hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Kritik:
Der große Gatsby


von Christian Westhus

THE GREAT GATSBY
(2013)
Regie: Baz Luhrman
Cast: Leonardo DiCaprio, Tobey Maguire, Carey Mulligan, Joel Edgerton,

Story:
Basierend auf F. Scott Fitzgeralds Literaturklassiker: New York in den wilden 20ern. Nick Carraway (Maguire) fristet sein bescheidenes Dasein an der florierenden Börse, bis er auf den schwerreichen Unternehmer Jay Gatsby (DiCaprio) trifft. Der sagenumwobene Gatsby veranstaltet jedes Wochenende gigantische Partys und schleppt auch Carraway durch die neureiche High Society der Stadt. Gatsby hat einen Wunsch. Er möchte ein Treffen mit Carraways Cousine Daisy (Mulligan), in die er sich vor Jahren verliebte. Doch Daisy ist inzwischen verheiratet.

Kritik:
„Here we are now – entertainers.” Als Regisseur Baz Luhrman 2001 in „Moulin Rouge!“ Nirvana und den insbesondere durch Marilyn Monroe unsterblich gewordenen Klassiker „Diamonds are a girl’s best friend“ auf mutige und eigenwillige Art und Weise durcheinander mixte, stand die Musical-Welt ein klein wenig Kopf. Gleichzeitig weisen diese beiden Lieder bzw. diese beiden Liedzeilen wahrscheinlich ungewollt schon auf „Der große Gatsby“ voraus. Jay Gatsby, der millionenschwere Entertainer, der die Reichen und Berühmten, die Wichtigen und Schönen New Yorks mit wilden Partys bei Laune hält und mit all dem Prunk und Protz doch eigentlich nur eine alte Flamme für sich gewinnen will. Eine alte Flamme, die eine Vorliebe für mehr als nur Diamanten hat. Und „Moulin Rouge!“ ist auch die perfekte Vorbildung für „Der große Gatsby“, denn sowohl stilistisch und inhaltlich ähneln sich die Filme sehr. Ein tragisches Liebesdrama, angereichert mit Klassenunterschieden, die Machtlosigkeit der Armen gegen die Reichen, serviert in einem turbulent überstilisiertem Cocktail aus Musik, Kostümen und den ganz großen Gesten. Subtil kann Luhrman nicht. Wie Daisy hinter einer Couch auftaucht, oder der erste richtige Blick auf Jay Gatsby – Luhrman setzt seine Protagonisten wie Popstars, wie religiöse Ikonen in Szene. Pompös und nicht immer sinnvoll, aber bildgewaltig und effektiv. 

Wer einen Luhrman Film guckt, muss auf gewisse Dinge gefasst sein. Anachronistische Musik ist da noch das geringste Problem. Die 1920er funktionieren verblüffend gut mit Lana del Rey, The XX und hiphop-fiziertem Neo Jazz, auch wenn etwas weniger Jay Z hier und da auch gelangt hätte. Luhrman wirft in seinen Filmen alles durcheinander, sowohl stilistisch, als auch emotional. Da gehen schmachtendes Melodram, slapstickartige Liebeskomödie und poppige Varieté-Spielerei Hand in Hand, ehe die Jungs mit ihren Flitzern wieder rasante Rennen veranstalten. Seiner Frau Catherine Martin schafft Luhrman mal wieder die große Bühne, kann sie sich als Kostümdesignerin und Ausstatterin doch mal wieder so richtig austoben in Formen, Farben und Ornamenten. Insbesondere Gatsbys Feste sind ein wild geschnittener, orgiastischer Fiebertraum, in dem Flapper-Girls und Dandys mit der hin und her pendelnden Ekstase-Kamera eine heiße Sohle aufs Parkett legen, während es überall glitzert und glimmert, funkelt und strahlt, an jedem Fransenkleid, an jedem Maßanzug. Natürlich besteht schnell der Verdacht, dass Luhrman und Martin den Prunk und Protz eigentlich ziemlich schön finden, was eigentlich nicht Sinn des Romans war. Doch so sehr man in der ersten Hälfte auch dem Exzess frönt, so sehr man die Oberflächlichkeit zunächst zelebriert, in der zweiten Hälfte schaltet Luhrman merklich herunter und gibt seinen Figuren mehr Raum zum Atmen. Die Botschaft von der trügerischen Leere von Glitz und Glamour ist ein wenig verwässert und simplifiziert, aber zweifellos intakt.

Überhaupt ist dieser „Große Gatsby“ als Romanadaption ziemlich gut gelungen. Man hält sich mit vielen direkt übernommenen Szenen, vielen wortwörtlich übernommenen Zitaten recht eng an Fitzgeralds komplexen, aber nicht unbedingt ausschweifenden Roman. Schwachpunkte lassen sich beispielsweise bei Daisy finden. Carey Mulligan spielt sie eigentlich sehr passend, als zynisch gewordenes Püppchen, das sich der neuen Chance in Gatsbys Reich mit großen Augen hingibt. Doch insgesamt ist Daisy zu oberflächlich geschrieben, dabei aber nicht unbedingt als oberflächlich beschrieben. Die Reduktion von Myrtle Wilson, mit der Daisys Mann Tom eine recht öffentliche Affäre hat, ist laufzeittechnisch nachvollziehbar. Auch die im Buch stattfindende Beziehung zwischen Nick und Jordan wird hier schlicht weggelassen, um die Dinge einfach zu machen und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Das funktioniert, macht aus Jordan aber schnell eine eher überflüssige Figur, was schade ist, da Newcomerin Elizabeth Debicki einen ziemlich verheißungsvollen Eindruck macht. Dafür kriegen wir noch mehr Grimassen von Tobey Maguire, an die man sich gewöhnen muss. Joel Edgerton überzeugt als intellektuell einfach gestrickter Macho, doch die entscheidenden Szenen gehören natürlich Leonarda DiCaprio in der Titelrolle. Die Verkrampfung, mit der DiCaprio die meisten seiner Rollen etwas zu sehr „gespielt“ wirken lässt, kommt ihm als Gatsby sehr gelegen. Es macht die tragische Figur Gatsby glaubwürdig und lebendig. 

Es ist trotz alledem ein Baz Luhrman Film. Und der macht es den Zuschauern nie einfach. Es ist eigentlich fast unglaublich, dass wir einen Film wie diesen überhaupt zu Gesicht bekommen. Ein hochemotionales Drama, die Verfilmung eines tendenziell eher intellektuellen und bald 90 Jahre alten Literaturklassikers, in 3D und ausgestattet mit einem Blockbusterbudget, inszeniert von einem Mann, der zuvor nur bedingt Erfolg bei den Massen hatte. Luhrman kann seine einzigartigen Bildvisionen und Experimente mit einem finanziellen Spielraum verwirklichen, der nicht vielen zur Verfügung steht. Jeder neue Film ist ein Erlebnis. Ein Autorenfilmer der besonderen Art, mit dem ganz zwangsläufig manchmal die Pferde durchgehen. 

In dem stilistischen Kuddelmuddel ist „Der große Gatsby“ sowohl als Porträt der 1920er, als auch der Moderne oder unserer Gegenwart nicht immer klar greif- oder trennbar. Der Erzählrahmen, in dem Nick Carraway einem Arzt die Geschichte um Jay Gatsby und Daisy erzählt und damit ganz dem Roman entsprechend zum Erzähler der Geschichte wird, ist originell und funktioniert, auch wenn die Doppelung durch Niederschrift und Voice Over manchmal dick aufgetragen wirkt. Wenn dann auch noch hand- oder maschinenschriftliche Textauszüge über die Leinwand schwirren, wenn die Buchstaben sich zu Schnee verwandeln, wird es schnell albern. Das 3D bietet einige äußerst effektive Momente, insbesondere beim Blick über die Bucht, verträgt sich aber nicht immer mit Luhrmans wilden Kamerabewegungen. Für fast jeden Fehltritt gibt es aber auch gelungene Ideen, sei es der magische Märchenwald rund um Nicks Haus, oder das markante, schon heruntergekommene Reklameschild eines Augenarztes, der als Mahn-Symbol und Beobachter über die Stadt blickt. Eine Sache aber hat Luhrman unbestreitbar geschafft. Er hat das Bild eines Bootsstegs, der hinaus über einen Fluss führt, an dessen anderem Ufer ein grünes Licht unaufhörlich leuchtet, als schwermütiges Symbol tragischer Liebessehnsucht revitalisiert und neu geprägt. Wahrscheinlich stärker als jemals zuvor.

Fazit:
Pomp und Prunk in einem Drama mit Blockbusterbudget. Puristen werden die Anachronismen, die überkandidelten Gesten und die erwartungsgemäße Simplifizierung der Adaption schwer ertragen können. Aber was sonst war vom Regisseur von „Moulin Rouge!“ zu erwarten? Es ist ein rauschhafter, melodramatisch überlebensgroßer Film, der einiges zu bieten hat, aber fast zwangsläufig auch manchmal daneben greift.

7,5 / 10

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich