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Kritik:
Zwei vom alten Schlag


von Michael Eßmann

GRUDGE MATCH
(2013)
Regie: Peter Segal
Cast: Sylvester Stallone, Robert De Niro, Alan Arkin, Kim Basinger

Story:
Zwei alternde, ehemalige Box-Champions treten in einem letzten Duell gegeneinander an, um ihre über 30 Jahre andauernde Rivalität - innerhalb und außerhalb des Ringes - ein für alle Mal beizulegen. Mit Sylvester Stallone als Rocky Balb… ähhh Henry 'Razor' Sharp. Ihm gegenüber, in der blauen Ecke und mit einem Kampfgewicht von 79 kg, Robert De Niro als Billy 'The Kid' McDonnen.

Kritik:
Die Zeiten in denen Darsteller mit jenseits der 60 zum alten Eisen und sobald es abgeht nur noch in die zweite Reihe gehörten, scheinen aktuell deutlich vorbei, denn in Filmen wie u.a. „RED“, „The Expendables“ oder „Last Vegas“ dürfen es die alten Haudegen an unterschiedlichen Fronten weiterhin ordentlich Krachen lassen, und zeigen, dass sie ihren nicht mal halb so alten Kollegen in nichts nach stehen. Da wird geballert und gefeiert, was die künstliche Hüfte aushält und keine Rücksicht auf die Dritten Zähne genommen. In Richtung der Kauleiste geht es nun auch in Peter Segals „Zwei vom alten Schlag“ (im Original: „Grudge Match“), in dem zwei ehemalige Mittelgewichts Boxchampions, - entfacht durch einen YouTube Clip in dem sich die Rentner prügeln und angestachelt durch Box-Promoter Dante Slate (sehr witzig von US-Comedian Kevin Hart gespielt) - mit deutlich über 60 zum finalen Schlag ausholen, um im Boxring ihre nie klar beendete (nicht nur sportliche) Rivalität beizulegen. 

Nach dem beinahe zu 100% perfektem Abgesang in „Rocky Balboa“ noch einmal in den Boxring zu steigen, erschien zur Ankündigung beinahe frevelhaft. Fast als würde Stallone noch einen siebten Teil mit Rocky nachreichen. Dass es diesen siebten Film mit dem angekündigten Spin-off „Creed“ zukünftig auch noch geben soll, konnte damals ja keiner ahnen. Der Punkt der das „Grudge Match“ interessanter und zugleich auch noch waghalsiger machte war wohl die Wahl des Gegenübers: Robert De Niro. Jener Ausnahmeschauspieler, welcher in Martin Scorseses Biopic „Wie ein wilder Stier“ einst den Aufstieg und Niedergang des Boxers Jake LaMotta so einprägsam und intensiv darstellte, und dafür 1981 mit dem Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller geehrt wurde, sollte also auf den Italian Stallion treffen. Rocky Balboa gegen Jake LaMotta: Was kann da schon schief gehen? 

Theoretisch einiges, denn die Gefahr, die zwei Boxfilmlegenden für ein paar billige Lacher (immerhin sollte es ja eine Komödie werden) ihre Ikonen verschandeln zu sehen, war definitiv da, aber u.a. dank der über weite Strecken gelungenen Inszenierung, ist es dazu nicht gekommen. Regisseur Peter Segal („50 erste Dates“, „Get Smart“) inszeniert das Treffen der Box-Titanen als augenzwinkernde und humorvolle Comedy-Hommage an das Sub-Genre des Boxerfilms, und De Niro und Stallone erweisen sich als die sprichwörtlichen, wie die Faust aufs Auge passenden Hauptdarsteller. Sowohl in als auch außerhalb des Ringes. So beginnt der Film gleich mit einer packenden Eröffnungsszene - wenn man von einigen nicht so ganz perfekten CGI-Bearbeitungen und Komponenten mal absieht - denn Segal verwebt hier durchaus geschickt original-Szenen aus „Wie ein wilder Stier“ mit Teilen der „Rocky“-Saga, und erzielt damit direkt einen ordentlichen Punktgewinn. Man fühlt sich spontan heimisch, und fast zurück in die 80er Jahre katapultiert, wenn die ungleichen Kontrahenten in zwei Kämpfen zum Schlagabtausch der Giganten ausholen.

Dreißig Jahre später ist es ruhig geworden um die einstigen Helden des Ringes. So arbeitet der in die Jahre gekommene und verarmte Sharp nun im Stahlwerk, während McDonnen finanziell zwar besser gestellt ein Autohaus und eine Bar sein eigen nennt, aber bei letzterer auch sein bester Kunde ist. Beide vereint, sie haben keine Familie. So dramatisch wie es hier vielleicht klingt, ist es aber bei weitem nicht, da immer ein humorvoller Ton mitschwingt. Rollentechnisch gibt Sly hier mal wieder den ruhigen aber grundehrlichen, hart arbeitenden und grummeligen Typen, während De Niro sichtlich Freude daran hat, dass arrogante und böse in sich raus zu lassen. Sein Billy 'The Kid' McDonnen ist ein fett und träge gewordener, alternder Frauenheld mit Alkoholproblemen und einem verdammt losen Mundwerk, der es Slys Henry 'Razor' Sharp nicht verzeihen kann und will, vor 30 Jahren den dritten und entscheidenden Kampf abgesagt zu haben. Das Herz und der humoristische Volltreffer im Cast ist aber deutlich Alan Arkin (im ziemlich gut getroffenem Rocky Balboa Look) als Slys ehemaliger Trainer und Freund Louis 'Lightning' Condon. Szenen sollen an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden, aber was er da phasenweise abzieht, gleicht einer One-Man-Show, bei der die Hauptfiguren des Öfteren zurückstecken müssen. Grandios. Ebenfalls dabei sind noch die zu lange nicht mehr gesehene Kim Basinger, Jon Bernthal und LL Cool J, deren Rollen zwar fast ausnahmslos nur Mittel zum Zweck sind, und die Handlung in gewisse Bahnen lenken, aber einen guten Job machen. 

Was man vor dem Kinobesuch bedenken sollte, "Zwei vom alten Schlag" richtet sich konzeptionell deutlich an ein (männliches) Publikum, welches mit Rocky Balboa und Jake LaMotta aufgewachsen ist. Denn ohne dieses Vorwissen funktionieren viele Szenen und Gags überhaupt nicht. Diesem Zielpublikum wiederum bietet der Film wohl alles, was der geneigte Boxfilmfan erwartet, denn es gibt Szenen in denen Stallone und De Niro augenzwinkernd ihre Legenden auf Korn nehmen, ebenso wie den rohe Eier zum Frühstück Moment, und natürlich dürfen die obligatorischen Trainingsmontagen zu antreibender Musik nicht fehlen. Nicht jeder dieser Verweise und Gangs sitzt, manches wirkt gar zu platt und forciert, aber unterm Strich ist die Gag-Dichte in der Geschichte um Box-Dinosaurier im Zeitalter der Twitter und YouTube-Generation mehr als in Ordnung, und zusammenfassend reicht es immerhin für ca. 8 der angepeilten 12 Runden. 

Das Ziel eines „Space Cowboys“ im Boxring verfehlen die Box-Rentner somit zwar, schaffen aber zumindest einen sehr soliden, letzten Schlagabtausch, der ihnen absolut nicht peinlich sein muss und den Zuschauer gut zu unterhalten weiß. Hierfür maßgeblich mitverantwortlich ist das spürbares Herzblut, welches dem Film inne wohnt, und das soll ja bekanntlich auch schon so manchem Boxer merklich geholfen haben, und hier trifft es ebenso zu, denn die Art und Weise wie die Comedy um fast 70 Jahre alte Boxer präsentiert wird, rettet die Geschichte nicht nur, sondern macht das Duell sehenswert. Trainings-technisch gewinnt das Duell natürlich der beeindruckend trainierte Stallone, der hier scheinbar sogar extra ein paar Sets ausgelassen hat, um seinen Kollegen nicht zu sehr auszustechen. Aber auch De Niro macht eine passable Figur. Gleiches gilt für das dreißig Jahre verspätete und finale Duell im Boxring, welches relativ wenig Raum in den fast zwei Stunden Laufzeit einnimmt, - dem alter der Boxer entsprechend und ansehnlich inszeniert ist - und in etwa so ausfällt, wie man es aus einem "Rocky" Film erwartet. Da wird ab und an vollkommen ohne Deckung gekämpft, und Volltreffer auf Volltreffer genommen, sich zurück gekämpft und die eine oder andere feindsinnige Phrase ausgetauscht... Sobald aber der Schlussgong ertönt ist, geht man als Zuschauer zufrieden nach Hause. Allerdings nicht unmittelbar, denn es gilt sitzen zu bleiben, da ganz kurz nach Beginn des Abspanns noch ein überaus gelungener Doppel-Cameo wartet.

Fazit:
Zugleich augenzwinkernd, nostalgisch und respektvoll (genug) mit dem Material und der Vorgeschichte der beiden Film-Boxer umgehend, ist „Zwei vom alten Schlag“ eine gute Comedy mit viel Herzblut und einer kleinen Prise Drama, der zwar ab und an die Luft ausgeht, aber dann auch wieder dem Zuschauer vor Lachen die Luft nimmt. Kein perfekt getimter Volltreffer auf die Lachmuskeln, aber auch kein unschön anzusehender Tiefschlag. Für Film-Fans vom Italian Stallion und Raging Bull die auch mit Comedy was anfangen können, absolut zu empfehlen.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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