Kritik:
Gullivers Reisen
Da
kommt was Großes auf uns zu!
von
Christian Mester
GULLIVERS TRAVELS
(2011)
Regie: Rob Letterman
Cast: Jack Black, Emily Blunt
Story:
Lemuel Gulliver (Jack Black) ist ein vom Pech gezeichneter
Postarbeiter, der sich eines Tages eine Fotografenreise ins
Bermuda-Dreieck erschwindelt. Auf hoher See gerät der
Abenteurer in einen übernatürlichen Sturm und wacht
daraufhin als Schiffbrüchiger auf einer Insel wieder auf
– umzingelt von sprechenden Miniaturmenschen. Von den naiven
Bewohnern zunächst als Gefahr vom Formate Godzillas
eingeschätzt, legt man ihn in Ketten. Bei erster Gelegenheit
rettet er jedoch den König (Billy Connolly) und dessen Tochter
und behauptet herumdrucksend, in seiner Welt ein beliebter
Alleskönner zu sein. Es führt dazu, dass die
leichtgläubigen Winzlinge ihn auch als solchen anerkennen...
Kritik:
Comedy-Star Jack Black kann es sich eigentlich gut gehen lassen, denn
seine Karriere läuft derzeit auf Hochtouren. Mit "Tropic
Thunder" und "Kung Fu Panda" hatte er erst 2008 zwei große
Hits
auf einmal, "Kung Fu Panda 2" folgt im Sommer. Trotz der Erfolge wird
es
ihn jedoch merklich wurmen, dass seine letzten beiden Filme mit ihm als
Hauptdarsteller gefloppt sind. Eine Chance auf einen neuen Hit sah er
nun in "Gullivers Reisen 3-D", einer actionreichen Neuauflage der
bekannten Erzählung von Jonathan Swift. Black plante, die nur
geringfügig auf Späße ausgelegte
Abenteuergeschichte in die Moderne zu verlegen, sie dafür
flippig, cool und lustig zu machen und sie überdies auf seinen
eigenwilligen Buddy-Humor zuzuschneiden. Dazu suchte er sich die
aufstrebende Emily Blunt ("The
Wolfman") als Co-Star, die dafür
sogar extra die Rolle der Black Widow in "Iron
Man 2" ablehnte, und lud
noch TV-Star Jason Segel (Marshall aus "How I Met Your Mother"), so wie
Amanda Peet und Billy Connolly (beide aus "Akte
X 2: Jenseits der
Wahrheit") mit ein, ihn auf die Zauberinsel Liliput zu
begleiten.
Gab es
in Jonathan Swifts klassischer Erzählung aus dem Jahre 1726
ein Kapitel, in dem Gulliver die Hosen herunterlässt und ein
brennendes Gebäude mit seinem Urin löscht? In der
Tat*, doch während diese Szene noch akkurat
übernommen wurde, entfernt man sich andererseits bewusst von
den Motiven und Qualitäten der Vorlage. Bis auf den groben
Handlungsfaden haben Film und Buch nichts mehr miteinander gemein.
Gulliver
stößt auf kleine Menschen, wird einmal festgezurrt
und trifft später selbst noch auf Riesen, doch derartige
Szenen scheinen nur noch im Film zu sein, damit der bekannte Titel
wenigstens halbwegs zutreffend bleibt. Gullivers
größtes Hindernis ist die Tatsache, dass der Humor
des Films so klein und unauffällig wie die Liliputaner selbst
bleibt. Lustiger als besagte Urinszene wird es nicht und
überhaupt ist die Anzahl der als witzig gedachten
Klamaukszenen stark begrenzt. Dass Gulliver sich den Times Square auf
der Insel nachbauen lässt, die kleinen Menschen staunend sein
Smartphone bedienen oder er behauptet, Gavatar, seine Fassung von
"Avatar:
Aufbruch nach Pandora" mit entwickelt zu haben, ist nicht
lustig. Das sind möglicherweise amüsante Randdetails,
nicht aber lohnende, wirkungsvolle Späße.
*Dank an Korrekturhinweis von
Leser 00Doppelnull
Ebenso ineffektiv sind zwei
aufkeimende Liebesgeschichten, die sich glücklicherweise nicht
zwischen Gulliver und der leichtgläubigen Liliput-Prinzessin
ereignen. Die Liebesgeschichten der gewählten Konstellationen sind jedoch platt und
emotionsfrei inszeniert, sodass sich Emily Blunt schon sichtlich
anstrengen muss, bei ihren schmalzigen, oberflächlichen
Dialogen gefasst zu bleiben und die ernste Prinzessin eines viktorianisch anmutenden
Zeitalters zu spielen – zumal die Aktrice erst kürzlich
selbst die Monarchin Viktoria im Drama "Young
Victoria"
spielte. Der 3-D Familienfilm kommt zudem fast gänzlich ohne
Action aus, was hinsichtlich der Größenunterschiede
der Figuren überrascht. Gulliver besiegt eine angreifende
Armee bereits damit, sein T-Shirt auszuziehen und Groß zu
sein. Bei 100 Millionen Dollar Plus Budget-Filmen wie diesem darf man
da für gewöhnlich mehr erwarten. Gute
Vergleichsmöglichkeiten bieten die beiden
"Nachts im Museum"
Filme mit Ben Stiller, die ein ähnliches Konzept vorspielten, dafür aber regelmäßig auf Bewegung ausgelegt
waren.
Dass
der Besuch der
Märcheninsel nicht völlig umsonst ist, ist der
Besetzung zu verdanken. Black scheint ständig augenzwinkernd
in die Kamera zu blicken, um klar zu stellen, dass er selbst
weiß, was für eine Art Film es ist. Einer, in der er
mit herunter gerutschter Hose rückwärts zu Boden
stürzt und dabei einen Liliputaner zwischen seinen Pobacken
verschwinden lässt (der übrigens nachfolgend nie
wieder gesehen wird; es bleibt offen, ob er bei Abspann noch immer dort
ist). Black lässt sich auf den Unsinn ein und schafft mit
seinem positiven, stets energetischen, mitreißenden Auftreten
gute Laune. Billy Connolly und Bösewicht Chris D’owd
erinnern jeweils ein wenig an Monty Python Star John Cleese, und da
Amanda Peet
und Emily Blunt nicht viel zu tun bekommen, sind sie zumindest
visuell nette Abwechslung zu Blacks ständig blanker Wampe.
Verloren wirkt Jason Segel, der als liebeskranker Held die meiste Zeit
in Gullivers Taschen sitzt, doch sie alle haben gemein, dass sie
merklich Spaß am Projekt hatten - das merkt man.
So affig Drehbuch und Figuren auch sein mögen, so kann sich
Regisseur Rob Letterman (nicht verwandt mit Late Night Show Star David
Letterman) zumindest noch dafür loben lassen, dass Gullivers
Reisen solide aussieht und ohne Längen inszeniert ist. Der
Effekt der Größenunterschiede ist 2011 technisch
sicherlich kein schwieriges Unterfangen mehr, doch Letterman brachte
auch bereits Vorkenntnisse mit, da er zuvor die gänzlich
animierten Filme „Monster und Aliens“ und
„Große Haie – Kleine Fische“
gedreht hat. Vollends unnütz ist der eingesetzte 3-D Effekt: das
nachträglich hinzu gefügte 3-D bietet – wie
bei fast allen Vertretern des zweitklassigen, nachträglich
konvertierten 3-D – wieder nur platte Bilder, mit einigen
wenigen Erhebungen wie in einem Faltbuch, sodass sich der immense
Aufpreis
dafür nicht lohnt.
Fazit:
2005
jagte Jack Black einen Riesenaffen, jetzt ist er selbst einer.
"Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns
zu!" ist händeringend auf hip und modern getrimmt, doch dabei
hat man völlig verpasst, den Film mit echten
Späßen oder sehenswerter Action zu füllen.
Wer damit leben kann, zu sehen, wie Jack Black Winzlinge bepinkelt,
seinen Hintern und seine Wampe in 3-D in die Kamera hält und
es schon witzig findet, dass er sich Präsident Obercool nennt,
der sollte schnurstracks ins Kino und sich diese lose Variante von
"Nachts im Musem" ruhig ansehen. Alle anderen warten auf den Nicolas
Cage Actioner "Drive Angry: Fahr zur Hölle 3-D", der am Ende
des Monats anläuft.
3,5 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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