BG Kritik:

Foxcatcher


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Foxcatcher (US 2015)
Regisseur: Bennett Miller
Cast: Steve Carell, Channing Tatum, Mark Ruffalo

Story: In den 80ern nimmt der exzentrische Schießpulvermilliardär und Hobby-Ringertrainer John du Pont den begabten, allerdings nicht allzu hellen Mark Schultz in sein Team Foxcatcher auf. Zwischen ihm und du Pont entwickelt sich eine merkwürdige Schüler-/Mentorbeziehung, die tragisch eskaliert, als Marks Bruder Dave ebenfalls engagiert wird.

Foxcatcher ist ein eher untypisches Sportdrama; es fühlt sich an wie die berüchtigte Mann-im-Bärenkostüm Szene aus Shining.

Ruffalo und Tatum: demnächst Hulk und Gambit


Balboa wäre stolz, denn im Oscar-Wettkampf ist Miller ein echtes Schwergewicht im Ring. Insgesamt 16x wurden seine ersten drei Filme nominiert. Das ist enorm viel, war aber doch nur zum Teil gerechtfertigt. Capote war ein starkes Biopic mit Phillip Seymour Hoffman, doch der dröge Football-Statistikenfilm Moneyball mit Brad Pitt konnte keine guten Pässe übers Feld werfen. Mit seinem dritten Film behandelt Miller nun wieder Sport, jedoch aufregender und anders als beim letzten Mal.

Da der Foxcatcher Vorfall jetzt schon 20 Jahre zurückliegt und hauptsächlich in den US für Schlagzeilen sorgte, wird man hierzulande vermutlich relativ unbehelligt sein und erstmal nicht wissen, was denn genau passiert ist. Man sollte jedoch nicht allzu viel auf diese Neugier legen, da der Film nicht als Thriller aufgezogen ist. Was vorfiel, wird dargestellt, aber Miller entschied sich vielmehr für ein atmosphärisches Drama über die Zeit vor der Tragödie. Keine Angst: Das ergibt einen der besten Filme des Jahres, einen ungemütlichen, spannenden, der lange im Kopf bleibt.

Spaßvogel Carell ist in seiner Rolle völlig verwandelt. Eine unbeholfen starre Körpersprache, völlig affektierte Sprache, graumelierte Haare und verlängerte Nase lassen einen Moment brauchen, bis man ihn als was anderes als die typische Comedyfigur wahrnimmt. Dann aber verschwindet er so unsichtbar in seine Rolle, dass es höchst beeindruckend und faszinierend wird. Sein du Pont ist ein schier unendlich reicher Psychopath, der Adler genannt werden will und sein ganzes Leben darauf ausgerichtet hat, eine glorreiche Trainer- und Vaterfigur für seine Schüler zu sein. Nur dass du Pont keinerlei Talent oder Ahnung für seinen Sport hat, einen erbärmlichen Coach abgibt und als verblendeter, unheimlicher Weirdocreep stets unberechenbar gefährlich erscheint. Er ist der Typ Mann, den man nicht kinderlos am Spielplatz rumlungern sehen will. Er wird selten zum echten Problem, erschafft aber am laufenden Band eine Aura der Bedrohung, die so sehr fesselt und einnimmt wie Daniel Plainviews in There will be Blood. Jederzeit wartet man auf die Milchshake Szene, die irgendwann gefühlt kommen muss.

Will der goldene Adler genannt werden: Coach du Pont


Auf der Bank sitzen die Brüder Ruffalo und Tatum, die nicht ganz so auffällig, aber ebenfalls stark gespielt sind. Dummbirne Mark Schultz ist ein athletisches Ass, braucht aber unbedingt einen Rudelführer und lässt sich wie ein Schaf an jede noch so noch irre hohe Klippe führen, seinem Führer blind vertrauend. Ruffalo hingegen gibt den älteren, eigenständigeren Bruder, der sich aus familiärer Liebe unwillig mitanschließt, da er Mark nicht von du Pont lösen kann und nicht ruhig damit leben kann, ihn auf dem Anwesen dieses Irren kontinuierlich wie von Grima Schlangenzunge manipuliert zu wissen.

Im Laufe der visuell toll eingefangenen Story passieren nicht viele einschneidende Ereignisse. Wir lernen ein bisschen über du Ponts Vergangenheit, die fast droht, ihn zu simpel als Muttersöhnchen a la Norman Bates zu erklären, ansonsten dreht sich alles um die Vorbereitung und Teilnahme an den jeweils nächsten großen Turnieren. Foxcatcher ist gewiss kein Film, der Ringen als Sport attraktiver macht. Regelmäßig gibt es Szenen, in denen sich die Ringer in ihren hautengen knappen Klamotten schnaufend intim begrabschen und durch die Gegend zu hieven versuchen. Homoerotisch wird das nicht, eventuell wenn man es drin sehen will, aber Miller verbindet es durchaus negativ mit Marks vergleichbar simpel gestrickter Person und Konflikttoleranz, und verzichtet sichtlich darauf, Ringen als Sport Wertschätzung zu verleihen. Tatum und Ruffalo zeigen, dass sie aufwendig für die Rollen trainiert wurden und sehen vollkommen authentisch aus, doch natürlich nutzt es Miller als Motiv, diese Figuren buchstäblich mit sich und einander ringen zu zeigen. Glücklicherweise gelingt ihm dies subtiler als einem Paul Haggis, der es wohl hemmungslos platt gezeigt hätte. Während Ruffalos Dave den Sport als Herausforderung sieht, für die er ein Talent hat, bedeutet das Ringen für Tatums Mark und auch du Pont weit mehr. Für sie ist es Lebensinhalt, aber aus unterschiedlichen Ansichten. Miller fängt dies gekonnt in oft farbarmen Bildern ein und setzt auf sehr gut gewählt lange Schnitte, um das innere und äußere Tempo der Charaktere zu visualisieren.

Foxcatcher ist ein ungewöhnliches Sportdrama. Kaum ein Regisseur hat sich je an eine so finstere Darstellung herangetraut, die statt Motivation, Spaß und Selbstfindung außergewöhnliche Figuren auf einem psychischen Minenfeld herumringen lässt. Viele Sportfilme lassen die Coaches als übertrieben hart und leistungsfordernd zeigen, doch Foxcatcher fühlt sich mehr wie Hitchcocks berühmtes Spannungsbeispiel an: lass zwei Figuren an einen Tisch setzen und eine Unterhaltung führen, während darunter eine Bombe tickt, deren Uhr wir nicht sehen können.

Fazit:

Der Anti-Rocky. Foxcatcher drängt seine Konkurrenz mit Schwung aus dem Kreis und behauptet sich als origineller, exzellent gespielter Beitrag. Lässt den Sport an sich nicht gerade im besten Licht stehen, fesselt aber mit dick aufgetragener Atmosphäre und drei erstklassigen Schauspielleistungen.

9 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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