. Das erreicht nichts, gibt ihnen aber ein Gefühl, es zu versuchen. Zum Glück belässt man Hitler trotz allem bei seiner Weltanschauung. Er mag es lange für sich behalten, doch entgegen aller Späße steht auch dieser Hitler offen für Rassismus, Menschenverfolgung, Massenmord, Welteroberung und all seinen anderen traditionellen Hobbys. Er ist kein Dr. Evil, kein harmloser alter Narr, sondern ein manipulativer Menschenhasser, der genau weiß, wie er die Massen steuern und ansteuern muss.

Über den Punkt Medien sucht der Film unter anderem Schuld im Fernsehgeschäft. Wenn Hitler durch die Kanäle zappt und Kochshows, Scripted Reality Shows und dergleichen schnippisch kritisiert, fühlt man sich durchaus ertappt, gleicher Meinung mit Hitler zu sein. Das führt man fast clever weiter, indem die Agentur, die ähnlichen Quatsch wie die genannten Unterschichtenshows fabriziert, ihn aus gleichen Gründen ins Showgeschäft packt, wo seine Propaganda ahnungslos als gut gespielter Spaß vernommen wird. Hitler mag deplatziert wirken, erkennt aber die Mechanismen und nutzt sie, um sich immer mehr Medienmacht zu verschaffen – so wie er damals zu seiner Zeit ein wahrer Meister darin war, Radio- und Kinonachrichtenkanäle für seine Zwecke zu nutzen, und sein Publikum für sich zu gewinnen. Mehrbödig witzig ist die Tatsache, dass sich diverse deutsche Youtube-Stars in Persona gespielt für Hitler aussprechen, obgleich der Film jene als unlustige Geldmacherei und Volksverdummung positioniert.

Er sprach das Hörbuch zum Buch des Films, und spielte Hatler in Der Wixxer


Die Rahmenhandlung mit dem Marketingagenten und Stromberg bleibt den gesamten Film über auf GZSZ-Niveau, findet aber vereinzelt gelungene Momente. Höhepunkt ist ein Treffen von Oliver Masucci, Christoph Maria Herbst und Michael Kessler. Herbst sprach das Hörbuch des Romans, auf dem der Film mit Masucci basiert; außerdem spielte er Stromberg in der prämierten Pro7-Serie und eine hitlerhafte Figur in Der Wixxer. Comedyveteran Kessler hingegen veralberte Stromberg als Hitler im bekannten Obersalzberg-Sketch, sodass auf Meta-Ebene gleich drei Hitler mit unterschiedlichen Medienverknüpfungen aufeinander treffen. Ebenfalls amüsant ist ein Wutausbruch von Herbsts Cheffigur, der wie Hitlers Blutrede im Film Der Untergang inszeniert ist. Zu beobachten ist, dass Hitler auf dieselbe Art durch die Zeit reist wie die Terminatoren, mit Kugel und Blitzen, außerdem trägt der Marketingpinsel ein an Marty McFly angelehntes Outfit und hat zudem ein Zurück in die Zukunft Poster in seinem Zimmer hängen. Die Sekretärin, in die er sich verliebt, erinnert nicht von ungefähr an Pauley Perrette aus Navy CIS. Wnendt hat folglich so manche Verweise auf Vorbilder einfließen lassen. Schade aber unübersehbar ist, dass Wnendt mit seinem Film nicht annähernd an die Qualitäten dieser heranreicht. "Er ist wieder da" ist ohne Frage interessant, doch der Film ist zu unbesonders inszeniert, mit zu vielen Impro-Szenen und an eine zu verwaschene "echte" schlechte Filmstory gebunden, dass man sinnieren darf, was wohl Fritz Lang oder Leni Riefenstahl aus dem gleichen Konzept gemacht hätten. So bleibt es eine okaye Satire, wie Moritz Bleibtreus "Free Rainer - Dein Fernseher lügt".

Fazit:

„Er ist wieder da“ entkommt einem Bunker alberner Hitlerspäße und marschiert im Stechschritt hinter den gelungenen Pseudo-Dokus von Sacha Baron Cohen her. Ein wenig holprig in Szene gesetzt, mit markanten Plotschwächen und einem lahmem Einstieg belastet, findet er schließlich doch zu interessanten und witzigen Momenten - und nötiger als alles andere, verübt nachvollziehbare Gesellschaftskritik und wichtige Warnung. Wnendts Film führt anhand des Führers vor, wie präsent die damaligen Miss- und Umstände auch heute noch sind, die die alte Welt in eine ihrer dunkelsten Stunden zog, und wie nah wir am Abgrund spazieren, das zu wiederholen. Das kann man gewitzter, einfallsreicher und spannender verpacken, doch das Herz des Films ist am "rechten" Fleck.

5,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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