hauptseite  kritiken  |  news  |  trailer showroom  jetzt im kino  community  impressum



 

 

Kritik:
Hangover


von Christian Westhus

The Hangover
(2009)
Regie: Peter Segal
Darsteller: Ed Helms, Bradley Cooper, Mike Tyson

Story:
Alan, Stu und Phil wachen eines Morgens mit einem Höllenkater in Vegas auf und haben nicht den blassesten Schimmer, was an dem Abend zuvor passiert ist. Sie wissen nur noch, dass sie in der Stadt den Junggesellenabschied ihres besten Freundes Doug feiern wollten – doch Doug, der eigentlich bis zum Nachmittag auf seiner eigenen Hochzeit erscheinen sollte, ist spurlos verschwunden. Dafür haben sie auf einmal ein Baby und einen Tiger.

Kritik:
Kennt noch jemand „Very bad Things“? Der etwas arg gewollt schwarzhumorige Film aus den 90ern, in dem Christian Slater und Compadres (u.a. „Iron Man“ Regisseur Jon Favreau) eine tote Prostituierte beseitigen, um eine anstehende Hochzeit nicht zu verderben. Warum war die Prostituierte tot? Weil ein Junggesellenabschied in Las Vegas so richtig aus dem Ruder lief. Nun also „Hangover“, der Überraschungserfolg des Jahres. Gleicher Ausgangsplot, komplett anderer Film.

WLas Vegas ist ein Mythos, ein eigentlich amerikanischer Mythos, der aber weltweit und auch im Kino schon unzählige Male aufgegriffen, genutzt und verändert wurde. Die fröhlichste, traurigste, bunteste, oberflächlichste Stadt der Welt bot seit jeher den Schauplatz für Hollywoodgeschichten. Ob sich ein gescheiterter Autor zu Tode säuft, ob die Mafia ihre gierigen Kreise zieht, Menschen um Alles oder Nichts spielen, oder ob man verheiratet mit einer fremden Person wieder nach Hause kommt – Las Vegas ist gleichermaßen Klischee und Original. Auch mit einem Junggesellenabschied gewinnt man keine Originalitätspreise, hat man aber, wie eine ungeschriebene Hollywoodregel schon seit Jahrzehnten mit einem Augenzwinkern besagt, Charaktere, kann man auf einen originellen Plot pfeifen.

Vier Männer fahren kurz vor einer Hochzeit nach Las Vegas. Der Bräutigam, seine zwei besten Freunde und der Vierte im Bunde, der eigentlich noch nicht richtig dazu gehört. Zach Galifianakis als Alan fällt auf. Er passt nicht zu den drei anderen Jungs. Der bärtige Koloss mit dem debilen Blick scheint den Schuss nicht gehört zu haben und so rollt er als Unheil bringender Naivling über die Gruppe hinweg. Alan wirkt am ehesten wie eine konstruierte Filmfigur, bekommt so aber fast die meisten Lacher, oder zumindest den meisten Raum für witzig gemeinte Szenen. Dem Drehbuch und den Darstellern ist es aber zu verdanken, dass wir Alan fast noch schneller aufnehmen, als die anderen Drei. Schönling Phil, der besonnene Stu und Bräutigam Doug wirken wunderbar authentisch. Nicht absolut realistisch, aber sympathisch und nachvollziehbar und das vor allem als Freunde.

Wir mögen die Jungs, obwohl sie scheinbar alle einen an der Waffel haben. Es macht einfach Spaß, ihnen durch dieses Chaos zu folgen, denn weil wir auf annähernd gleichem Informationsstand sind, sind ihre und unsere Reaktionen auf die nächste Wendung und das nächste Puzzleteil sehr ähnlich. Nach Jägermeister und Freundschaftsbekundungen ist am Morgen danach die Hölle im Hotelzimmer ausgebrochen und weil die Erinnerung leer gefegt ist, gilt es Stück für Stück herauszufinden, wo der Bräutigam abgeblieben ist, woher das Kind und der Tiger kommen und warum der Zahn fehlt.

Sicher, diese ersten Impressionen hat man schon im Trailer gesehen und so ist die Sichtung des Tigers nicht mehr so abstrus und überraschend, wie sie hätte sein können, aber das ganze Erwachen, in seiner Trägheit und unkommentierten Fassungslosigkeit, ist schon ein erstes Highlight. Und was da noch folgen wird, kann man ein ums andere Mal sicherlich nicht voraussagen. Die ganze Geschichte mit Heather Graham gehört da aber leider zu den eher gewöhnlichen Ideen. Es soll wohl ein wenig emotionaler werden und Kontrast schaffen zu dem, was für den Betroffenen zu Hause wartet, doch es ist auch nur halb so schrill und witzig wie es gerne wäre.

Viel interessanter und wichtiger sind die Verstrickungen um getauschte Autos, den Besitzer des Tigers, übel gelaunte Polizisten und Kofferraumladungen. Der Humor profitiert dabei immer von der Gruppendynamik und den gut greifbaren Eigenheiten der jeweiligen Charaktere. Hier ein wenig mit Klischees spielen, dort den Stereotyp überdeutlich durchziehen und ansonsten wechselt der Humor von abgefahren zu derb und wieder zurück. Ein paar mal schrammt man dabei ziemlich knapp am US-typischen Gross-Out-Humor vorbei, der mit Ekel, Sex und Körperflüssigkeiten auf Lacher hofft. Wer darauf steht, wird hier und da seine Freude haben, wer nicht, wird erfreut sein, dass es sich doch ziemlich in Grenzen hält. Dass Galifianakis gleich zu Beginn eine Art Tanga vorführt, sollte als Warnung erwähnt sein und der Besuch bei einem Arzt, der gerade einen seeehr alten Patienten auf Herz und Nieren untersucht, findet wohl nur statt, um über den sicherlich aufkommenden Ekel punkten zu können. Ansonsten gibt es ein Meer aus sexuellen Anzüglichkeiten, die bei grabschenden Schneidern anfangen und bei masturbierenden Säuglingen noch nicht am Ende sind. Subtil geht anders, aber der Humor ist schon cleverer, natürlicher und spontaner, als in vielen anderen Filmen dieser Art. „Old School“ z.B. – um nur einen zu nennen, der sogar denselben Regisseur hat.

Wo das Drehbuch mit den Figuren und dem Humor fast alles richtig macht und die verrückte Schnitzeljagd mit ordentlich Tempo, Wahnsinn und Gags von einem Ort zum nächsten, von einer Erkenntnis zum neusten Schrecken leitet, gibt es in der Dramaturgie und im Spannungsbogen ein paar Hänger. Hätten wir in der ersten Szene nicht schon gesehen, wie die Situation kurz vor Ende aussieht, würden wir noch schwereloser und angreifbarer dem harren, was da auf uns losgelassen wird. So aber ist das Gesehene eine Rückblende, die sich irgendwann in den eigenen Schwanz beißt und dann noch etwas weiter läuft. Bis dahin haben wir als Zuschauer einen kleinen Wissensvorsprung, den man oft in dem anarchischen Chaos vergisst, bei jeder Chance, den Bräutigam zu finden aber wieder in Erinnerung ruft.

Das ist ein wenig schade, wenn auch kein übermäßig großer Verlust. Auch die Tatsache, dass die letzte Viertelstunde hier und da mit Unwahrscheinlichkeiten übertreibt und zu versöhnlich erscheint, sollte erwähnt werden. Die Figuren retten es aber auch hier, lassen über die merkwürdige Hochzeitsmusik nach „Witz-komm-raus-Art“ hinwegsehen und verabschieden in die wohl spaßigsten Endtitel seit Jackie Chan seine Fehltritte dort präsentierte oder seit Tom Cruise auf Tanzbär machte. Kein Mensch wird auch nur irgendeinen Namen bei den Endtiteln lesen und das ist hier zur Abwechslung mal keine Schande. Noch dazu ist die Spielerei wunderbar in die Handlung eingebaut und ist als Abschluss absolut perfekt. Das lohnt aber auch nur, weil das Vorherige so gelungen war und wir uns der verrückten Truppe ein Stück weit zugehörig fühlen. Trotz moralischer Abgründe und fragwürdigem Verhalten. Viva Las Vegas.

Dass der Film aktuell in der Top 200 der besten Filme aller Zeiten bei imdb.com steht ist zwar reichlich übertrieben, doch für einen schwer unterhaltsamen, teils obszönen, teils abstrusen und teils haarsträubenden – und das alles meist im positiven Sinne - Film reicht es allemal.

Fazit:
Der Plot ist bekannt, doch coole Figuren und abgefahrene Ideen retten den Film nicht nur, sondern machen ihn zu einem perfekten Spaß-Film, der besonders in der richtigen Begleitung die Butze rocken wird. Perfekt ist er nicht, hakt z.B. in der Dramaturgie, und der Humor wird nicht jedem zusagen, aber an dem Hype, den es in den USA gab, ist halbwegs was dran.

7,5 / 10 

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich