BG Kritik:

Far Cry Primal


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Far Cry Primal (FR 2016)
Studio: Ubisoft Montreal
keine nennenswerten Sprecher

Story: Der jüngste Far Cry Ableger spielt vor ziemlich genau 10.2016 Jahren und erzählt die Geschichte des Urmenschen Takkar, der eines Tages den Anschluss zu seinem Clan verliert. Beim planlosen Herumirren trifft der stumme Mammutklopper die Ohrensammlerin Sayla vom Clan der zerschlagenen, friedlichen Wenja, mit der er einen eigenen Clan gründen will…

Gemütliches Grinden in der Steinzeit.

Mit Bienenbomben und Fackelkeule


Far Cry 2, 3 und 4 hielten sich an eine Formel, das absurd bescheuerte Blood Dragon hingegen sah herrlich anders aus. Primal sieht auf den ersten Blick frisch aus, ist es insgeheim aber nicht wirklich. Laufen zukünftige Generationen mit Fackeln durch die Höhlen der Seiten- und Forenruinen, werden sie in Kreide gekritzelt lesen, dass Far Cry Primal zwar gut war, aber zu wenig neues bot um in Museen zu kommen. Dass ein AAA-Spiel irgendwann die Steinzeit aufgreifen würde, war nur eine Frage der Zeit. Schaut man sich die Steamaktivitäten an, sind Survival- und Craftingspiele der letzte weite Schrei. Lässt man Zombies weg, wirds automatisch recht steinzeitlich, also wieso nicht ein vollständiges Game über Urmenschen basteln? Die konnten keine ausführlichen Dialoge wie bei Mass Effect führen, hatten aber täglich zu knüppeln, zu craften und zu basteln.

Ganz dem Intellekt unserer Vorfahren entsprechend hat man sich leider wenig mit Handlungsideen beschäftigt. Es gibt zwei feindliche Stämme; die einen sind blau bemalt und verehren das Feuer, die anderen sind blutverschmierte Kannibalen. Beide Parteien haben Anführer, doch anders als Vaas und Pagan Min bleiben sie seltene Erscheinungen und damit uninteressant. Ähnliches widerfährt der eigentlichen Handlung des Ganzen, da es keine gibt. Hin und wieder spricht man mit anderen Figuren, aber nur, um sich von ihnen neue Aufträge abzuholen oder um sich leere Drohungen der Bösen anzuhören. Es gibt kein höheres Ziel, nichts, worauf man hinarbeitet, keinen zu stürzenden Schreckensherrscher, und eine Beziehung zu Sayla gibt es auch nicht. Eine Story mit abwechslungsreichen Kapiteln, Wendungen und einem Spannungsbogen hat man entweder vergessen oder war nicht mehr im Budget unterzubringen. Dumm, wo das ja eigentlich einer der ersten Schritte sein sollte, nichts, was man optional weglässt.

Natürlich kann man sagen, dass es nun mal simple Urmenschen mit simplen Vorstellungen sind, die außer Jagen, Sammeln und Liebe machen (nicht Teil des Spiels) nicht viel zu tun hatten. Ice Age, In einem Land vor unserer Zeit, Arlo und Spot und notgedrungen 10.000 BC zeigten aber alle, dass man in solchen Epochen sehr wohl einiges erzählen kann. Wie Mel Gibsons Apocalypto setzt Primal übrigens auf eine fremde Sprache, die komplett untertitelt ist. Das mag das ganze authentischer wirken lassen und ist eine frische Idee, streicht aber gleichzeitig den Bedarf eines dt. Synchronsprechers. Eine Qualität, die die letzten beiden Teile aufwertete.

Primals Keule entzweit. Hakt man akribisch nur die Storymissionen ab, ist man wahrscheinlich schon in 6 Stunden durch, und ernüchtert darüber, dass es nicht so aufregend oder abwechslungsreich wie andere Storyspiele ausfällt. Just Cause war da ähnlich, warf aber immer mal spektakuläre Events ein. Mochte man in den vorherigen Far Cry Spielen allerdings das Erklettern der Aussichtsposten, das Sammeln von Blättern, das Suchen spezieller Felle für gewisse Upgrades, das Finden von Fundstücken und das Erobern von Lagern, dann gewinnt Primal bei Stein Schere Gehirn. Unternimmt man alles, was das Spiel in dieser Hinsicht bietet, ist man locker 30 Stunden und mehr beschäftigt. Das mag den einen Freude, den anderen sinnfreies Grinden sein. Es ist auf jeden Fall eine Erfolgsformel, die vielen gefällt und hier technisch gut umgesetzt ist. Aufgelockert wird das Geschehen durch einige Visionen und Mammutmissionen, in denen man reinkarniert als Dickhäuter Amok läuft und unter anderem eine Horde Nashörner durch die Gegend rüsselt.

Uwe Boll hat das erste Spiel der Reihe verfilmt


Ein Far Cry ohne Pistolen, Gewehre, Autos, Boote und Gyrocopter? Klingt erstmal öder, aber hier hat Ubisoft vorgesorgt. Takkar kann sich Waffen selbst bauen, darunter Speere, Keulen und einen Bogen, die sich alle mehrfach aufrüsten lassen. Das sind nicht die aufregendsten Werkzeuge, allerdings ist der Verschleiß so groß, ist die Fauna so vielfältig, sind die Gegner so vielzählig, dass man ständig zu tun hat. Man ist nie lange unterwegs, ohne von Wölfen oder Kannibalen angegriffen zu werden, ohne dass man ein Wollnashorn zwecks Hunger niederknüppelt oder man ein paar gesuchte Blätter einsammelt, um ein weiteres der vielen Upgrades zu craften.

Andererseits sind die Missionen wie eh und je die gleichen. Geh irgendwo hin und erschlag jemanden bestimmtes oder alle, folge einer Spur und erschlag alle, beschütze Freunde und erschlag alle anderen oder geh/kletter/tauch irgendwo hin und hol was, und erschlag alle, die dabei stören. Nun werden Urmenschen nicht unbedingt den abwechslungsreichsten Tagesablauf gehabt haben, womit Ubisoft sich noch am ehesten mit dem gewählten Szenario rausreden kann, doch gerade jetzt, wo auf Steam lauter Crafting- und Survivalspiele beliebt sind, hätte Konzern Ubisoft beispielhaft vorlegen müssen. Die Möglichkeiten sind aber doch sehr begrenzt, Realismus hält sich in Grenzen (schon lustig, wenn der Sack für Blättchen voll ist und man kein weiteres nehmen kann, der für Steine aber noch leer ist), und am Rande liebäugelt man mit der Idee, ein eigenes Lager auszubauen. Im Unterschied zu Fallout 4 heißt das hier aber nur, Zutaten für bestimmte Upgrades zu sammeln. Selber Urmenschenhütten gestalten, schmücken oder platzieren kann man nicht, und es gibt keinen Grund, wieso das nicht möglich sein sollte. Mit einem Freund im Koop knüppeln, oder online mit Freunden Mammuts jagen gehen? Ist nicht drin - Primal ist ein reines Singleplayerspiel.

Wichtiges neues Element sind eigene Tiere. In den letzten Teilen konnte man Tiere mit Ködern zu Gegnern hinlocken. Hier kann man sie zähmen, befehligen oder drauf reiten. Und es macht wirklich Spaß, auf einem Säbelzahntiger über die Savanne zu fetzen oder Blätter mampfend zuzusehen, wie ein dressierter Riesenbär einen Wachposten voller kreischender Kannibalen auseinander nimmt. Stirbt der haarige Begleiter, kann man ihn per Menü einfach wieder herrufen. Gelungen sind Design und Umsetzung der Level, auch wenn man als Vorlage dreist bestehende Level aus Far Cry 4 umgemodelt hat. Unterschiedlich beschaffene Gegenden laden zum Erkunden ein und wenn man auf verschneiten Bergen, mit Fackeln in Höhlen oder nachts umgeben von Glühwürmchen unterwegs ist, lohnte sich der Ausritt schon.





Wer FPS häufiger spielt, ist vermutlich unterfordert. Nahezu jeder Urmensch lässt sich mit einem einzigen Speerwurf ausschalten, und hat man erst einen Säbelzahntiger oder Bären als Partner, kommt kaum jemand dagegen an. Später kommen größere Lager, doch auch da kommt zu wenig Gegenwehr. Wenn denn wenigstens auch andere beritten wären, wäre es bereits eine größere Herausforderung. Geübte Spieler sind hier nicht mehr Hauptzielpublikum: dafür ist die Karte zu hilfreich, spawnt man nach jedem Tod zu nah, sind alle Konflikte zu leicht zu lösen. Wenn man alleine einen Stamm von 20 anderen klammheimlich erledigt, könnte das ungeheuer spannend und schwierig sein - hier ist es ein Klacks.

Fazit:

Mit der Zweihänderkeule auf die Rübe: Far Cry Primal ist ein gutes, leichtes Gelegenheitsspiel zum Schlendern, mit dem man locker 30 Stunden Spaß haben kann. Berücksichtigt man allerdings die Vorgänger, die unendlichen Möglichkeiten des Assassin's Creed Studios und den aktuellen Output anderer Survivaltitel von finanziell schlechter aufgestellten Indie-Studios, lädt Primal eher zu einem Seufzer als zu einem Brüllen ein.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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