hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Gefährten


von Christian Mester

WAR HORSE
Regie: Steven Spielberg
Cast: Pferd, Jeremy Irvine, Tom Hiddleston

Story:
England, kurz vor dem Ersten Weltkrieg: Eine Farmersfamilie legt sich ein Pferd zu, das der junge Albert (Jeremy Irvine) geduldig trainiert. Der Joey genannte Hengst hört alsbald treu wie ein Hund auf ihn, und die zwei werden ziemlich beste Freunde. Ihre Freundschaft zerreißt jedoch, als sich Alberts Vater aus Geldnot gezwungen sieht, das Tier an vorbei ziehende Soldaten zu verkaufen. Albert will sofort freiwillig mit in den gerade startenden Ersten Weltkrieg ziehen, um seinem Freund beizustehen, ist jedoch zu jung und bleibt unglücklich zurück.

Während er also darauf warten muss, bis er alt genug ist, erlebt sein pferdiger Freund derweil allerlei Abenteuer. An mehreren Fronten wechselt Joey seine Besitzer wiehernd und wird so nach und nach zum schnaubenden Zeitzeugen diverser Kriegsschauplätze. Das Schicksal verspricht dann sogar eines Tages sie wieder zusammenzuführen, doch der Krieg...

Kritik:
Vom Arbeitseifer Steven Spielbergs kann man sich inspirieren lassen: Im Winter erst erschien sein letzter Film, Tim und Struppi: Das Geheimnis der 'Einhorn' 3D. Jetzt gibt es bereits seinen nächsten zu sehen, die Verfilmung des Jugendromans War Horse von Michael Morpurgu. Beide Filme wurden bereits 2009 und 2010 gedreht, brauchten aber eine lange, parallel laufende Nachbearbeitungszeit, um in die Hufe zu kommen. Interessanterweise haben die Konzepte Parallelen erhalten. In den Filmen geht es jeweils um einen Jungen, der Abenteuer mit seinem Haustier erlebt. War Tim und Struppi ein actionreicher Animationsfilm mit Hund Struppi als Co-Star, ist Gefährten ein bewegender Kriegsfilm geworden - mit einem Pferd in der Hauptrolle.

Für den Altmeister ist das Setting des Krieges gewiss nichts Neues. Neben mehreren Genrefilmen, darunter dem Klassiker Schindlers Liste, entwickelte er auch die gelobten Serien Band of Brothers und The Pacific (die man als Genresympathisant kennen muss). In Hinblick auf seinen neuen Film machte es bzb neugierig, zu sehen, wie sich dieser von den anderen unterscheiden würde, und ob er dieses Mal vorherige Kritik beherzigen würde. So gilt Der Soldat James Ryan beispielsweise als gut, aber zu patriotisch und unfair einseitig erzählt.  Gefährten ist bei den diesjährigen Oscars gleich für mehrere Auszeichnungen nominiert, darunter für den besten Film des Jahres. Passt das? Zudem war Tim & Struppi bereits ein sehr guter Film, der nicht leicht zu schlagen ist.

Der Kern des Films, ein Junge, der sein geliebtes Pferd sucht - das auch noch inmitten eines Krieges, schreit gerade zu nach dick aufgetragenem Schmalz, nach massiven Hollywood-Pathos. Nach aufgekleistertem Lassie-Kitsch auf Ärzteroman-Niveau. Schmalz gibt es dann auch gleich schubkarrenweise serviert, denn the beard will insbesondere eines erreichen: Klöße in Hälsen. Der Film soll nicht etwa reiner Abenteuerfilm, Charakterstudie, Kriegsdrama oder schwer treffende Tragödie, sondern ein zeitloses, bildgewaltiges Freundschaftsepos sein, das emotional durchpflügt. Zunächst mag es etwas abstrus wirken, dass Albert schon von klein auf viel Zeit mit seinem equinoxen Freund verbringt, anstatt mit seinen Kollegen, oder Frauen, doch Spielberg schafft es rasch, das, was Albert in dem (eigentlich gewöhnlichen) Pferd sieht, aufs Publikum zu übertragen. Plötzlich ist Joey nicht nur irgendein Pferd, sondern wirklich das beste Pferd ever. Und es scheint es auch selbst zu merken und auch anderen zu vermitteln.
Spielberg weiß dieses Mal, dass jeder Held nur so gut ist wie die Hürden, die er zu überwinden hat. Dementsprechend lässt er sein Pferd, und separat Albert, fortan durch die Hölle gehen: es fängt vor bereits heulend auf einem schier unpflügbaren Feld an, dass zur Rettung der desolaten Familie bei strömenden Regen bearbeitet werden muss, und gipfelt in einer Pferd vs Panzer Szene, die surreal erscheint. Worin der Film bemerkenswert ist, ist sein Vermögen, mitzureißen. Der ewige Kampf, sich immer und immer wieder neu aufbäumen zu müssen, noch mehr Leid zu ertragen, sich noch selbstloser für andere aufzuraffen, ergreift das Herz und prescht mit Höchstgalopp davon. Dieses Pferd ist ein Pferd zum Pferde stehlen.

Die Trailer mögen dabei einen harmlosen neuen Familien-Fury für die Wendy on Facebook Generation versprechen, doch obwohl der Film visuell nie grausam wird, sind es seine Szenen. Spielberg scheut keine Gnade und zeigt die volle Bandbreite der Abgründe des Krieges: Mord, Massengräber, Panik, Terror, Vergewaltigungen. Was nicht konkret gezeigt wird, wird deutlichst vermittelt. Dazu kommt, dass Spielberg Fairness hält. Es gibt keine "die böse Armee", auf jeder Seite finden sich sowohl gutherzige wie auch unsympathische Menschen. Manchen mag es stören, dass der Film trotz der Grauensszenarien öfters arg altmodisch-romantisch wird und dadurch fragwürdige Momente anschlägt, die einem John Wayne gehalten etwa, wenn ein Sohn mit Ehrfurcht über die Kriegstaten seines Vaters staunt, oder Jugendliche unbedingt in den Krieg ziehen wollen, um stolz für ihr Land zu kämpfen. Sieht man jedoch genau hin, romantisiert, verherrlicht Spielberg den eigentlichen Krieg nicht. Im Gegenteil, er zerschlägt alle illusorischen Vorstellungen kindlicher Fantasten und stellt stattdessen die Sinnlosigkeit des ganzen zynisch in den Vordergrund. Eiskalt lässt er Kinder erschießen und ehemals stolze Heldenaspiranten zu bibbernden Wracks werden, die statt Glorie ihren letzten Atem aushusten dürfen. Einer der vielen Höhepunkte des Films ist eine Szene, in der sich verfeindete Soldaten auf dem Schlachtfeld vorsichtig treffen, um in einem knappen Waffenstillstand gemeinsam den verhedderten Joey zu befreien. In solchen Momenten droht der Schmalz überzutropfen, das Pferd zum magischen Kleber zu werden, der gegen alle Widrigkeiten verfeindete Fronten vereint und später wahrscheinlich auch noch die Erderwärmung lösen mag, doch immer kriegt Spielberg die Kurve. Bevor es albern wird, zieht er am Saum, bleibt dezent. Stattdessen macht er sprachlos, mit Szenen, die man so schnell nicht vergessen kann.

Joey wird von einem Besitzer zum nächsten gereicht, wodurch er immer neue Personen trifft, darunter auch Soldaten verschiedener Fronten, die jeweils etwas erleben. So versuchen etwa zwei deutsche Jungs, zu desertieren, oder ein französisches Mädchen, sich vor gewalttätigen Soldaten zu verstecken. Was erst ungünstig wirkt, da das Episodenformat den Film zu zerreißen droht, fügt sich später, als die Schicksale einzelner über Umwege wieder zueinander finden, gut zusammen. Personen, von denen man sicher war, sie nicht mehr zu sehen, tauchen wieder auf, oder es wird zumindest am Rande gehört, was aus wem wurde. Da niemand, egal ob Mensch oder Pferd, sicher ist, bleibt auch konstante Spannung erhalten, die bis zum Ende anhält. Spielberg schafft infolge dessen so viele Höhepunkte, dass man es kaum glauben mag. Immer und immer wieder malt er grandiose Szenen, die zutiefst bewegen. Die Schauspieler der Nebenfiguren sind aufgrund des Formates immer nur kurz zu sehen. Sie werden hauptsächlich von frischen Gesichtern gespielt, man erkennt unter anderem Thor-Bösewicht Tom Hiddleston. Sie machen ihre Sache jedoch sehr gut und verleihen auch kleinen, unwichtigen Figuren eine Wärme und Tiefe, die man von Nebenfiguren so eher selten gewohnt ist.  Überhaupt überrascht Spielberg mit der Handhabung seiner Figuren. Neigt er oft dazu, dass seine Figuren zu viel reden und vor allem ihre Emotionen zu deutlich aussprechen, ist er hier weit bescheidener. Die wenigen Dialoge sind auf das Nötigste reduziert und dadurch umso effektiver. Vollends perfekt: das verdiente Ende, das auf der idealen Note abschließt.

Über die technische Umsetzung muss nicht viel gesagt werden. Der Film ist exzellent ausgestattet, brillant eingefangen, von John Williams kraftvoll untermalt. Regietechnisch eine makellose Produktion, die einem die Hufe auszieht. Sie macht den dreimal so teuren Indiana Jones 4 und die Tatsache wett, dass Spielberg die letzten drei Transformers produziert hat. Für Filme wie dieser war er mal bekannt, und auch wenn er es in letzter Zeit hat schleifen lassen, ist sein Peak noch nicht vorüber. In Gefährten schöpft er aus den Vollen und zeigt beeindruckend, dass er, wenn er gänzlich freie Hand hat und auch keinem Fankreis zuspielen muss, zurecht weiterhin einer der besten sein kann.

Fazit:
Pferdammt guter Film. Regietechnisch eine Wucht, inhaltlich höchst bewegend. Unter zwei Bedingungen: erstens, man empfindet Empathie für Tiere. Hat man sie nicht und sieht Joey nur als tumben Ackergaul, der nicht relevanter als sein Zaun drum herum ist, ergreift diese Geschichte nicht. Gar nicht, denn hier geht alles vom Pferd aus. Erkennt man es nicht als leidende Seele mit Gefühlen, lässt der Film kalt. Hinzu kommt, dass man eine Akzeptanz für Sentimentales haben muss. Wem Titanic schon zu "schön", "romantisch", "verträumt", "theatralisch" ist, der ist hier auch falsch. Nun kann man den Film durchaus schmalzig nennen - doch daran ist nichts verfehlt. Falsch wäre es nur, wären die durchaus manipulativ gedachten Szenen unehrlich, unverdient oder irreführend. Sie sind es aber nicht. Lässt man sich also darauf, gar bestenfalls auf beides ein, sieht man einen unvergesslich guten Film, der tief bewegt und unter einer vermeintlich simplen Geschichte Großes erzählt.

10 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich