BG Kritik:

Flucht aus LA


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Escape from LA (US 1996)
Regie: John Carpenter
Cast: Kurt Russell, Stacy Keach, Peter Fonda

Story: 16 Jahre nach den Ereignissen von Flucht aus New York: Snake, wieder Gefangener der Regierung, wird erneut auf eine riskante Black Ops Mission geschickt. Er soll eine gestohlene Steuerungseinheit aus der Los Angeles Deportationsinsel für Unerwünschte zurückholen, mit der man theoretisch die gesamte Elektronik der Welt ausschalten könnte…

Keine Schlangen an der Kinokasse.

Flucht aus LA ist der späte, zweite und bislang leider letzte Teil der John Carpenter Kultfilmreihe um den Augenklappen tragenden Ex-Soldaten S.D. Bob Plissken, dessen Faible für trockene Sprüche und Lederklamotten wohl nur noch von seiner Abscheu über Autoritäten übertroffen wird. Der Film kam zu einer schwierigen Zeit Carpenters, denn mit Jagd auf einen Unsichtbaren (seinem Filmbeitrag zum berühmten Universal Classic Monstercharakter, dem Unsichtbaren halt), dem Remake von Das Dorf der Verdammten mit Christopher Reeve und Mark Hamill, sowie den Mächten des Wahnsinns hatte er gleich drei finanzielle Misserfolge in Reihe hinnehmen müssen. Trotzdem wollte Hollywood noch ein letztes Mal auf ihn setzen und überließ ihm mit 50 Millionen Dollar das höchste Budget seiner Karriere, um Kurt Russell coolkühl erneut fliehen lassen zu können, diesmal von der anderen Küstenseite – hoffend, dass weitere Teile (Flucht von der Erde und Flucht vom Mars) und eine Fernsehserie dabei herumkommen könnten.

Das Studio wollte Tommy Lee Jones, da Russell zuvor nur kleine Disney Filme gemacht hatte


Dass der Film ein fast zehn Mal so hohes Budget hat wie der Erstling, ist allerdings erstaunlicherweise selbst ohne Augenklappe nicht zu sehen. Es gibt zwar nun einige Effekt- und Actionszenen, die es so im ersten Teil noch nicht hätte geben können, nur sind sie technisch so auffallend unfertig, dass man es weiterhin hätte sein lassen sollen. Wenn Snake neben Peter Fonda auf einer Tsunamiwelle surft (während Dick Dales Surfmusik läuft), mit einem Gleitschirm eine Festung aus der Luft angreift, mit einem Stealth-Hubschrauber türmt oder computerunterstützt mit einem Motorrad auf einen fahren Pickup-Truck springt, sieht das nicht gerade aus, als lägen Terminator 2 und Jurassic Park erst 3 Jahre zurück, sondern eher noch 10 Jahre in der Zukunft. Schön, mit den 40 Millionen (10 gingen allein an Kurt Russell) war weniger zu machen als mit den 70-100, die andere Actionfilme aus demselben Jahr wie Operation: Broken Arrow, The Rock, Mission: Impossible oder Eraser zur Verfügung hatten, aber erinnert man sich daran wie viel Carpenter regelmäßig aus kleinen Budgets machen konnte, sind die mehrfach störend billig aussehenden Momente unverzeihlich.

Ähnliches lässt sich zu den Actionszenen sagen. Obwohl man Teil 1 ja hauptsächlich als Actionfilm in Erinnerung behält, war er tatsächlich eher ein atmosphärischer, oft ruhiger Thriller, dessen erste nennenswerte Actionszene erst nach 70 Minuten kam. Teil 2 fällt dagegen weit flotter aus, denn schon nach einer halben Stunde wird Snake erstmalig in die Mangel genommen und dann nur noch auf Trab gehalten. Er durchlebt hier ein abwechslungsreicheres, fast schon Xander Cage würdiges Abenteuer zu Land, zu Wasser und in der Luft, er ballert, kämpft, fährt und trifft nacheinander auf verschiedene exzentrische Persönlichkeiten der Insel. Leider muss man hier bitter notieren, dass die Actionszenen kaum was taugen und den anderen des Jahres kaum das Wasser reichen können.

Als Sprecherin kann man Jamie Lee Curtis hören


Die Verfolgungsjagden fallen arg langsam aus, von Snakes Multi-Martialarts-Fähigkeiten als ehemaliger Elite-Supersoldat sind bloß simple Punches übrig. Exemplarisch für den Drive des Films ist ein ach so tödliches Basketballspiel, bei dem Snake nacheinander fünf Körbe werfen muss. Musikalisch nett unterlegt, dieses Mal mit einigen Westerneinflüssen, sprintet der kaum gealterte Snake von links nach rechts und wirft, doch weder fetzt die Inszenierung, noch belohnt der absehbare Ausgang der Situation. Schrägerweise verpasst es Snake ein weiteres Mal, den Hauptbösewicht selbst zu erledigen. Der heißt Cuervo Jones, ist ein Che-Imitat und wie Isaac Hayes‘ Duke aus dem ersten Teil leider ein einsilbiger Langweiliger. Viel spannender fällt hingegen Bruce Campbell aus, der unter zentimeterdicker Gesichtsmaske kaum zu erkennen ist und einen unheimlichen Schönheits-Chirugen spielt, der sich lauter Opfer als Ersatzteillager gefangen hält. Leider ist er wie Peter Fonda nur kurz zu sehen.

In kleinen Nebenrollen tauchen sonst noch Steve Buscemi als quasselnder Betrüger, Valeria Golino aus Hot Shots 2 als Weggefährtin und Pam Grier als transsexuelle, knallharte Kämpferin auf, die in Ordnung sind, in ihren minutenlangen Auftritten aber kaum Akzente setzen können. Anstelle von Lee van Cleef dürfen Stacy Keach und der Onkel Ben aus den Maguire Spider-Mans als schmierige Regierungsvertreter Befehle brüllen. Das hat weniger Ernsthaftigkeit als noch bei Van Cleef, doch dafür ist Keach sichtlich mit einem Heidenspaß bei der Sache. Es ist so amüsant, ihn mit Snake streiten zu sehen, dass man am liebsten noch einen Film mit den beiden haben könnte. Das – oder eine Sitcom.

Inhaltlich hat Carpenter nicht viel Neues zu erzählen. Nachdem New York zuvor ein Gefängnis für allgemeine Kriminelle war, fällt die LA Insel bewohnter aus, da jetzt ganz nach trumpscher Denke so ziemlich jeder dahin abgeschoben wird der nicht ins System passt. Eine noch zynischere Zukunftsvision, doch sie bedeutet gleichzeitig, dass Snake auf wesentlich weniger Gefahren stoßen muss. Wieso Carpenter nicht auch die Zivilisten zu Gefahren macht, indem er sie darauf hinweist, dass Snake es war, der einst die Friedensprozesse zwischen den USA und den anderen Nationen maßgeblich gestört hat, bleibt im Raume stehen. Dass der Film in LA spielt, wird immer wieder aufgegriffen: durch das Surfen, den Schönheitswahn, die Liebe zum Basketball, durch Orte wie den Sunset Boulevard oder die Universal Studios, durch die Snake einmal durchtaucht. Trotz derartiger Details sind Flucht aus New York und Flucht aus LA dermaßen identisch, mit nahezu gleichem Intro, Hauptfilm und trotzbeladener Schlusszene, dass man am Ende nicht wissen kann, ob Carpenter den Film aus ehrlichem Eigeninteresse oder aus snakeschem Trotz genau so hat werden lassen. Streicht man die Erwähnungen der Ereignisse des ersten Teils, hätte man Flucht aus LA auch zweifellos als Remake drehen können.

Russell selbst kommt mit den körperlichen Anforderungen der Rolle problemlos zurecht. Man sieht ihm an, dass er die Rolle liebt und noch mehr gefordert werden will. Der leichtere Ton des Scripts stört ihn nicht, aber irgendwie scheint man ihm doch den ganzen Film über anzumerken, dass er nicht wirklich zufrieden ist. Ob das jetzt in natura oder in seiner Rolle war, wird man wohl nie erfahren. Weiterhin ist er eine unterhaltsame Figur, aber eine substanzlose, die sich weiterhin auf Optik, Imitation und Konzept ausruht, anstatt Substanzielleres selbst zu liefern.

Fazit:

Snakes Rückkehr ist lebhafter, actionreicher, kalifornischer, kurzweiliger als der stattdessen stimmigere, packendere, sauberer inszenierte erste Teil, und kann entgegen seines unterirdischen Rufes sehr wohl vereinzelten B-Movie-Spaß machen. Man müsste aber schon mit einer Kugel im Bein lachend Surfen gehen um zu übersehen, dass Carpenter hier zum einen zu wenig Geld für seine Ideen hatte und ihm der Fokus auf Action eher weniger liegt.

4,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

Dir gefällt BG? Unterstütz uns mit einem Klick auf

> Lies alle Meinungen zum Film! (226)

bereitsgesehen.de - Lass uns über Filme sprechen! - Home - Kritiken - Community - Specials - Impressum
Copyright 2017 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich