BG Kritik:

Ghost in the Shell


Hat BG vor 10 Jahren gegründet und seither eine Menge neuer Filme gesehen. War als Redakteur für GameStar und Gameswelt tätig.

Ghost in the Shell (US 2017)
Regisseur: Rupert Sanders
Cast: Scarlett Johansson, Pilou Asbaek, Takeshi Kitano, Juliette Binoche

Story: In einer Zukunft, in der aufwändige kybernetische Körperimplanante zum Alltag gehören, ist Spezialagentin Major (Scarlett Johansson) ein Sonderfall. Bis auf ihr Gehirn ist ihr gesamter Körper eine austauschbare Maschine, entwickelt und kontrolliert von einem High-Tech-Konzern. Als sie eines Tages den mysteriösen Hacker Kuze suchen soll, setzt sie sich unerwartet mit ihrer eigenen Identität auseinander...

Enjoy the Silence.

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Ghost in the Shell (das Original aus dem Jahr 1995 oder die remasterte Version von 2008) gehört zweifelsohne zu den einflußreichsten und wichtigsten Animewerken überhaupt, und gerade deswegen durfte man bei der Erwartung einer Live-Action-Hollywoodversion vom Regisseur von Snow White and the Huntsman beinahe alle Kabel ziehen. Schön, die ersten Trailer sahen visuell absolut umwerfend aus, doch würde Sanders die stille, philosophische Grundlage zu einem synapsenlosen Fun-Actioner für die ganze Familie verkommen lassen, zu einem 0-Anspruch sharebaren Meme-Werk? Überraschenderweise hat er das nicht. Sein Ghost ist sogar ein vergleichsweise äußerst sperriger Film geworden, der in seiner finalen Form nicht verwundern lässt, dass er an den westlichen Kinokassen eiskalt floppt.

Jop, wie es die Trailer versprachen, ist die Zukunftswelt eine der aufregendsten seit Jahren. Ein finsteres Moloch mit haushohen Hologramm-Werbeanzeigen, unzähligen Neonschildern und einer von Technik verschmutzten Menschlichkeit, in der kein Platz für Bäume bleibt. Ähnlichkeiten zu Blade Runner sind nicht von der Hand zu weisen, und auch der oft minimalistische Soundtrack erinnert mit seinen Synthiklängen oftmals an den Klassiker von Ridley Scott. Markant ist die Tatsache, dass Major, die sich im Prinzip wie Deckard fragen muss, wie menschlich sie denn ist, kaum menschliche Züge vorweist. Szenen, in denen ihre (eventuell) menschlichen Gefühle angesprochen werden sollen, verschwinden unter der kühlen Ausdruckslosigkeit Scarlett Johanssons, die "cool" mehrfach mit "Schaufensterpuppe" zu verwechseln scheint. Nahbarer ist da Michael Pitt als Tech-Terrorist Kuze, der in seinen wenigen Szenen etwas nötiges Leben einbringt, wie es sich nämlich auch in Majors restlichem Team beinhart-cool-trister Knochen nicht finden lässt. Die Ermittlung hält schon halbwegs bei Stange, doch fast alle Dialoge sind äußerst langatmig. Schade drum, da sie immer vorhersehbar ausfallen und Sanders keinerlei Überraschungen in petto hat. Sei es plottechnisch oder schauspielinstruiert. Es gibt einige kurze ordentliche Actionmomente, doch die fehlende Verbindung zum Major oder ihrem Team lässt es schwerfallen, mit diesen mitzufiebern. Sie bleiben schlichtweg egal.

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Geistig stellt der neue Ghost in the Shell schon einige Fragen, allerdings schellt er nur an leisen Klingeln. Anstatt sich im großen Rahmen damit zu beschäftigen, wo Menschlichkeit aufhört und Künstlichkeit anfängt, ob Kybernetik etwas anderes und der nächste Evolutionsschritt ist und ob es eine positive oder grauenhafte Entwicklung ist, dass man mit konzernkontrollierter Technik bestückt werden kann, reduziert Sanders derartige Überlegungen auf Majors eher weniger interessante Herkunftssuche. Was übrig bleibt, ist etwa genau so viel wie in den Remakes von Robocop und Total Recall - nur, dass die mit ihrer kurzweiligen Action gerne mal Spaß machen. Selbst Neil Blomkamps Chappie bewies wesentlich mehr Herz und Händchen in Bezug auf künstliche Intelligenzen und dem Umgang mit Menschlichkeit, und in dem Film spielen Die Antwoord Hauptrollen.

Kurios ist, was Sanders aus der Japanthematik macht. So gab es Beschwerden, dass ausgerechnet eine kaukasische Amerikanerin eine der berühmtesten asiatischen Animefiguren spielt. Anfangs hieß es sogar in Gerüchten, Sanders versuche Johansson via CGI zu einer Japanerin zu machen, was dann dementiert oder gar aufgegeben wurde. Interessant ist, dass der Film diese Problematik dennoch inhaltlich aufgreift, auch wenn sich, ohne zu spoilern, diesbezüglich kaum ins Detail gehen lässt. Sanders hält sich mit deftigeren Aussagen zurück und lässt offene Fragen im multikulturellen Bassin der Darsteller und Geisha und Yakuza dominierten Stadtoptik zurück. Mit Takeshi Kitano hat einer der berühmtesten japanischen Schauspieler Einzug, und Sanders lässt ihm nicht nur Platz für einen Cameo. Zwar mögen Hardliner kompromisslos daran festhalten, dass Major in jedem Fall hätte japanisch aussehen müssen, doch es bleibt das Gefühl, dass die US-Version respektvoll genug mit den Änderungen umgeht. Vielleicht hätte eine japanische Schauspielerin den Film verbessert; dann aber durch ihr anderes Ausdrucksvermögen als Schauspielerin, nicht durch ihre Ethnie.

Fazit:

Zur angenehmen Überraschung ist die US-Version von Ghost in the Shell nicht poppig, gar unterhaltsam oder sonstwie am Thema vorbei, doch irgendwas lief schief. Emotionale Minusgrade und das Fehlen authentischer Dramatik machen das Oscar-würdig designte Ergebnis zu einem maximal mittelmäßigen Erlebnis. Die aufgebrachte Ambition ist selbstredend nennenswert, und es ist schier atemberaubend, wie gut Sanders' gerade mal zweiter Film aussieht, doch in Hinblick auf die Vorlage hätte da mehr sein können.

5,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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