BG Kritik:

Gone Girl - Das perfekte Opfer


von Michael Eßmann

Gone Girl (US, 2014)
Regisseur: David Fincher
Cast: Ben Affleck, Rosamund Pike, Tyler Perry, Neil Patrick Harris

Story:
Als Amy (Rosamund Pike) am fünften Hochzeitstag scheinbar spurlos verschwindet, gerät ihr Ehemann Nick (Ben Affleck) alsbald unter Verdacht.

„Nichts auf der Welt ist so wandelbar wie die Liebe: Lügen, Hass, sogar Mord, alles ist in ihr verschmolzen; sie ist das unvermeidliche Aufblühen ihrer Gegensätze, eine prächtige Rose, die schwach nach Blut duftet.“ Mit diesem sehr passenden Tony Kushner Zitat beginnt Gillian Flynns Roman „Gone Girl - Das perfekte Opfer“. Ein Bestseller, welcher dementsprechend auch auf den entsprechenden Listen von New York Times oder Spiegel auf den vordersten Plätzen stand, und welcher nun die Basis für den neuen Film von David Fincher darstellt. Und wenn ein David Fincher einen neuen Film ins Kino bringt, gilt es gespannt zu sein. Denn wenn dieser Meister des Spannungskinos den Zuschauern eines gelehrt hat, dann, aus jedem Thema einen zumindest guten Film machen zu können. Sei es beispielsweise eine auf den ersten Blick simple Home Invasion-Geschichte wie in „Panic Room“, die „wahre“ Geschichte hinter dem sozialen Netzwerk Facebook in „The Social Network“ oder aber ein bereits zuvor sehr gelungen verfilmter schwedischer Krimi-Bestseller, wie „Verblendung“. Er kitzelt immer Besonderheiten hervor, besticht mit einem stilvollen Blick, sowie einer unnachahmlichen Stimmung, Ästhetik und Optik.

Nick und Amy Dunne hatten einst alles was sie sich wünschten. Sie waren angesehen, sexy und erfolgreich. Sie verdienten gut, hatten ein doppeltes Einkommen, keine Kinder, ein nach außen hin sorgenfreies Leben in der oberen Mittelschicht, mit unverbaubarem Blick auf New York. Aber in der Beziehung von Amy und Nick kriselt es. Erst verloren beide Ehepartner aufgrund der Wirtschafts- und Printmedien-Krise innerhalb kürzester Zeit ihre Jobs, dann wurde auch noch Nicks Mutter todkrank, weshalb das Paar das Brooklyner Stadthaus verließ, und zu ihr in die Provinz, nach North Carthage in Missouri zog. Hier betreibt Nick seitdem eine Bar (genauer gesagt The Bar) mit seiner Zwillingsschwester Margo, genannt Go, und verdient sich als Lehrer für kreatives Schreiben, während Amy die Tage daheim verbringt. Zunehmend vergrößert sich die Distanz zwischen dem einstigen Traumpaar, und von heißem Sex in einer öffentlichen Bibliothek, sind nach gut fünf Ehejahren noch die Erinnerung, sowie die Tagebucheinträge von Amy geblieben. Amy, oder auch „Amazing Amy“ - spitznamentlich genannt nach der literarischen Kinderbuch-Schöpfung ihrer Eltern, für welche die reale Amy wiederum Pate stand - sehnt sich nach dem Leben in New York zurück, während Nick seine Tage bei Go in der Bar damit verbringt, sichtbar ermattet und Bourbon trinkend, sich über seine ihm Vorwürfe machende und an ihm rumnörgelnde Ehefrau zu beschweren. Doch das Leben im beschaulichen North Carthage verändert sich auf einen Schlag, als Nick der Polizei gegenüber angibt, seine Frau sei an ihrem fünften Hochzeitstag spurlos verschwunden. Bereits nach wenigen Minuten werden Indizien entdeckt, welche auf ein Verbrechen hindeuten. Als Nick dann in einem eilig einberufenen öffentlichen Aufruf für einen kurzen Moment zu unbeschwert und lächelnd in die alles festhaltenden Augen der Kameras blickt, beginnen Presse und Polizei an ihm und seinen Worten zu zweifeln. Der anscheinend nicht genügend trauernde Ehemann findet sich alsbald sowohl im Zentrum der Ermittlungen, als auch dem der Medien wieder.

Wie gut kennen wir den gewählten Partner wirklich?


Hat Nick seine „Amazing Amy“ gar ermordet, und irgendwo verscharrt oder in einem See versenkt? Ganz entsprechend der literarischen Vorlage lässt Fincher den Zuschauer die erste Hälfte des Filmes über die tatsächlichen Geschehnisse im Unklaren, um dann Aufklärungsarbeit zu leisten. So besteht „Gone Girl“ aus zwei sich deutlich unterscheidenden, aber zueinander passende Filmhälften, welche zusammen ein Ganzes ergeben, ja, eine Ehe-ähnliche Verbindung eingehen. Erzählt wird diese Ehe chronologisch vom Tag des Verschwindens, unterbrochen von Rückblenden in Form von Tagebucheinträge von Amy, welche der Geschichte zum einen die notwendige Vergangenheit liefern, zudem aber auch Dinge offen legen, über welche der scheinbar treusorgende und besorgte Ehemann, die Polizei offenbar wissentlich im Unklaren ließ. Hierbei spielt Fincher gekonnt damit, dass jede Geschichte nur so wahr ist, wie es der jeweilige Blickwinkel zulässt, und gar zu einem guten Stück der jeweiligen subjektiven Wahrnehmung geschuldet ist. So offenbaren sich zwischen dem was Nick der Polizei gegenüber zu Protokoll gibt, und dem was Amys Tagebuchauszüge für eine Sprache sprechen, immer größer werdende Diskrepanzen. Wie, wenn Amys Sicht der Dinge beispielsweise einen weitaus aggressiveren Nick präsentiert, als jener, welcher im Verhörraum vor den zuständigen Beamten sitzt. Wobei die Ermittlungsarbeit - und die Polizei im Allgemeinen - dabei ein wenig an die üblichen Crime-Serien wie „Criminal Intent“ und dergleichen erinnern, was Afflecks Nick auch leicht spöttisch kommentiert.

Fincher skizziert, nein seziert innerhalb des Films eine nach außen hin perfekte Ehe, offenbart die dunkelsten Schattenseiten der Beziehung, und löst das Eheleben in all seine schönen und hässlichen, aber vor allem in schonungslose Fragmente auf. Er zeichnet ein komplexes Psychogramm des modernen (oder doch mordenden?) Ehelebens, gekoppelt an einen Thriller. Die in den Hauptrollen agierenden Ben Affleck und Rosamund Pike waren wohl nie besser, liefern einige denkwürdige Szenen ab, und geben glaubhafte, entwicklungs- und empfindungsfähige Figuren. Aber auch wenn Ben Affleck unter Finchers Führung aufblüht, und der oftmals perfekte amerikanische Strahlemann ebenso perfekt als Nick besetzt erscheint, so spielt ihn doch Filmpartnerin Rosamund Pike in nahezu jeder der Szenen eiskalt in den Boden und an die Wand. Dies könnte sich rückblickend betrachtet als Wendepunkt, und als bisher wichtigste Rolle ihrer Karriere herausstellen, in welcher Pike eine ungeheure Wandlungsfähigkeit und Vielschichtigkeit offenbart. Hier könnten tatsächlich Auszeichnungen winken. Der Soundtrack klingt dagegen bloß typisch für eine Kooperation von Trent Reznor und Atticus Ross, ist düster, unheilvoll und vortreibend, dabei aber weniger einprägsam, als noch jene zu „Verblendung“ oder zu „The Social Network“.

Gone Girl ist kein... was man auch erwarten mag


Zum einen und Vordergründig betrachtet ist „Gone Girl - Das perfekte Opfer“ neben der Aufarbeitung einer Ehe, ein ungemein spannender Krimi und Thriller-Mix. Aber Fincher will mehr, gibt seinem zehnten Kinofilm (genau wie die Buchvorlage es verlangt) eine weitere Wirkungsebene, und zeigt gekonnt die immer gleich ablaufenden, ja ritualisiert erscheinenden Mechanismen und Abläufe, welchen der amerikanische Medienzirkus unterliegt. Er generiert daraus ein erschreckend authentisch anmutendes Abbild einer Medialen Hetz- und Schmutzkampagne, und offenbart schonungslos die manipulativen Fähigkeiten der (US-)Medien. Denn wessen sich Afflecks Nick (schuldig oder nicht) hier ausgesetzt sieht, ist nichts geringeres als eine Schmutz und Hetzkampagne, bei der es keine Tabus mehr zu geben scheint, wobei jedes noch so nichtige Detail schonungslos ausgeschlachtet, und aus dem Kontext gerissen wird. Vorverurteilung und Manipulation inklusive. So wird aus einem möglichen Opfer schnell Täter, Dinge werden komplett aus dem Zusammenhang gerissen und in eine Richtung gelenkt, welche nur quotenwirksam ist, aber mit objektiver Berichterstattung genau genommen nichts mehr zu tun hat. Eine moderne Hexenjagd. Fincher überspitzt diese aber nicht derart satirisch, dass dadurch der dunkle Grundton seines „Gone Girl“ aufgebrochen würde. Vielmehr dienen diese satirischen Einschübe nur der Auflockerung, und garnieren das Werk gar mit Prisen von Humor.

Die ganze Geschichte offenbart sich an vielen Ecken als geradezu, und von jeher, als für David Fincher geradezu prädestiniert gewesen zu sein. Erstaunlicherweise offenbart sich das Werk dann allerdings inszenatorisch, als ein für ihn eher konventionell anmutender Film. Man könnte glatt meinen, es steckt am wenigsten Fincher-artiges, im neuen Fincher, da seine ansonsten so auffälligen Kamerafahrten, hier deutlich zurückhaltender wirken. Was aber noch lange keinen schlechten Film aus „Gone Girl“ macht, da die für den Regisseur typische Dauerspannung trotz allem allgegenwärtig ist. Zu verdanken ist dies aber nicht nur Finchers gelungenen Inszenierung, sondern auch und vor allem Autorin Gillian Flynn, welche sich selbst um das Drehbuch kümmerte. Gemeinsam schafften Fincher und Flynn das, was oft gute Buchverfilmung ausmacht: Nicht bloß abfilmen, sondern verschlanken, verdichten und verändern der Vorlage, und die Geschichte an das Medium Film anzupassen. So wurde aus den knapp 500 Seiten des Romans, ein immerhin noch 2 Stunden und 29 Minuten langer Film, welcher sich bei den Tagebuchrückblenden von Amy auf einige wenige beschränkt. Diese erscheinen im Filmformat allerdings gut ausreichend, die Geschichte zu erzählen. Eine sehr gelungene und auch weitgehend Vorlagen-getreue Adaption ist die Folge, welche trotz Überlänge, eigentlich so gut wie gar keine Längen aufweist. Allerdings trüben ein paar zu schnell abgehandelte Eckpunkte und unlogische Schnitzer den Gesamteindruck, denn bereits bei gar nicht mal so genauer Betrachtung fallen Detail der Handlung als nicht ganz stichhaltig auf. Dies bleibt bei diesem tollen Gesamtwerk aber gut zu verzeihen.

Fazit:

So undurchsichtig wie „The Game“, spannend wie „Zodiac“, und ein so böser Blick auf die Abgründe der Menschlichkeit hinter einer perfekten Fassade, wie in „Verblendung“. Phasenweise brillant, ultraspannend und dabei teuflisch gut inszeniertes Thriller-Kino, von Meister-Regisseur David Fincher. Ein Film der neben der famosen Inszenierung vor allem von seinen Irrungen, Wirrungen und Wendungen in der Handlung lebt, und demnach so unwissend wie möglich am besten funktionieren dürfte. Also aufhören darüber zu lesen und reingehen, da sehr sehenswert, und mit Seltenheitsfaktor.

8,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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