BG Kritik:

Good Time


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Good Time (USA 2017)
Regisseur: Ben Safdie, Joshua Safdie
Cast: Robert Pattinson, Ben Safdie, Jennifer Jason Leigh

Story: Nach einem verpatzten Bankraub landet Connies (Pattinson) geistig beeinträchtigter Bruder Nick im Gefängnis. Also sieht Connie sich gezwungen, Geld für eine Kaution zu beschaffen, wobei er immer tiefer ins Unheil gerät.

Familiäre Inklusion der etwas anderen Art.


Connie Nikas ist kein besonders netter Mensch, doch ein Monster ist er auch nicht. Gleich zu Beginn zerrt er seinen geistig beeinträchtigten Bruder Nick aus einer Therapiesitzung. Wir denken, Connie sehe sich als die einzige Person, die seinen Bruder richtig versteht. Das mag stimmen, doch Connie braucht als unkoordinierter (Klein-?)Ganove seinen Bruder auch als Deckung an seiner Seite, als ruhigen, aber hünenhaften Partner, der ihn nicht hinterfragt, da er die Dimensionen der Taten nicht nachvollziehen kann. Connie ist gut und wahrscheinlich sogar ehrlich darin, Nick anerkennend zuzureden, ihm ein Gefühl von Wert und Wichtigkeit zu vermitteln, doch als es nach einem Bankraub hart auf hart kommt, kann er den Überblick behalten und fliehen, wobei er Nick zurücklässt.

Es ist eine ungewöhnliche und dadurch spannende Beziehung zwischen Brüdern, gerade weil sich sich nie zweifelsfrei festlegen lässt, warum Connie die Dinge tut, die er tut, und ob sie richtig sind. Aus Sicht des Gesetzes begeht er gleich mehrere kapitale Straftaten, doch für eine lange Zeit kann man für Connie, den Robert Pattinson als unangepasst und exzentrisch unruhig spielt, eine nachvollziehbare Grundmotivation erkennen oder diese spannend hinterfragen. Will er seinen Bruder aus dem Knast holen, um ihn zu befreien, da er weiß, wie schlecht es Nick dort ergehen wird? Oder will er verhindern, dass die Polizei über Nick Connie selbst zu nahe kommt? Und schließen sich diese beiden Möglichkeiten kategorisch aus?


Mit der Suche nach Geld und einem Zwischenfall im Gefängnis wird Connies Chaostrip einer Nacht dringlicher, doch auch der Film nimmt nun seine eigentliche Gestalt an. Die frühen Anzeichen eines sozial motivierten realistischen Dramas rücken in den Hintergrund, wenn die Brüder Safdie die Stilregler hochfahren und besagten Chaostrip über die Stränge schlagen lassen. Connie ist so sehr auf der schiefen Bahn, er kennt den rechten Weg nur noch aus vager Erinnerung. Sein Weg geht über Erpressung, Diebstahl, Körperverletzung, Entführung und Drogenhandel, wenn ihn die Odyssee dieser einen Nacht quer durch die Stadt und zu verschiedensten Teilzeitbegleitern führt.

Mit Anleihen an Martin Scorseses (weitgehend unbekannten) „After Hours“ (1985) nimmt „Good Time“ zuweilen hysterische und schrille Züge an, stoppt nur knapp vor dem esoterischen Overkill eines „Enter the Void“. Während der Musikscore, ein exzentrischer Cousin von „Tron Legacy“ und „Only God Forgives“, regelmäßig die Synth-Peitsche knallen lässt, schaufelt sich Connie allem Anschein nach sein eigenes Grab. Eine Sprite Flasche wird nicht nur zu einem ungewöhnlichen MacGuffin, sondern auch zu einem Symbol von Konsum, Gier und Verwahrlosung in der Form eines unterklassigen Lebensmittels. Nach einer ungewöhnlichen Irrfahrt ist es die erzählerische Rahmung, die dem Film das gewisse Extra verleiht, die unmissverständlich kommuniziert, dass die angeschnittenen Facetten halb-gescheiterter Existenzen, krimineller Eigenschaften und komplizierter Familien nicht einfach nur Dekoration für einen überengagierten Thriller waren, sondern vielmehr der springende Punkt.

Fazit:

Ungewöhnlich inszenierter und charakterlich spannender Thriller, der gleichzeitig spannende Charakterstudie und komplexes Brüderporträt ist.

7,5 / 10

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