BG Kritik:

Shin Godzilla



Shin Godzilla / Godzilla Resurgence (2016)
Regisseur: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Cast: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara

Eines Tages bricht eine seltsame Kreatur aus dem Ozean, die sich auf Tokio zubewegt und dabei ist, sich zu verändern. Verzweifelt versucht ein Team von Katastrophenexperten, die Notlage zu klären...


Der König der Monster meldet sich zurück und dieses mal wieder aus dem Heimatland.

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Gastkritik von William Gonçalves

Nach 62 Jahren Filmkarriere, 29 japanischen Produktionen, zwei Hollywood-Remakes und etlichen Auftritten in anderen Filmen, Tv-Serien und Cartoons, ist das Biest nicht mehr aus der Popkultur wegzudenken und erlebt gerade eine erneute Blüte. Gareth Edwards 2014er Remake soll zwei Fortsetzungen erhalten und ist zudem Teil eines „Cinematic Universe“, genauer gesagt dem Monsterverse, mit King Kong, worauf beide schließlich in einem Cross-over gegeneinander auftreten sollen. Und schließlich wurde noch eine Trilogie an Anime-Filmen angekündigt wovon der erste 2017 erscheinen soll. Anders als beim Roland Emmerich Remake, kam die Neuverfilmung Gareth Edwards gut bei Publikum und Kritikern an. Als Toho den Film ankündigte stellte sich also die Frage, wie wolle man damit konkurrieren? Die Landschaft des japanischen Blockbusters hat sich in den letzten Jahren drastisch verändert und Filme wie Space Battleship Yamato, Gantz, Eternal Zero bewiesen, dass es der Industrie endlich gelungen ist sich in diesem Bereich profilieren zu können. Kann es 2016 also einen Godzilla mit Gipskostüm und Plastikmodellen geben? alles beim alten belassen und die alte Generation an Fans befriedigen?

Dann gab es da noch den Kurzauftritt Godzillas in Takashi Yamazakis Always 2, welcher komplett aus dem Rechner stammte. Die gesamte Szene, angesiedelt in den 50er Jahren war äußerst beeindruckend, war aber eben nur eine kurze Szene. Konnte man das in einen kompletten Spielfilm verfrachten? Doch mit der Ankündigung von Hideaki Anno als Regisseur und Shinji Higuchi als Leiter der Spezial-Effekte ließ man auf sich aufhorchen. Hideaki Anno ist im Wesentlichen für seine Arbeit im Anime-Bereich bekannt und machte sich ganz besonders mit seinem meisterhaften Epos „Neon Genesis Evangelion“ einen Namen. Eine Satire und komplette Dekonstruktion des japanischen Mecha-Genre, einem Werk voller Religiöser Allegorien und sich mit Philosophischen, Sexuellen und Psychologischen Themen auseinandersetzt. Doch auch im Realfilm Bereich bewies er unteranderem mit „Ritual“ und der Verfilmung der Superheldenparodie Cutie Honey. Man konnte also gespannt sein wie seine Version aussehen würde denn die Studios garantierten ihm eine große Freiheit. Godzilla sollte wieder zu seinen Spuren des 1954er Originals finden, kein reines Unterhaltungs-Kino sein, sondern auch zum Nachdenken anregen. Zudem ließ Effektleiter Shinji Higuchi verkünden, dass sein Godzilla ein völliger Alptraum sein würde. Als der Film dann in Japan startete schien es, als sei ihnen alles geglückt. Publikum und Kritik feierten den Film, er wurde zum erfolgreichsten Realfilm des Jahres am japanischen Box-office und der Zuschauerstärkste Godzilla-Film seit 50 Jahren. Doch dann kam etwas Merkwürdiges. Als der Film seine Premiere in den USA feierte, wurden die Stimmen verhaltener. Die Fangemeinde war aufgespalten und auch die westlichen Kritiker waren durchaus unzufriedener mit dem Werk. Was hat es also mit der gemischten Rezeption auf sich?

Tja, das hängt nun mal davon ab was genau man vom Film erwartet hat, denn genau daran ist der Film im Westen „gescheitert“ Wer eine Zerstörungsorgie erwartet hat wie die vorigen Filme wird sich sicherlich schwer tun. Denn Shin Godzilla ist vor allem eins: Eine politische Satire. Hideaki Anno blieb seiner Aussage eigentlich treu, dass er einen Film in der Art von Ishiro Hondas Original wollte. Ein Film der dem Publikum helfen sollte, das Hiroshima-Trauma zu verarbeiten. Thematisch Zentral für den Film ist die Nuklearkatastrophe von Fukushima vom 11. März 2011, nachdem das Atomkraftwerk von einem Erdbeben und Tsunami hintereinander getroffen wurde. Anno präsentiert uns einen Film fast ausschließlich aus dem Blickwinkel des Krisenmanagements und hinterfragt den damaligen Ablauf. Die Regierung ist vollkommen überfordert und anstatt schnell zu reagieren, verliert man wertvolle Zeit mit höflichen Floskeln, einer Kabinettsitzung nach der anderen, die zu nichts führt und einer überkomplizierten Bürokratie die ein schnelles Handeln verhindern. Godzilla taucht auf zerstört Munter mehrere Bezirke und was man die Regierung, bzw. der Premier? Der fragt sich munter welche Behörde denn nun dafür verantwortlich ist. Taucht eine neue, unerwartete Situation auf, gelingt es ihnen nicht sich ihr anzupassen und auch das Militär muss für jede seiner Entscheidungen durch Ebenen anrufen um den Premier überhaupt zu erreichen und der kann sich dann nicht einmal entscheiden was zu tun ist. Tut er es, verliert er noch Zeit mit seiner Überdramatisierung. 2 Stunden verfolgen wir also hauptsächlich das und es ist verständlich wieso der Film einen so guten Anklang in seinem Heimatland fand. Jegliche aufgegriffene Thematik entspringt aus der damaligen Kritik an die Regierung und viel tiefer noch, die klaffende Diskrepanz zwischen einem jungen modernen Japan und einer Kultur die sich an seinen alten Traditionen und Werten. Auf die Vorschläge der jungen Wissenschaftler, Politiker wird nicht gehört, da diese unkonventionell seien bzw. nicht der Vorschrift entsprechen. Also nimmt man sich lieber ältere „Experten“ obwohl diese vollkommen Ahnungslos sind.

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Etwas ungewöhnlich ist, dass man bei allem was passiert nicht einer spezifischen Figur folgt. Wir haben hier und da zwar Charaktere die mehr herausstechen als andere, doch verfolgen wir im Großen und Ganzen mehreren verschiedenen Gruppierungen die Versuchen die Katastrophe zu bewältigen. Mehr Emotionen als Frust und Verwirrtheit sollen wir nicht empfinden und tragische Momente finden kaum bis gar nicht statt. Bei allem Respekt für Annos angehen an das Projekt bleibt aber genau dabei eine große Enttäuschung zurück. Seine Satire ist ihm gelungen, aber es war gewagt den ganzen Film nur darauf zu bauen und geht auch nicht komplett auf. Gerade in der zweiten Hälfte des Films schleichen sich mehrere Längen auf und man merkt dass die Narration sich ziemlich im Kreis dreht. Es hätte dem Film geholfen, wenn man ähnlich wie Hondas Original auch den Impakt auf die einzelnen Menschen, also der Bevölkerung gezeigt hätte. Man denke dabei an die Szene mit der Mutter die ihre Kinder in den Armen hält, sie tröstet und ihnen verspricht, dass sie sich bald zu ihrem Vater spirituell begeben werden. Oder die Kamerafahrt über das Zerstörte Tokyo, unterlegt mit Ifukubes unheilvoller Musik. Mehr solcher Momente fehlt es an Annos Film, um die Kritik noch deutlicher zu machen und zu zeigen, was das Versagen der Politik mit sich gebracht hat.

Doch was ist denn nun mit dem Titelgebenden Star des Films? Wir haben nun lange über den Film geschrieben ohne auf ihn einzugehen. Das liegt daran, dass der Film so ähnlich mit Godzilla selbst umgeht. Seine Auftritte sind in den 2 Stunden Laufzeit eher wenig, wobei er in der ersten Filmhälfte öfter auftaucht als in der zweiten. Über seine Herkunft wird wenig gesagt. Man lässt viel offen und Evangelion-typisch lässt Anno dabei seinen religiösen Allegorien freien Lauf. Sein neues / Seine neuen Designs sind zwar gewöhnungsbedürftig, aber es ist ihnen gelungen ein sowohl traditionelles als auch innovatives Design zu vermischen. Godzilla hat seine bekannte Struktur sieht aber aus als sei der direkt aus den Tiefen der Hölle entstiegen. Gewaltig und Furchteinflößend sieht er zudem auch Effekttechnisch wunderbar aus. Es ist Shinji Higuchi und seinem Team gelungen den japanischen Godzilla in die Moderne zu bringen. Die Zeiten vom Mann im Kostüm sind vorüber Zwar wurde für die Produktion auch ein großes Puppenmodell erschaffen um es, ähnlich wie in der Verfilmung von Attack on Titan, mit Computer-Effekten zu vermischen, doch wurden diese Szenen aus dem Film geschnitten. Die neue Devise heißt CGI und Motion-Capture und man braucht sich beim Endresultat hinter der Hollywoodproduktion von 2014 zu verstecken. Lediglich der eine oder andere Moment lässt einen wünschen, dass man etwas länger daran gearbeitet hätte, der Film hinterlässt aber insgesamt einen mehr als zufriedenen Eindruck. Es ist deshalb schade, dass seine Auftritte sehr kurz bleiben, aber keineswegs ist die Kürze mit Gareth Edwards Remake zu vergleichen. Das 2014er Remake musste viel Kritik wegen Godzillas Auftritten einstecken und die westlichen Stimmen Hämmerten sofort ein, dass es dem japanischen Film nicht besser gelungen sei. Dabei muss man aber sagen, dass Godzillas Auftritte hier nicht so frustrieren. Edwards Problem war es, dass er ständig nur Spannung aufbauen wollte und selbst nach dem großen Auftritt jedes Mal wegschnitt sobald es zum Aufeinandertreffen kommen sollte. Passiert etwas im Zusammenhang zu Godzilla, dann bleibt die Kamera dabei. Anno liefert uns hier ganz besonders eine Szene, die Problemlos zur Audio-visuell prägendsten Szene aus der gesamten Reihe zählt. Untermalt mit Shiro Sagisus einprägsame musikalische Komposition, die, wie von ihm gewohnt, ein wilder Mix aus klassischem Orchester, Chorgesängen und elektronischer Instrumente besteht, präsentieren uns Anno und Higuchi ihren Albtraumhaften Godzilla in vollem Glanz und Kraft.

Mit diesem Biest ist nicht zu spaßen und keine der vorigen Inkarnationen kommt an dessen Feuerkraft. Man unterstreicht somit erneut die Gefahr welcher sich die Menschheit ausgesetzt hat. Anno wagt sich sogar an neues, womit es also nicht beim Klassischen Nuklearstrahl des Monsters bleibt, aber diese unkonventionelle Überraschung, erlebt man am besten im Film selbst. Störend im Kontrast zum restlichen Film bleibt dabei das Finale. Hier dreht Anno den Bogen von ernstem Drama zu Hommage an die Verspieltheit der ersten Filme und liefert uns quasi ein Kevin allein zu Haus im XXL-Szenario. Der Score und die Soundeffekte (Explosionen, Panzer) bestehen dabei komplett aus Archivmaterial, was für Fans ein Genuss ist, ohne den unkundigen Zuschauer zu irritieren. Der wird sich sowieso wundern was ihm da gerade serviert wird. Die gewollte Lächerlichkeit des ganzen hinterlässt aber eher einen gemischten Eindruck.

Fazit:

Shin Godzilla ist nicht gerade ein konventioneller Film und wer sich eine gewöhnliche Zerstörungsorgie gewünscht hat wird enttäuscht sein. Natürlich hätte man sich gefreut sowas serviert zu bekommen und das vor allem bei dieser Inkarnation Godzillas. Doch darf eine Reihe nach 62 Jahren nicht was neues versuchen? Natürlich und Anno bleibt sich selbst Treu und liefert ein Werk ganz nach seinem Stil: Politische Satire, Religiöse Allegorie und Bildgewaltiges Epos begleitet von einem rundum gelungenen Score. Doch der mangelnde Fokus auf Godzilla, ein Plot der nach einiger Zeit ins Leere fällt und ein unausgewogener Ton, lassen das Endprodukt etwas taumeln. Mehr als ein reines Unterhaltungsprodukt, ist dieser Film definitiv einen Blick wert und gehört vom cineastischen Standpunkt, zu den besten der Reihe.

7 / 10

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