Kritik:
Four Lions
von Christian Mester
FOUR LIONS
(2011)
Regie: Chris Morris
Mit: Riz Ahmed
Story:
In England beschließen ein paar
junge Islamisten, dem Ruf des Jihad
gerecht zu werden und stattliche
Vorzeige-Selbstmordattentäter zu
werden. Weil das Team um Anführer
Omar jedoch schwer von
Begriff und dazu auch nicht gerade
mit Glück gesegnet ist, laufen ihre
Versuche möglichst effektiv Angst
und Zerstörung zu schaffen, alles
andere als easy...
Kritik:
Eine schwarze Komödie über
Terroristen, die beabsichtigen,
zahlreiche Unschuldige in den Tod zu
reißen? Bereits ein ausgesprochen
heikles Thema, wagt man es als
überspitzte Parodie ala "South Park"
oder "Postal - Der Film", doch "Four
Lions" versteht sich keineswegs als cartoonhafte
Satire. Der
kleine britische Film ist
stattdessen eine eher subtile
Komödie, die sich mutig mit der
gewählten Prämisse und der dazu
passenden Perspektive auseinander
setzt.
Trotz der brisanten Thematik gelingt
es den Machern von Anfang an, die
jungen Attentäter in ein für ihre
Rollen ungewohntes Licht zu rücken.
Es sind prinzipiell sympathische
Menschen, keine Monster, die sich
schicksalhaft durch ihren Glauben
und einer großen Naivität dazu
berufen fühlen, mit einer für die
meisten schrecklichen, aus ihrer
Sicht aber nützlichen und ehrvollen
großen Aktion ein Zeichen zu setzen.
Die Jungs werden als Freunde, beim
peinlichen Rappen und Tanzen, mit
ihren Familien und überdies als
tollpatschige, nicht unbedingt
weitsichtige junge Leute gezeigt,
die abseits des Attentats eigentlich
keiner Fliege etwas zuleide tun
könnten, europäische Freunde haben
und auch so keinen Fremdenhass
kennen. Dementsprechend, und
aufgrund gänzlich fehlender echter
Bösartigkeit stellen sie sich dabei recht
unfähig an und lassen bei ihrem
geplanten Unternehmen Bombenanschlag
den Ernst missen. Die Macher
des Films nutzen diesen Ansatz
jedoch glücklicherweise nicht dazu,
um Terroristen platt zu Witzfiguren
zu machen - es geht keineswegs
darum, sie als einfältige, dumme
Amateure zu zeigen und sich darüber
zu belustigen. Zwar darf man immer
wieder schmunzeln, beispielsweise
wenn sie versuchen, SIM-Karten zu
schlucken um nicht geortet werden zu
können, selbst hinter dem Milchmann
einen Undercover-Agenten vermuten
oder wenn sie vollkommen lebensmüde mit
Sprengstoff hantieren (man darf sich
an die Black Rock aus "Lost"
erinnern), doch es wird
nie zum geschmacklosen, albernen
Unsinn degradiert.
Gewissermaßen ließe sich das Konzept
sogar einfach umdrehen - man nehme
ein paar britische Teens, die sich
Gewehre schnappen und auf eigene
Faust nach
Afghanistan reisen, um dort dannTerroristen erschießen
zu können. So wie die Terroristen in
diesem Film im Irrglaube sind,
gerechtfertigt eine passende
Zielgruppe zu erwischen, würden die
Briten in den afghanischen Bergen
auf Zivilisten anlegen: dabei hätten
sie sicher auch Ladehemmungen und
würden auf dem Weg zu ihrm Bodycount
unterhaltsam im Auto flaxen, vor Ort
wäre es dann jedoch bald dasselbe
Spaßende. "Four Lions" will gewiss
nicht mit einem unbekümmerten Lachen
nach Hause entlassen.
Da der Humor auffällig dezent
gesetzt ist und sich die Handlung
unabwendbar auf ein weniger witziges
Ende zu bewegt, wandelt sich das
Empfinden recht früh vom heiteren
Teenie-Spaß - die trotteligen Jungs
sind einfach, so falsch es klingen
mag, zum gern haben - zum
mokkafarbenen, tiefschwarzen Humor,
der nach Abspann seltsam fühlen
lässt. Die Message dahinter scheint
offensichtlich. Egal ob man nun zum
Großteil derer gehört, die
Bombenanschläge für Schreckliches
hält oder zur kleinen
Pulverfass-Minderheit, die es gern
mal öfter explodieren sehen würde,
will der Film unablässig mit dem
Zaunpfahl wedeln. Zeigen, wie absurd
und schade es für beide Seiten ist,
wenn sich junge Leute im Gutglauben
an ein größeres Wohl
aufopfern, irrtümlich meinend,
es wäre eine lohnende Sache, oder
als würde es politisch irgendetwas
merklich bewirken können. Der Film
weist dafür insbesondere daraufhin,
dass die jungen Leute nicht von
manipulierenden Anführern beordert
und gezwungen werden, sondern aus
eigener Denke auf ihre Aktion
kommen, wodurch auch das in Frage
gestellt wird. Wie kann man nur?
Immer mit dem traruigen Hintergrund
im Hinterkopf, dass es Menschen
gibt, die solche Gedanken haben und
umsetzen. Höchstwahrscheinlich
Menschen, die nicht ganz so fröhlich
und friedvoll wie diese, aber auch
immer noch Menschen sind.
Obwohl die Dramödie ihren Kern
halbwegs gut ausführt und zum
Nachdenken anregt, ist es dennoch
kein Bombenfilm geworden. Dafür ist der Film
zu einseitig und zu
abwechslungslos. Die nach fünf
Minuten eingeleitete Handlung ergibt
schon den ganzen Film, ohne das je
etwas vom Pfade abkommt oder sich
interessante Hürden auftun. Regie
und Darsteller sind ordentlich,
stechen aber kein einziges Mal
auffällig hervor. Wer es nun lieber
weniger ernst hat, der greift
alternativ hoffentlich nicht zum
schrecklich rührseligen,
patriotischen und langweiligen
"World Trade Center", sondern zum
Terrorismus-Thriller "Der Mann, der
niemals lebte", der zwar sehr hollywoodtypisch ausfällt, von
Ridley Scott jedoch ausgesprochen
gut inszeniert und mit Leonardo
DiCaprio vortrefflich besetzt ist.
Die Sinnlosigkeitsfrage wird darin
auch behandelt, lehnt aber fraglos,
wie sollte es bei einer
Big-Budget-US-Produktion auch sonst
sein, gnädig in Richtung USA. Darf es gern noch weiter vom Turtles-Humor wegkommen, greift man
zu "Flug 93", der ein unfassbar
packendes, authentisches Duell zwischen Zivilisten
und Terroristen darstellt - an Bord
eines Flugzeugs vom elften
September.
Fazit:
"Four Lions" präsentiert eine
echte Bombe im Clownskostüm,
schwitzt aber beim Ablauf des
Countdowns. Dazu kommt, dass der
Schweiß im geraden Rinnsal abfließt
und das Pulver des Sprengstoffs
vollends feucht bleibt. Solide
Ansätze, die in Mittelmäßigkeit
verpuffen und einen sehenswürdigen,
aber nicht sonderlich sehenswerten
Film abgeben..
4,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
> Deine Meinung
zum Film?
|