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Kritik:
Frances Ha


von Christian Westhus

FRANCES HA
(2013)
Regie: Noah Baumbach
Cast: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Adam Driver

Story:
Frances ist Ende 20, gerade wieder Single, lebt in New York und ist Tänzerin. Es läuft nicht alles so, wie Frances sich das vorstellt, aber sie lässt das gar nicht so sehr an sich heran. Als Mitbewohnerin und beste Freundin Sophie einen Ortswechsel vornimmt, ist auch Frances bald gezwungen, zwischen Träumerei und Machbarkeit zu entscheiden.

Kritik:
Diese eigenartig undefinierte Zeit zwischen 25 und 30, wenn man leicht den Anschluss verpasst hat, zu alt ist für Hotel Mama, so langsam sogar zu alt für College und Universität. Wenn die Freunde, die schon einen Schritt weiter sind, anfangen zu heiraten und Kinder zu kriegen, während man sich selbst eigentlich noch jung, jugendlich und frei sieht. 27 ist doch noch nicht alt, denkt sich Frances, obwohl man ihr auch mal glatt das Gegenteil ins Gesicht sagt. Ihre Freundin Sophie, ihre beste Freundin, mit der sie sich wie ein sexloses lesbisches Ehepaar fühlt, ist schon einen Schritt weiter. Zumindest trifft Sophie Entscheidungen, während Frances noch etwas unentschlossen herumeiert, ihr Ding machen will, aber nicht ganz sicher ist wie das geht oder was dieses Ding, das da ihr Ding sein soll, überhaupt ist. Es gibt dutzende dieser Filme. Die Problemwelt so genannter „twenty somethings“, die in mal etwas tragischeren, mal etwas humorvolleren Dramödien versuchen Job, Liebe und das eigene Selbstverständnis unter einen Hut zu bringen. Doch die wenigsten „twenty something“ Dramödien entwickeln einen derart unwiderstehlichen Charme wie „Frances Ha“. 

Es ist nicht immer einfach, Sympathie für Menschen aufzubauen, die sich mit der Lösung von vergleichsweise dankbaren Problemen schwertun. Probleme, die andere Leute gerne hätten. Ein Freund mahnt Frances, wenn sie sich als arm bezeichnet, wäre dies eine Beleidigung für wirkliche arme Leute. Doch Frances und ihr Film sind ein Genuss. Zu gleichen Teilen unbeschwert und locker, herrlich witzig, dabei clever und sehr authentisch, belebt von treffend beobachteten und wunderbar erfassten Figuren und Situationen, die zu ehrlichen und wirkungsvollen Emotionen führen. Das ist gleichzeitig ein Verdienst der Darsteller, von Noah Baumbachs Regie und vom Script, das Greta Gerwig und Baumbach gemeinsam verfassten. Baumbachs schwarzweiß gehaltener Film wirkt abgesehen von technischen Details wie aus einer anderen Zeit, bevölkert von lebensnah zeitgemäßen Figuren. Baumbachs Regie weckt Erinnerungen an Woody Allen oder an die lockereren Auswüchse der Nouvel Vague, insbesondere der Filme von Francois Truffaut. Im Gegensatz zu ähnlichen Filmen, die „aus dem Leben gegriffen“ wirken wollen, fühlt sich „Frances Ha“ dennoch wie ein Film an. Und das ist gut so. „Frances Ha“ sieht nicht nur toll aus, in seinem schnieken Schwarzweiß, „Frances Ha“ fühlt sich auch toll an. Wie eine bewusste Geste, gezielt inszeniert und verstärkt, um die Authentizität der Figuren zu unterstützen. Wir folgen Frances auf zwei, drei Trips, die sie herausführen aus New York. Spontan nach Paris oder zum Weihnachtsbesuch bei den Eltern. Wir bekommen wunderbar arrangierte Schnipsel aus Frances Leben, auch aus ihrer Vergangenheit, die uns diese drollige Frau nur noch sympathischer machen.

Greta Gerwig ist seit ein paar Jahren schon ein interessanter Name im amerikanischen Independent Bereich. In Filmen wie „Greenberg“, „Lola Versus“ oder „Algebra in Love“ etablierte sie mehrfach Frauenfiguren, die ein wenig schräg, schrullig oder latent psychotisch waren. Greta Gerwig und Frances sind dabei ein Traumpaar, eine perfekte Kombination. Auch Frances ist etwas schräg, leicht tollpatschig und einfach liebenswert verpeilt. Frances liebt Dinge, die fehlerhaft, die nicht perfekt sind und genau so lebt sie auch, mit einem Hang zu Unordnung und unkoordinierter Spontanität. Es ist Gerwigs Verdienst, dass Frances keine nervige Karikatur geworden ist, sondern authentisch wirkt, mit Ideen, Sorgen und Wünschen, die ehrlich wirken, und mit versuchten Lösungen, die trotz offensichtlicher Dämlichkeit jederzeit passend erscheinen. Ihre inoffizielle „bessere Hälfte“, beste Freundin Sophie, ist ein ganz anderer Typ als Frances, aber nicht weniger überzeugend. Stings Tochter Mickey Sumner bildet mit Gerwig ein wunderbares Gespann und verkörpert die andere und doch gar nicht so unterschiedliche Seite (weiblicher) „twenty something“ Sinnsuche mit Humor, starkem Ausdruck und emotionaler Wirkung. 

Mit David Bowies „Modern Love“ hat man einen ganz wunderbaren Titelsong zu diesem beschwingten, tragisch-komischen Selbstfindungstrip gefunden, obwohl es im Film gar nicht so sehr um die Liebe geht. Über das Liebesleben der Protagonistin wird gelegentlich gesprochen, aber erfreulicherweise hängt das Glück dieser Frau nicht an einem Mann. Wenn überhaupt hat die Liebe hier eine besondere Form; die Gefühle zwischen besten Freundinnen. Geschätzte 325-mal heißt es zwischen Frances und Sophie „Ich liebe dich.“ Als der baldige Ex-Freund von Frances einen bedeutsamen Vorschlag macht, ruft gleichzeitig Sophie an. Das lockere Palaver mit der seelenverwandten Freundin löst bei Frances stärkere – vielleicht zu starke – Reaktionen aus, als der aktuell-noch-feste Freund mit seinem Anliegen. Dass es zwischen den Zwillingsfreundinnen kriselt, liegt nicht nur an Männern, liegt nicht nur am beruflichen Werdegang, liegt nicht nur an der sich verändernden räumlichen Distanz. Die meisten Figuren in „Frances Ha“, dessen mehrdeutiger und doch eindeutiger Titel wunderbar zur Hauptfigur passt, sind lebendig entwickelt, egal wie kurz oder lang sie auftauchen. Die verwöhnten „Bonzenkinder“, die selbstdarstellerischen „Hipster“, ehemalige Maulhelden, die so langsam ihr Leben auf die Reihe kriegen, Rumhänger, Tanzlehrerinnen oder Eltern. Es ist ein wunderbares Personal, doch wie sich die jeweilige Selbstfindung auf die Beziehung von Frances und Sophie auswirkt, ist das Kernstück des Films; ehrlich und emotional. 
Ahoi sexy!

Fazit:
Großartige Dramödie zur verwirrenden Phase kurz vor der 30. Ein jung-erwachsener Selbstfindungstrip einer umwerfend liebenswerten Hauptfigur und vielleicht der schönste Freundschaftsfilm des Jahres. So unterhaltsam wie emotional, wunderhübsch eingefangen und inszeniert, lebensnah gespielt. Grandios.

9 / 10

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