BG Kritik:

Hardcore


von Daniel Schinzig

Hardcore Henry (USA/RU, 2016)
Regisseur: Ilya Naishuller
Cast: Sharlto Copley, Danila Kozlovsky, Tim Roth

Story:
Henry erwacht ohne Erinnerung. Seiner linken Körperhälfte fehlen Arm und Bein. Und der Kopf ist, naja, noch nicht so richtig auf dem Körper positioniert. Er ist ein Cyborg, der gerade von einer Frau namens Estelle, seiner früheren Ehefrau, zum ersten Mal aktiviert wurde. Gerade, als es gemeinsam zur Sprachkalibrierung geht, ist es dann auch schon zu Ende mit der Ruhe. Ein Trupp feindlich gesinnter Eindringlinge ballert um sich, ein Fiesling mit übernatürlichen Fähigkeiten will Henry offensichtlich ans Leder. Und Bumm, der Irrsinn beginnt.




Eine Sharlto Copley One-Man-Show, beobachtet durch Cyborgaugen.

Hardcore basiert auf einem beliebten Kurzfilm


Die Idee, einen ganzen Film durch die Augen des Protagonisten zu zeigen, ist alles andere als neu. Da wäre zum Beispiel das derbe Filmexperiment „Enter the Void“, ein unter Drogen gesetzter Kunstfilm, ein Albtraum aus Neonfarben, Brutalität und Sex. Oder auch „Alexandre Ajas Maniac“, in dem wir die blutigen Morde eines Serienkillers aus dessen Sicht miterleben durften. Jetzt also zu sagen, „Hardcore“ würde hier das filmische Rad neu erfinden, ist nicht richtig. Allerdings nutzt der von Timur Bekmambetov („Wächter der Nacht“) produzierte Film die Ego-Perspektive, um Grenzen auszutesten. Sowohl in Hinblick auf Einsatzmöglichkeiten im Action-Genre, als auch in Hinblick auf die Zumutbarkeit von visueller Unruhe auf die Augen und Mägen der Zuschauer.

Um was es Regisseur Ilya Naishuller bei „Hardcore“ geht, macht er von der ersten Sekunde an deutlich: Der Zuschauer soll einen Adrenalinrausch bekommen, soll sich von einer Welle aus irrsinnigen Stunts, übelster Brutalität und wahnwitzigen Einfällen überrollt fühlen. Nach etwa einminütiger Spielzeit beginnt ein Intro, eine Art James-Bond-Vorspann auf Droge, in dem jemand die tanzenden Frauen durch in Slow-Motion ablaufende Exekutionen in Großaufnahme ersetzt hat. Auf der überwiegend rot eingefärbten Kinoleinwand sehen wir, wie Pistolenkugeln durch diverse Körperstellen gleiten und Kehlen mit Messern durchschnitten werden. Eine je nach Blickwinkel ironisch-kunstvolle oder auch geschmacklos gewaltverherrlichende Warnung an alle Turnbeutelvergesser im Publikum. Die Message ist klar: Wer das nicht abkann, sollte den Kinosaal besser verlassen.

Ob nach Hardcore weitere Ich-Perspektiven-Filme folgen?


Denn einen Gang runter schaltet Naishuller auch nach dem Intro nicht. Was wir im Laufe der rund 90 Minuten an gebrochenen Knochen, abgetrennten Gliedmaßen und roter Farbe zu sehen bekommen, ist beachtlich. Und wenn uns ein kaputt gesprengter Kopf entgegenrollt oder unser Henry die Hoden eines Angreifers durch die Boxershorts hindurch zertrümmert, schaut der wortkarge Protagonist auch immer schön hin. Das ist pure „In die Fresse“-Inszenierung. Wer das mag, darf feiern.

Die Action zeichnet sich aber nicht nur durch Blut und Gedärme, sondern auch durch Hektik und Irrsinn aus. Im guten wie im schlechten Sinn. Durch die Ego-Perspektive wirken vor allem die Höhen, nunja, hoch. Schon direkt zu Beginn findet sich Henry, und wir ja irgendwie dann mit ihm, in einer gläsernen Rettungskapsel wieder, die von einem Flugzeug aus im freien Fall gen Erde schießt. Auch ganz ohne 3D: Hier sollte man als Zuschauer schwindelfrei sein. Genauso wie bei diversen Parkour-Einlagen, die so gefilmt in einem Kinofilm ein Novum darstellen. Nimmt Henry dann noch eine oder mehrere Waffen in die Hand, sind Ähnlichkeiten zu einem Ego-Shooter nicht mehr von der Hand zu weisen. Doch Einfallsreichtum bei der dreckigen Choreografie der Shootouts sowie Abwechslungsreichtum in Sachen Umgebung lassen schnell vergessen, dass wir an der ein oder anderen Stelle reflexartig einen Controller in die Hand nehmen wollen. Die Action stimmt also und sorgt manchmal sogar für kleinere „Wow“-Momente. Zumindest zu zwei Dritteln. Schon die Parkour-Sequenzen und Schießereien sind oftmals arg verwackelt und hektisch. Aber allemal noch besser zu ertragen als ein Schnittmassaker à la „Taken 3“. Ein Beinchen stellt sich die gewählte Inszenierung dann aber bei den Schlägereien. Hier erhaschen wir in dem Gewusel aus abrupten Bewegungen und Erdbeben-Kameraführung nur noch ab und an einen flüchtigen Blick auf das, was eigentlich vor sich geht. Klar mag das sogar so gewollt sein und zum Konzept gehören. Wenn aber ein Großteil des Showdowns aus einer Massenprügelei besteht, von der wir kaum etwas mitbekommen, ist das zuviel des Guten und nervt.

Soweit zur Action. Aber bietet „Hardcore“ darüber hinaus noch etwas oder hetzt uns der Film einfach nur von einer Actionszene zur nächsten? Die Antwort lautet schlicht und einfach: Jimmy! Durch einen Story-Kniff darf der vor allem durch „District 9“ bekannte Sharlto Copley so richtig die Sau rauslassen. Der von ihm dargestellte Jimmy taucht in ganz unterschiedlichen Inkarnationen auf und sorgt für Verwirrung, Lacher und einer - ja, ernsthaft! - Musical-Einlage. In diesen Momenten wandelt sich die Action-Orgie zu einer Copley-One-Man-Show. Und das ist verdammt gut und notwendig. Denn ein Film, der durch die Augen eines stummen Protagonisten gezeigt wird, braucht ein Gesicht. Und das liefert Copley so gut, dass er als ein Grund, sich „Hardcore“ anzusehen, genannt werden muss. Die eigentliche Story hinter dem Ganzen ist erwartungsgemäß vernachlässigbar. Zu Gute halten muss man „Hardcore“ aber, dass sich die Transhumanismus-Thematik bis zum Ende durch den Film zieht, es eine paar wenige ultra-kurze Charaktermomente gibt und es im Finale sogar einen recht wirkungsvollen Story-Twist gibt.

Das ist immerhin etwas und ein Michael Bay würde es vermutlich schon als anspruchsvoll ansehen. Auch der Gegenspieler bekommt ein paar nette Momente spendiert.Die Frage nach dem Sinn und der Notwendigkeit der gewählten Inszenierungsart muss jeder für sich selbst beantworten. Fraglos ging es den Machern ohnehin nur darum, krassesten Actionszenen ein Mittendrin-Gefühl zu geben. Ob gewollt oder ungewollt hat die Ego-Ansicht allerdings in manch einer ruhigen Szenen einen gänzlich anderen Effekt: Wann immer uns deutlich gemacht wird, dass Henry ein Cyborg ist, ihm hilflos im sterilen Labor liegend Arm- und Beinprothese angelegt werden oder er sich selbst zwecks Verbesserung aufschneidet, empfinden wir Beklemmung. Das ist zwar nicht gerade ein hochwertiger Kommentar zur Transhumanismus-Debatte. Aber es ist durchaus wirkungsvoll.

Fazit:

Verrückt, brutal, bekloppt und verwackelt: Wer eine spaßige Aneinanderreihung von Actionszenen mit vielen irrsinnigen Ideen und einem Minimum an Handlung sehen möchte, ist hier richtig. Ebenso Fans von Sharlto Copley. Ein starker Magen jedoch ist Pflicht. Sowohl aufgrund des ultrahohen Brutalität-Levels, als auch wegen der hektischen Kameraführung.

6 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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