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Kritik:
Der große Gatsby


von Christian Mester

THE GREAT GATSBY
(2013)
Regisseur: Baz Luhrmann
Cast: Tobey Maguire, Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan

Story:
Ein zurückgezogen lebender Mann namens Gatsby (DiCaprio) feiert die größten Partys der Stadt, ist den meisten jedoch völlig fremd. Als sein unscheinbarer, schüchterner Nachbar (Maguire) explizit von ihm eingeladen wird, erlebt dieser das wahre Gesicht des verzweifelten Lebemanns, der in absurdem Prunk lebt, insgeheim aber ein bescheidenes Ziel hat bei dem ihm der Nachbar helfen soll: das Herz einer alten Freundin (Mulligan) zurückzuerobern.

Kritik:
"Der große Gatsby" von F. Fitzgerald wird mit zu den großen amerikanischen Lektüren gezählt
und ist hierzulande oftmals Pflichtlektüre in Schulen. Zurecht, hat die Geschichte trotz Setting in den 20er Jahren bis heute nichts an ihrer Faszination verloren. Bevor jedoch auch nur ein Wort über Gatsbys inhaltliche Stärken oder Schwächen Thema verloren sei, muss man wohl den Elefanten im Zimmer nennen: Bei Moulin Rouge! setzte Lurhmann bereits auf Bildgewalt, aber einen Film wie Gatsby hat man im wahrsten Sinne des Wortes selten gesehen. Er zeigt den Wohlstand im Film als unvorstellbaren Exzess. Partys, die gefeiert werden, sind Mega-Partys, die jeden Wochenend--abend beim Gastgeber zum New Yorker Silvester zum Milleniumsswechsel machen. Rauschende Feste mit zahllosen Gästen, überall Bands, Tänzer, Champagner, Konfettikanonen, Fanfaren, und das alles in einem Palast von Haus, das Tony Montanas Anwesen wie eine Garage aussehen lässt.

Auffällig ist, dass der Film, eins der teuersten Dramen aller Zeiten, keinen Pfifferling darauf gibt, ein authentisches Bild der 20er zu rekonstruieren. Luhrmann stürzt sich direkt von Anfang an auf einen sehr künstlich aussehenden, stark von CGI geprägten Schein-Look, der schwer gewöhnungs-bedürftig ist und bleibt. Auch musikalisch geht es in ungewohnte Richtungen, denn wie Luhrmann es schon zuvor mit Romeo+Julia und Moulin Rouge! tat, gibt es kontemporäre Musik, in diesem Fall, ausgesuchten Hip Hop und Charts-Pop von Co-Producer Jay-Z, der sich kurzerhand Beyonce, Kanye West und ähnliche Konsorten aussuchte. Wer sich also authentische 20er Jahre vorstellt, den dürfte es knallhart erwischen. Aber: ergeben Luhrmanns Entscheide Sinn oder ist es ein platter Versuch, eine altbackene Geschichte an die 2013er Jugend verkaufen zu können?

Mit Bravour ist es sinnvoll gewählt, denn Fitzgeralds zeitlose Geschichte ist in erster Linie eine des falschen Scheins. Gatsbys Reichtum wird als übertrieben dargestellt, aber das Empfinden passt zum einen zum Erlebnis des Nachbarn, als ungläubiger Tourist in die Welt der Upper Class einzutreten, zum anderen aber auch zu den eigentlichen Motiven des Hausherren. Spätestens wenn man den Grund für die Partys erfährt und man Gatsby näher kennenlernen konnte, ergibt alles seinen Sinn, und auch der märchenhafte Ton fügt sich. Dabei zu sagen, Der große Gatsby sei eine Lovestory wäre nicht ganz zutreffend, auch wenn das Erfüllen einer verlorenen Liebe der Hauptantrieb des Titelgebers ist. Nein, vielmehr steht dessen Beobachtung durch den Nachbarn im Vordergrund, der wie wir Einblick in dieses unglaubliche Lebensbild von Menschen erhält, die fernab jeglicher Gewöhnlichkeiten ein märchenhaftes Fantasieleben führen, letztendlich doch aber Sklaven ihrer Menschlichkeit bleiben. Die zurecht und töricht lieben, intrigieren, sich enttäuschen, sich falsche Hoffnungen machen und bitter bezahlen, die Freundschaften auflösen und ungeahnte finden. Die Kunst, dies als faszinierend darzustellen ist das kleinere Problem, was Luhrmann mit Leichtigkeit durch seine Bombastoptik und das regelmäßige Aufeinandertreffen der exzentrischen Charaktere schafft. Schwieriger wird es, aus dieser Fake-Welt echte Gefühle herauszuholen, diesen Kunstmenschen ehrliche Gefühle abzuverlangen.

Dass es funktioniert, ist in erster Linie den tollen Schauspielern zu verdanken. DiCaprio spielt Gatsbys Exzentrik grandios, wobei er hier auf eine Fassung seines vorherigen Aviators zurückgreifen kann. Zunächst als Objekt der Begierde und simpler Antagonist gesetzt, werden Carey Mulligans und Joel Edgertons Figuren im Laufe der Handlung später interessanter, wenn sie ihre Einsilbigkeit verlieren, und Luhrmann dafür sorgt, dass große Emotionen aufkommen dürfen. Umwerfend ist es, wenn Schauspieler allen Prunk vergessen lassen und nur mit Worten fesseln, die treffen, die berühren und Wahrheiten offenlegen. In seiner Rolle als Erzähler ist Maguire selbst auch gut, das nur leider mit dem wenigen, was ihm die Filmzeit lässt. Meistens ist er stummer Beisitzer, und hier findet sich die größte Schwäche des Films da seine Interpretation des Geschehens insgesamt viel zu kurz kommt. Die Erzählweise wirkt, als nehme sie extra lange Zeit Abstand von den Reichen, zeigt dabei aber zu wenig vom Erzählenden selbst.

Fazit:
Wer die Fake-Optik und den Einsatz moderner Musik für sich verdauen kann, erlebt auf den ersten Blick ein Drama in Bombastkulisse, das in der Beobachtung großer Exzentriker dank starker Schauspieler nach und nach immer interessanter wird, mal amüsant ist, mal spannend wird, mal rührt und dann - relativ nachdenklich, ggfs. sogar traurig verabschiedet. Ein märchenhafter Film, der bitteren Zynismus gelungen in scheinbarer Oberflächlichkeit versteckt.

P.S: Das 3D unterstreicht die Bildgewalt merklich, weswegen es hier ausnahmsweise einmal sehr zu empfehlen ist.

8 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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