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Kritik:
Ginger & Rosa


von Christian Westhus

GINGER & ROSA
(2013)
Regie: Sally Potter
Cast: Elle Fanning, Alice Englert, Christina Hendricks, Alessandro Nivola, Annette Bening

Story:
London: Seit ihrer Geburt sind Ginger (Fanning) und Rosa (Englert) unzertrennlich. Als sich Anfang der 1960er die Kuba Krise verschärft, sind beide Teenager, reagieren jedoch sehr unterschiedlich auf die potentielle Bedrohung. An der Schwelle zum Erwachsenwerden wird die Freundschaft der Mädchen auf eine Probe gestellt.

Kritik:
Regisseurin Sally Potter, die sich mit „Orlando“ 1992 sogar an Virginia Woolf wagte und mit Tilda Swinton in der Geschlechter-Doppelrolle eine der außergewöhnlicheren Literaturverfilmungen ablieferte, hatte zuletzt eine kleine Durststrecke zu bewältigen. „Ginger & Rosa“, ein Originaldrehbuch der Regisseurin, könnte jedoch Potters bester Film seit „Orlando“ sein. Obwohl nicht explizit benannt und im Detail nicht wirklich vergleichbar, scheint der Film autobiographisch beeinflusst. Das Leben als Teenager, als junges Mädchen im England der 60er. Noch vor der sexuellen Revolution, aber in einer Zeit, in der England sich veränderte und in der die Welt sich einmal mehr am Abgrund befand, nur einen Knopfdruck vom 3. Weltkrieg entfernt. 

Potter (Jahrgang 1949) setzt die Geburt von Ginger und Rosa mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki 1945 in Verbindung. Sie sind Kinder des Atomzeitalters und wachsen in diese Welt hinein, in der zwei Supermächte säbelrasselnd um die zerstörerischste Waffe des Planeten tanzen. Freundinnen für immer wollen die beiden Mädchen sein, die aus eher einfachen, ja ärmlichen Verhältnissen kommen. Ihre lange Zeit innige, untrennbare Bindung wird bald durch die Reaktion auf die atomare Bedrohung auf eine Probe gestellt, mit der nahenden sexuellen Revolution nicht all zu fern.

Rosa träumt von ewiger Liebe, macht in ihrer Experimentierphase mit Jungs herum, testet ihre Reize und die damit verbundene sexuelle Macht aus, hat aber auch einen bisweilen widersprüchlichen Quasi-Hang zur Religion. Ginger ist noch nicht so weit, ihre sinnlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu erforschen. Oder sie hat aktuell keine Zeit und keine Ruhe dazu. Vom freigeistigen Uni-Dozent Vater Roland (Alessandro Nivola) antiautoritär „erzogen“, will Ginger häufig schon erwachsener sein als ihr gut tut. Sie will Poetin werden, liest Simone de Beauvoir, entdeckt die Aktivistin in sich. Ginger erkrankt an der Weltangst der nuklearen Bedrohung und stellt ihre eigenen Interessen dahinter an. Sie will auf die Straße, statt in Bars oder fremde Betten gehen. Wen lieben, wenn die Welt ein Haufen Asche ist? 

Rosa wuchs ohne Vater auf, ohne männliche Autorität, ohne männlichen Zuspruch. Gingers Eltern sind mal innig, meist jedoch zu weit voneinander entfernt. Mutter Natalie (Christina Hendricks aus „Mad Men“) stellte mit Gingers Geburt ihre Lebensziele auf die neuen Umstände um, während Freigeist Roland als Idealist nichts von traditionellen Familienbildern hält und nebenbei umtriebig wird. Aber wie erzieht ein antiautoritärer Freigeist seine Tochter? Ginger vergöttert ihren Vater, seinen Intellekt und seine Ansichten. Erst mit der Zeit, wenn sie ihre Erfahrungen auf Demonstrationen und mit der Justiz macht, aber auch durch die sich verschiebenden Liebesbeziehungen in ihrem Umfeld, erhält Ginger ein Gespür für die Umstände, die zu ihrer Geburt führten. Ein schwerwiegender Betrug, ein Vertrauensbruch wichtiger Personen bringt Ginger in ihrer verwirrten, von existentieller Angst ausgezerrten Verfassung fast zum Explodieren. 

Sally Potters große Leistung ist es, diese beiden Mädchenfiguren, aber auch die Nebenrollen, seien es die Eltern oder Prominenz wie Annette Bening, Timothy Spall und Oliver Platt als seelischer Beistand, unmittelbar lebendig zu machen. Potter lässt sich dafür Zeit, lässt das Drehbuch zuweilen ausgedehnt und träge hin und her wehen, manchmal ohne klaren roten Faden, ohne Stringenz in Richtung Ziel. Aber es sind die Figuren, die uns beschäftigen, sowohl Ginger, die deutlicher im Vordergrund steht, als auch Rosa. Beide sind vortrefflich besetzt. Alice Englert spielt das sexuelle Erwachen, aber auch die kindliche Naivität glaubwürdig, in jedem Blick jederzeit spürbar. Noch etwas besser – nicht zuletzt durch die dankbarere Rolle – Elle Fanning, die sich schon lange nicht mehr hinter ihrer (bisher noch) bekannteren älteren Schwester Dakota verstecken braucht. Eine beeindruckende, nuancierte, voll gelebte Darbietung einer komplexen und faszinierenden Figur, die mit ein Grund ist, warum wir diesem themenreichen, faszinierenden und emotional reichhaltigen Film so interessiert folgen. Von Kamera-Ass Robby Ryan in wunderbar karge, ungemütliche, aber auch poetisch naturalistische Bilder eingefangen, ist „Ginger & Roger“ mehr als nur ein Generationenporträt. Ein Adoleszenz-Drama um Freundschaft, Elternschaft und persönliche Entfaltung, das es zu entdecken lohnt.

Fazit:
Großartig gespieltes Drama um Freundschaft, Erwachsenenwerden und die wachsende Angst vor der Vernichtung in den 60er Jahren. Ein Zeitporträt, das mit seinen vielen Themen noch über zeitliche Grenzen hinaus relevant ist. Großartig gespielt, sehr emotional und stetig faszinierend, auch wenn alles ein wenig träger verläuft als nötig.

8 / 10

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