BG Kritik:

Everybody wants some!!


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Everybody wants some!! (USA 2016)
Regisseur: Richard Linklater
Cast: Blake Jenner, Tyler Hoechlin, Glen Powell, Zoey Deutch, u.a.

Story: Sommer 1980: Jake kommt als über ein Sport Stipendium an die Uni in Texas. Er und seine Kollegen vom ruhmreichen Baseball-Team, ein Sprungbrett für eine Profikarriere, bewohnen zwei große Häuser gemeinsam, um sich kennen zu lernen. In drei Tagen beginnt das Semester; Zeit genug für die Jungs ausgiebig zu feiern, zu trinken, Frauen kennen zu lernen und eine gute Zeit zu haben.

„Männer stehen ständig unter Strom / Männer baggern wie blöde / Männer lügen am Telefon / […] Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht / Außen hart und innen ganz weich / werd’n als Kind schon auf Mann geeicht / Wann ist ein Mann ein Mann?“ – So formulierte es Herbert Grönemeyer 1984. „Boyhood“ Regisseur Richard Linklater hat daraus – vermutlich ohne es zu wissen – einen Film gemacht.

Benannt nach einem Lied von Van Halen.


Linklater, geboren 1960 in Houston, Texas, hat natürlich seine ganz eigene Musik, um diesen im Texas von 1980 angesiedelten Film zu vertonen. „Oh, my little pretty one, my pretty one / When you gonna give me some time, Sharona / Oh, you make my motor run“, singen die Jungs von The Knack gleich zu Beginn, wenn Erstsemester Jake die Musik im Auto aufdreht, um sein neues Leben als College Student und Baseball-Spieler zu starten. Das ist weniger direkt als Grönemeyer und dadurch auch passender. Dennoch könnte „Everybody wants some!!“ (benannt nach einem Van Halen Lied) eigentlich auch „Manhood“ heißen, denn nicht nur macht der Film inhaltlich quasi dort weiter, wo „Boyhood“ endete, Linklater ist hier auch ganz gezielt unterwegs, das Wesen und die Natur des Mannes zu ergründen.

Das mag wahlweise Augenrollen oder ein energisches „Yeah“ hervorrufen, doch mit dem aus seiner eigenen College Zeit inspirierten Film hat Linklater den Finger am Puls der Zeit. Wir befinden uns in einem Konflikt zwischen den Geschlechtern. Ob dies ein neuer Konflikt oder die Fortsetzung und Weiterentwicklung eines Jahrzehnte und Jahrhunderte anhaltenden Prozesses ist, sei dahingestellt, doch es vergeht kaum ein Tag, ohne dass es in der Popkultur, der Politik oder im realen Austausch zu kleineren oder zumeist größeren Meinungsdifferenzen kommt, wie sich jemand in einer Situation X zu verhalten hat, welche Worte noch legitim sind und womit man einen #Aufschrei auslöst. Linklater ist jedoch gar nicht daran interessiert einen Problemfilm über institutionellen Sexismus oder über Schlagworte wie „Rape Culture“ (Link) oder „Toxic Masculinity“ (giftige/schädliche Maskulinität) zu drehen. „Everybody wants some!!“ versucht zu zeigen bzw. daran zu erinnern, dass es eine „Healthy Masculinity“ (gesunde Maskulinität) gibt. Das klingt schrecklich ernst und theoretisch – ist es aber nicht.

Linklater wohnte zu College-Zeiten selbst in einem Baseball Haus.


„Everybody wants some!!“ hat keine Agenda im eigentlichen Sinne. Linklater möchte nicht belehren, sondern aufzeigen, wie unterhaltsam und positiv Kerl-sein wirken kann. Die ausschließlich männliche Baseball Gruppe ist selbst durchzogen von Konflikten. Jeder verweigerte Handschlag, jeder Verweis auf unzulässig kleine Hoden oder mangelnden Erfahrungsstand in der Horizontalen ist ein Angriff auf den Konkurrenten gegenüber und eine inszenierte Bestätigung der eigenen männlichen Würde. Linklater gibt ganz subtil am Rande durchaus zu verstehen, dass diese Umgebung in Extremfällen durchaus auch Brutstätte für Psychosen und Depression sein kann, wagt aber zu fragen, welche Art von Wettkampf (Karriere, Sport, Leben) das nicht ist. Und hier ist alles ein Wettkampf. Die Jungs haben noch keine wirklichen Verpflichtungen, nehmen die Vorschriften ihres Trainers bezüglich Alkohol und Mädchen nicht besonders ernst und verbringen diese drei Tage vor Semesterbeginn jugendlich frei und ziellos. Im Haus wird ständig gespielt und gekämpft, gewettet und verglichen; mit Basketball im Wohnzimmer, Axt-Baseball, Ping Pong, Wetttrinken und bedeutungslosem Blödsinn wie abwechselnden Schlägen aufs Handgelenk vergleichen die Jungs ihren Status und wachsen als Teamkollegen und vielleicht sogar Freunde zusammen.

Die Baseball-Gruppe könnte auch wie eine klassische College Fraternity (Bruderschaften) sein, die mit albernen Ritualen, zelebrierter Männlichkeit und einem radikalisierten Jagdinstinkt auf „Besitzerinnen einer Pussy“ der Inbegriff für „Toxic Masculinity“ wurden. Linklater zeigt uns lässig und unaufgeregt, wo die Unterschiede liegen. Anders als „Dazed and Confused“ (Sommer der Ausgeflippten, 1993), mit dem dieser Film häufig verglichen wird, hat EWS eine Hauptfigur und so etwas wie einen Plot. Wir folgen dem jungen Pitcher Jake und durch diese subjektive Perspektive lernen wir die Welt der Baseballer und ihrer Freizeitgestaltung kennen. Linklater differenziert den Sprachgebrauch der Jungs klug zwischen Jargon und Ideologie. Wenn eine Anmache nicht zum Erfolg führt haben die Jungs Ausreden parat, doch für gewöhnlich suchen sie die Schuld, nichts „bekommen“ zu haben, bei sich selbst oder ihren Kumpeln. Keiner der wunderbar gespielten und effektiv überzeichneten Jungs geht davon aus, dass ihnen Erfolg beim anderen Geschlecht zusteht. Wenn man nach aggressiven Flirts, gemeinsamen Drinks und Tanzen irgendwann dann doch Erfolg hat, so ist das weder eine Katastrophe, noch ist es die Zelebrierung eines sexistischen Weltbilds. Linklater impliziert die ach-so-wagemutige (*zwinker) Behauptung, auch junge Frauen wollten einfach nur jung sein, suchten Spaß und eine gute Zeit, nicht anders als die Männer. Wenn zwei junge Menschen für eine Nacht aus jeweils freien Stücken zusammenkommen und sich am Tag darauf quasi wieder vergessen haben, ist das ein Aspekt dessen, was „jung sein“ (u.a.) beinhalten sollte.

So ist EWS nicht zuletzt auch ein Film über männliche Kollegialität. Wenn einer der Sportler bei einem Kunst-Festival mitmacht zweifeln seine Kollegen nicht seinen Status, nicht seine Authentizität als Mann an, sondern jubeln ihm zu, ermutigen ihn. Wenn in einem Fall mal echte Gefühle ins Spiel kommen, ist der Betroffene kein „Schlappschwanz“, sondern man gratuliert ihm oder wirft ihm eine dieser herzlich-brachialen Beleidigungen an den Kopf, die in diesem Kontext und unter diesen Jungs Ausdruck von Respekt und Kameradschaftlichkeit sind. Das ist ansteckend unterhaltsam und doch enorm clever. Linklaters Drehbuch ist messerscharf, in den Dialogen gewitzt und präzise, ohne ein einziges Mal didaktisch zu werden. Auch wir haben eine gute Zeit, weil wir unterbewusst spüren, dass Jugend Spaß machen darf und soll, wenn Grundwerte eines Miteinanders auf Augenhöhe gewährleistet sind. Wie gewohnt ist Linklater Meister darin, echte Situationen zu entwickeln, sie ausspielen zu lassen und seine inhaltlichen Anreize aus klug eingefügten Klischees und Stereotypen zu ziehen. Diese Stereotypen fügt er in den weiteren Stationen von Jakes Erlebnissen wunderbar zusammen und entlässt uns mit einem perfekten, pro-jugendlichen Bild eines jungen Erstsemesters, der das Leben genießen will.

Fazit:

Nach „Before Midnight“ und „Boyhood“ erneut eine unverzichtbare Wundertat von Richard Linklater. „Everybody wants some!!“ ist ein komplexes und wunderbar beobachtetes Szenario, das wesentlich tiefgreifender ist als es sich für einen so unterhaltsamen Film gehört.

9 / 10

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