BG Kritik:

Grand Budapest Hotel


von Christian Westhus

The Grand Budapest Hotel (USA, Kanada, Deutschland 2014)
Regisseur: Wes Anderson
Cast: Ralph Fiennes, Tony Revolori, Jude Law, Saoirse Ronan, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe, uvm.

Story:
Ein Autor erzählt uns, wie ihm von einem Lobby Boy die Geschichte von Concierge Gustave H. (Fiennes) erzählt wird. Monsieur Gustave leitete im Europa Anfang der 30er das renommierte Grand Budapest Hotel. Als eine betagte und gut betuchte Dame (Tilda Swinton) ermordet aufgefunden wird und Gustave überraschend ein wichtiges Erbstück zugesprochen wird, ist der Concierge der erste Verdächtige und versucht auf einer irrwitzigen Flucht der verrückten Familie der Dame zu entkommen und seine Unschuld zu beweisen.

Wer einen Wes Anderson Film schaut, der betritt eine andere Welt. Es gibt mehrere zeitgenössische Filmemacher, deren Stil man schnell oder sofort mit jedem neuen Film erkennt, doch Wes Anderson ist von vorne bis hinten unverkennbar und einzigartig. Egal, ob wiederkehrende Darsteller, Schrifttypen und -farben, Kamerabewegungen, Kostüme und Ausstattung, Andersons Filmwelten sind aus der Zeit gefallene Kinderzimmer- und Postkarten-Tableaus, mit häufig auch inhaltlich wiederkehrenden Elementen. Und „Grand Budapest Hotel“ wirkt wie eine selbstbewusste und doch zuckersüße Kampfansage. „Ich verstelle mich nicht“, scheint Anderson zu rufen mit diesem Film, der wie die finale Realfilmzuspitzung des Prinzips Wes Anderson wirkt. Nicht mit jedem Film führt dieser einzigartige Stil auch zu einem gelungenen Gesamtfilm, doch Filmemachern, die so selbstbewusst und uneingeschränkt sie selbst sind, sollte man für jeden neuen Film dankbar sein. Wenn am Ende ein so großer Spaß wie dieser bei rum kommt umso mehr.

„Grand Budapest Hotel“ funktioniert wieder nach der Anderson’schen Schneekugel-Logik. Ein unserer Welt nachempfundenes Abbild als beschaulich-märchenhafte Spielwiese, auf der Anderson ohne falsche Anbiederung seine inszenatorischen Spleens und Vorlieben ausleben und vorführen kann. Das Titel gebende Hotel erscheint uns vor im doppelten Sinne malerischer (soll heißen: gemalter) Gebirgs-Kulisse als herrlich pink strahlendes Pappmaché Modell, das man über eine ruckende und zuckende Modelleisenbahn erreicht. Dies ist nicht die Realität, nicht die Welt die wir kennen. Wir befinden uns im fiktiven osteuropäischen Staat Zubrowka; einer von vielen herrlich klingenden ausgedachten Namen und Begriffen, mit denen der Amerikaner Anderson durch sein eigenes Schneekugel-Prisma auf das alte Vorkriegseuropa blickt.

Verschachtelte Erzählebenen: Grand Budapest Hotel


Auf den ersten Blick ist „Grand Budapest Hotel“ eine herrlich unterhaltsame und bemerkenswert einfallsreiche Krimikomödie. Auf den zweiten Blick immer noch, ehe wir auf die bei Anderson bereits bekannten Ansätze aus schriller Familienbande, Vätern und Söhnen, einem verrückten Ein- oder Ausbruchsplan, und jugendlicher Selbstfindung blicken. Doch nicht erst wenn schmuck gekleidete Soldaten mit so etwas wie Pickelhauben auftauchen, wenn wir von besetzten Grenzen hören oder die so genannte „Zig Zag Division“ mit verdächtig wohlbekanntem Emblem in Erscheinung tritt, befinden wir uns in einem verzerrten Bilderbucheuropa, wie man es nirgendwo außerhalb eines Wes Anderson Films finden kann.

Das Hotel Grand Budapest wird zu einem Mikrokosmos, zu einer eigenen Schneekugel, abgeschottet vom Rest Europas, der gerade massive Veränderungen durchmacht. Gustave H. hält als überkorrekter, streng parfümierter, aber stets höflicher Poesie-Freund die Illusion einer schon längst vergangenen Welt aufrecht. Die eitle und selbstgerechte Vorstellung der Überlegenheit der quasi-adligen und reichen Gesellschaft, die Weisheit des Alters, die Monsieur Gustave regelmäßig in die Betten vornehmer und sehr in die Jahre gekommener Damen führt. Gustave H. ist kein strahlender Held, kein von Grund auf positives Vorbild. Er ist einer von Andersons ambivalenten Antihelden, denen wir nicht immer zustimmen wollen, die uns aber doch meist irgendwie auf ihre Seite holen. In einer Filmographie, der es an Vaterfiguren und sinnsuchenden Männern nicht mangelt, ist Gustave H. schon jetzt ein unvergessliches Highlight. Nicht zuletzt dank Ralph Fiennes, der – so eigenartig das für Voldemort sein mag – eine der besten Comedy Darbietungen seit Jahren abliefert. In der Figur Gustave H. spiegelt sich all der angesprochene Subtext und doch durchleben wir mit dem feinen Concierge in erster Linie ein halsbrecherisches Abenteuer.

Mentor und Schüler: der Concierge und sein Lobby Boy


Ihm zur Seite steht der Lobby Boy Zero, gespielt vom Debütanten Tony Revolori. Schon bald wird er zu einem verlässlichen Gehilfen, einem guten Freund, einem Komplizen in kriminellen Handlungen und zu so etwas wie einem Sohn und Nachfolger. Zero, dessen herrlich dämlicher Eyeliner-Schnurrbart in diesem Film, der vor prächtigen Frisuren und Bärten nur so strotzt, sofort auffällt, wird durch Monsieur Gustave in die mörderische Geschichte um teure Erbstücke, Familienrecht und tote alte Damen hineingezogen. Mit dabei ist bald auch Zeros Freundin Agatha (Saoirse Ronan), die als Bäckerin mit markantem Leberfleck auf der Wange einige nützliche Tricks parat hat. Ihnen gegenüber stehen die gierigen Kinder der Dame, angeführt von Adrien Brody und schlagkräftig unterstützt von Willem Dafoe als finsterem Prügelbruder. Jeff Goldblum ist ein Anwalt zwischen den Fronten, Edward Norton ein ermittelnder Polizist zwischen den Grenzen, und das dauerhafte Wes Anderson Inventar aus Bill Murray, Jason Schwartzman und Owen Wilson schaut zumindest in Kurzauftritten vorbei.

Sie alle irren in unbeschreiblicher Art und Weise durch dieses turbulente Abenteuer und durch mit atemberaubender Detailverliebtheit ausgeschmückte Gebäude und Landschaften. Anderson spielt auf den drei, vier Erzähl- und Handlungsebenen mit Bildformaten und lässt seine Figuren wie gewohnt in einer unnachahmlichen und herrlich witzigen Impulsgeschwindigkeit laufen, unterlegt durch die abermals formidable Musik von Alexandre Desplat. Abgehackte, kurze, schnelle Bewegungen, kombiniert mit einem höchst effektiven Tonschnitt, machen auch aus dem handelnden Personal so etwas wie geführte Figuren einer Spielwelt, deren Abenteuer uns dennoch nicht bloß amüsieren und unterhalten (und wie sie uns amüsieren und unterhalten!), sondern auch emotional erreichen. So emotional wie „The Royal Tenenbaums“ oder zuletzt „Moonrise Kingdom“ mag dieser Film nicht sein und doch ist er weitaus mehr, als nur ein großer Spaß. Und der Spaß alleine wäre schon groß genug, um aus „Grand Budapest Hotel“ einen der besten Filme des Jahres zu machen.

Fazit:

Unverkennbar Wes Anderson. Eine in grandiosen Formen und Farben leuchtende und herrlich abstrakte Welt, in der Anderson seinen irrwitzigen und über alle Maßen persönlich gefärbten Quasi-Krimi mit Abenteuercharakter abspielen lässt. Ein großer Spaß mit einem Überangebot an visuellen Gags und faszinierenden Personen, der sogar ein bisschen mehr als nur ein großer Spaß ist.

9 / 10
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