Kritik:
Faust
von
Christian Westhus
FAUST (2012)
Regie: Aleksandr
Sokurov
Cast: Johannes Zeiler, Anton Adasinsky, Isolda Dychauk
Story:
Frei nach Goethes „Faust: Der Tragödie erster
Teil“. Wissenschaftler Doktor Faust versucht das Wesen des
Menschen und die Vorgänge der Welt zu verstehen. Als er auf
einen mysteriösen Fremden trifft ahnt er nicht, dass er den
Teufel vor sich hat. Er geht einen Pakt mit ihm ein. Fausts Seele
für das Wissen von der Welt und eine Nacht mit dem
hübschen Gretchen.
Kritik:
Mehr als zehn Jahre
lang arbeitete Aleksandr Sokurov an seiner thematischen Tetralogie
über die Auswirkungen von Macht, teils unterbrochen von
anderen Filmen, wie dem viel beachteten „Russian
Ark“. Nach Filmen über Hitler, Stalin und
Kaiser Hirohito nimmt sich der Regisseur im abschließenden
Kapitel erstmals einer fiktiven Figur an. Aber natürlich nicht
irgendeiner Figur, sondern Doktor Faustus, der mit dem Teufel paktiert,
um zu verstehen, was die Welt im Innersten zusammen hält. Und
um das Herz einer Frau zu gewinnen. So ganz nebenbei. Johann Wolfgang
von Goethes Literatur-Monument. Des deutschen Dichterfürsten
berühmtestes und größtes Werk befasste sich
mit nichts Simpleren und nichts Komplexeren als der Natur des Menschen
und allem Sein auf der Welt. Bei Sokurov ist das ähnlich und
doch irgendwie ganz anders. Er lässt seine Figuren pausenlos
durch die Gegend laufen und durchaus interessante natur- und
lebensphilosophische Fragen stellen. Im Kern trifft es den Geist der
Vorlage und doch wird kaum die Oberfläche gekratzt. Der
für den nicht deutschkundigen Russen komplett auf Deutsch
gedrehte und mit einer Vielzahl deutscher Schauspieler besetzte Film
gibt sich elendig schwer, dadurch behäbig und verkopft. Nicht,
dass der literarische Faust auch nur irgendwie
„leicht“ goutierbar wäre, aber Sokurov
zerdehnt das wenig faszinierende Palaver zwischen Faust und dem als
Wucherer auftretenden Mephistopheles, füllt das
übergroße Werk mit eigenen und freien
Weiterentwicklungen an, die nur selten wirklich fruchten.
Er wollte ja auch keine wirklich
getreue Adaption liefern. „Frei nach…“,
heißt es zu Beginn. Entsprechend eigenartig mutet es dann an,
erkennt man ein paar direkt oder mehr als ähnlich zitierte
Sätze. Inhaltlich fokussiert man sich ganz auf den Pakt
zwischen Wissenschaftler und mysteriösem Fremden. In einer
toll ausgestatteten Stadtwelt, zwischen Religion, archaischer
Pseudo-Wissenschaft und aufkommender Moderne, taumelt Doktor Faust mit
ungestilltem Wissensdurst umher, schnippelt an Leichen herum und ist
aus irgendeinem Grund bald mächtig an Margarete interessiert.
Mephistopheles kann das verstehen, gedenkt selbst den Arm ihr
anzutragen. Er taucht inkognito als sarkastisch mit Spongebobs Stimme
daherredender Widerling auf. Halb Landstreicher, halb Dauergast in
sämtlichen Kneipen der Region, bis er sich im Waschhaus als
deformiertes, geschlechtsloses Ungetüm offenbart. Eine von
mehreren vereinzelt eingestreuten surrealen Ideen, die Sokurov parat
hat. Da bastelt auch des Doktors Assistent Wagner an einem
künstlichen Menschen, dem Homunculus; eine Idee, die Goethe im
Faust II verarbeitete, die hier aber reichlich grotesk anmutet.
Gretchen allerdings ist ganz richtig ein puppengesichtiges junges
Mädel und des Pudels Kern gar nicht erst vorhanden. Eine
Beerdigung, ein Gespräch im Wald, die Kirche – Faust
umschleicht Gretchen, während sich Herr Wucherer gegen eine
halb verrückte Hanna Schygulla zur Wehr setzen muss, die
glaubt, seine Frau zu sein. Wohin Sokurov wirklich will, bleibt sein
Geheimnis. Am Ende geht’s nach Island, wo Kameramann Bruno
Delbonnel noch mehr visuell zaubern darf, wenn man durch die karge
Kulisse und prächtige Naturgewalten marschiert. Ja, man
marschiert weiter. Das letzte Drittel ist inhaltlich noch
„freier“, reizt die angestrebte Thematik um Macht
und Machtstreben jedoch wenig aus. Der Teufel verführt mit der
Erfüllung von Sehnsüchten, während unser
Herr Doktor am Ende kaum mehr als ein Lustmolch ist, der mit
pausenlosem Gedankenstrom aus dem Off auch nicht viel mehr
Intelligentes zu den Vorgängen beizutragen hat.
Fazit:
Visuell
aufregend und inhaltlich, obwohl konfus, nicht ohne
Faszination. Aber Aleksandr Sokurov dehnt das wenig aufregende Hin und
Her aus Spaziergängen und Gesprächen endlos, ohne
irgendwas
zu konkretisieren oder sonstwie stärker zu involvieren. Ein
Kraftakt; leider auch für den Zuschauer.
4,5 /
10
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