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KRITIK:

HAUSU


von Christian Westhus

HAUSU (1977)
Regie: Nobuhiko Ôbayashi
Cast: Kimiko Ikegami, Kumiko Ohba, Yôko Minamida

Story:
Die junge Oshare freut sich auf die Sommerferien und auf einen Ausflug mit ihrem Vater. Nach dem Tod der Mutter hat dieser aber eine neue Freundin und Oshare ist damit gar nicht zufrieden. Mit sechs Freundinnen macht sie sich trotzig zum abgelegenen Haus ihrer Tante auf. Doch mit Haus und Tantchen scheint etwas nicht zu stimmen.

Eins der Mädchen heißt Mac,
von stomach

Kritik:
„Hausu“ dürfte Japans Antwort auf Dario Argentos wilden Stil-Horror „Suspiria“ sein. Ebenfalls 1977 erschienen, gerät auch im Klassiker des italienischen Giallos eine junge Frau in die Fänge örtlicher und personaler Entitäten dämonischer Natur. Weil die Japaner aber klischeegetreu immer noch einen draufsetzen und einen stärkeren Hang zu cineastischem Irrsinn haben, wirkt „Suspiria“ im direkten Vergleich wie ein spießiger Sonntagskrimi. „Hausu“ verzichtet auf Spannung und Atmosphäre, setzt dafür mit aller Macht auf hemmungslose Stilexperimente, die man so noch nie gesehen hat und wohl auch nie wieder sehen wird. „Hausu“ hat einen derart bewussten Hang zum Bescheuerten, dass man ihn nur zu leicht als Parodie sehen könnte. Doch der Film funktioniert gut genug, auf seine ganz eigene, völlig aberwitzige Art, als mit Effekten überladene gaga Horror-Komödie.

Dabei beginnt der ganze Quatsch noch gänzlich harmlos. Regisseur Ôbayashi scheint einem Weichzeichnerrausch verfallen zu sein. Der ohnehin schon eklatante 70er Jahre Mief wird in warmen Brauntönen förmlich zelebriert, während der Weichzeichner gar Wunderdinge mit Gesichtern und Örtlichkeiten anstellt. Die erste Viertelstunde erinnert mit Schulmädchenklischees und super seichten Dialogen, die mal schmalzig, mal hemmungslos mädchenhaft naiv sind, noch ganz bewusst an eine japanische 70er Jahre Soap. Die Mädchen kichern und quatschen, bis Oshare Papas Neue kennen lernt und erst mal über Fotos der toten Mutter grübelt, was sie von der Neuen hält. Die Neue scheint ständig umgeben von einem eigenen Wind, der ihren Seidenschal um ihren Hals wehen lässt, während im Hintergrund ein wunderbar greller Technicolor Spätabendhimmel zu sehen ist, der natürlich ganz offensichtlich gemalt ist. Ôbayashi, der sich die „Geschichte“ ausgedacht hat, und Drehbuchautor Chiho Katsura sind sich wohl jederzeit bewusst, dass dieses hemmungslose Stil-Chaos niemand ernst nehmen kann. Schon die Mädchen tragen einfallslos charakterisierende Namen, die in jedem anderen Film nur für Kopfschütteln sorgen würden. Hier ist es amüsiertes Kopfschütteln und genau das war der Sinn. So heißt die Kämpferin der Gruppe origineller Weise Kungfu, die musikalisch Begabte heißt Melody und die etwas dickliche wird Mac genannt. Noch im Film wird gaaaanz subtil erklärt, dass sich das auf das englische Wort „stomach“ bezieht.

???

Die Mädels machen sich also auf zum Haus der Tante, die Oshares Mutter sehr nahe stand und seit langer Zeit alleine lebt. Aus dubiosen Gründen macht sich auch ein Lehrer auf zum Haus, sowie die Freundin von Oshares Papi. Aus noch dubioseren Gründen brauchen beide jedoch unglaublich lange dafür. Für die Mädels geht es in den Zug und während sie an einer kunterbunten Landschaft, die wohl mit Buntstiften gezeichnet wurde, vorbei fahren, schauen sie sich Fotos an, die jedoch tatsächlich ein Film sind, der kommentiert wird. Darauf muss man sich einstellen: Filmische Regeln sind hier komplett hinfällig. Der Foto-Film entrollt sich mit sichtbaren Filmstreifen vor unseren Augen, während die Mädchen einzelne Fotos in der Hand halten. Das macht Sinn. Irgendwie. Ebenfalls mit dabei eine unheimliche weiße Katze, die immer im entscheidenden Moment auftaucht und eigentlich der Tante gehört. Dass die Mädchen komplette Nullchecker sind, ist da fast genregetreu und konsequent.

Die erste halbe Stunde zieht sich ein wenig, auch wenn der bewusst übertriebene Soap-Charakter durchaus amüsiert. Der Humor ist hier zumeist reichlich offensichtlich, komplett absurd und irgendwie ziemlich albern. Das ändert sich natürlich auch nicht im Haus der Tante, dafür beginnt nun der eigentliche Film und Ôbayashi lässt keinen Stein auf dem anderen. Mit der Ankunft am Haus fackelt er ein Effektfeuerwerk ab, das den Film nicht unbedingt temporeicher macht, dafür aber unterhaltsamer. Jedes Bild, jede Szene ist irgendwie mit unbeschreiblichen Effekten verzerrt, die man heutzutage mit MS Paint wohl auch bewerkstelligen könnte. Lochblenden lenken immer wieder den Fokus auf die ganz doll wichtigen Dinge und Gesten, während ein sprechendes Gesicht übergroß in der Mitte des Bildausschnitts prangt, während die dazugehörigen Körper dahinter halb verdeckt werden. Prismeneffekte, Farbspiralen, urige Kameraperspektiven, wirre Schnitte und noch mehr. Und dabei hat das Chaos gerade erst angefangen. Während die Mädels aus unerklärten Gründen ausschließlich kochen und putzen wollen, lässt die Tante schnell erkennen, welche Absichten sie verfolgt. So klettert sie auch schon mal kommentarlos in den Kühlschrank, um an einer anderen Stelle wieder hervorzutreten und direkt in die Kamera zu zwinkern.

Das erste Mädchen beißt schnell ins Gras und als fliegender Schädel einem anderen Mädchen in den Hintern. Ganz genau. Alles nur Einbildung, meint der Rest, und die Vermisste ist eben nur sehr spät dran. Nun gibt es kein Halten mehr. Ôbayashi legt die letzten kläglichen Reste falscher Bescheidenheit ab und feuert aus allen Rohren. Die Qualität der Effekte reicht da von ordentlich (der Schädel), bis zu absolut grottenübel (tanzende Leichenteile auf dem Klavier). Oshare nimmt Kontakt mit ihrer Mutter auf, während die anderen Mädchen sich gegen wild gewordene Matratzen, tückische Holzscheite und gefräßige Musikinstrumente zur Wehr setzen. Das Prinzip des „Haunted House“ wird hier mit überbordendem Einfallsreichtum wörtlich genommen, während die bösen Mächte die Hauptfigur in einer völlig irren Spiegelszene bedrohen. Den bunten, auf herrliche Weise idiotischen Kram muss man quasi selbst gesehen haben. Immer wieder gespickt mit wunderbar albernen Dialogszenen, der sich ewig wiederholenden Gruselmusik und der allgemein künstlichen Schauspielart aller Beteiligten. Die Katze liefert die mit Abstand beste Rolle im Film ab. Neonlinien tanzen über den Bildschirm, während Körperteile umherfliegen, die Musik dröhnt, die Mädchen kreischen und das Haus selbständig alle Fenster schließt.

Ôbayashi schafft es sogar, in dieses grelle Chaos gleich mehrere Nacktszenen zu packen, von denen – ebenfalls dem Genre entsprechend – eine unlogischer und dämlicher ist als die andere. Aber wirklich Sinn macht in dem Film eh nicht viel, aber es macht höllisch Laune und das ist ja irgendwie doch ein Sinn. Es tanzen die Skelette, ein Mann verwandelt sich logischerweise in einen Haufen Bananen und die Einrichtung des Hauses verhält sich weiterhin wie mörderisches Dämonenwerk auf Crack. Warum? Einfach so. Und das Finale toppt den grandiosen Hirnkäse erneut. Wie beschreibt man die Übersteigerung des Unbeschreiblichen? Am besten gar nicht. Es geht die Post ab und weiter wird fröhlich und selbstbewusst auf alles geschissen, was sich so „Regel“ schimpft. Bis hin zu den grandiosen, einfallsreichen und herrlich albernen End-Credits, ist „Hausu“ eine kaum zu fassende Achterbahnfahrt in einen völlig übertriebenen, überstilisierten Gaga-Irrsinn, der so eigentlich nur aus Japan kommen konnte.


Fazit:
Wild, überstilisiert und nicht ganz dicht. „Hausu“ ist ein Effekt- und Farbenrausch, der einzigartig ist. Eigentlich nicht zu bewerten und als Grenzen sprengende Seherfahrung ein absoluter Volltreffer. Als zum Scheitern verurteilter Versuch einer rationalen Betrachtung und Bewertung:

7 / 10

 


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