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Kritik:
Die Haut, in der ich wohne


von Christian Westhus

DIE HAUT, IN DER ICH WOHNE (La piel que habito2011)
Regie: Pedro Almodóvar
Cast: Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes

Story:
Der plastische Chirurg Robert Ledgard (Banderas) widmet sich nach einschneidenden privaten Erlebnissen der Hautrekonstruktion. Er entwickelt eine nahezu unzerstörbare Haut, die er heimlich an der mysteriösen Vera testet, welche in Ledgards Anwesen gefangen gehalten wird. In der Vergangenheit liegt der Schlüssel zum Geheimnis zu Roberts Forschung, bei seiner Frau, seiner Tochter und einem jungen Mann.

Kritik:
„No hay banda!“ – Es gibt keine Band. Der knuffige Varieté-Zampano in David Lynchs „Mulholland Drive“ führt dem Zuschauer die Tücken und Möglichkeiten der Wahrnehmung vor. Alles ist eine große Täuschung. In gewisser Weise spielt auch der neue Film der spanischen Regie-Ikone Pedro Almodóvar mit der verzerrten Wahrnehmung, mit dem Drang des Zuschauers, die Puzzle-Teile vorschnell nach bekannten Mustern zusammensetzen zu wollen, sich von den filmischen Mitteln hinters Licht führen zu lassen. Die eher freie Adaption von Thierry Jonquets Roman „Tarantula“ führt Almodóvar über 20 Jahre nach „Fessle mich!“ wieder mit Antonio Banderas zusammen, für den es nach zu vielen gestiefelten Katern und wenig beachteten Filmen eine spürbare Erlösung ist, endlich wieder handfestes Material vorgesetzt zu bekommen, sich auf einen vertrauten und kreativen Regisseur verlassen zu können. Almodóvar wagt sich jedoch auf ungewohnt finsteres Terrain, mit diesem eiskalten Thriller, unter dem doch das leidenschaftlich-melodramatische Herz seines Regisseurs pocht. Er war schon schriller, schon ausgeflippter, aber so düster war er mindestens seit „Fessle mich!“ nicht mehr, so böse vielleicht noch nie. Was zunächst wie die leicht übersexualisierte Version von George Franjus Klassiker „Augen ohne Gesicht“ anmutet, entfaltet sich mit zunehmender Laufzeit zu einem doppelbödig bösen und – typisch Almodóvar – perversen Konstrukt. 

„Die Haut, in der ich wohne“ ist ein faszinierendes Scharade-Spiel, das seine Zeit braucht. Die erste Dreiviertelstunde zieht sich eine Weile, ehe sie wirklich ins Rollen kommt. Hier wird die Saat ausgeworfen, die nach einem narrativen Eingriff zu unheilvoll durchtriebenen Pflanzen gewachsen sind. Die Wahrnehmung des Zuschauers steht Kopf und allein für dieses Gefühl der Unsicherheit und Orientierungslosigkeit lohnt sich der Film schon. Er macht es dadurch aber auch äußerst schwer, länger über ihn zu sprechen, ohne das böse Spiel schon im Ansatz zu enttarnen. Ja, vielleicht bewirkt die Warnung vor der Täuschung schon frühzeitige Alarmbereitschaft und den verfrühten Drang, alles in Frage zu stellen. Doch am Anfang ist alles genau das, was es zu sein scheint und letztendlich auch ist.

Banderas als plastischer Chirurg Robert Ledgard lebt zurückgezogen in einem wunderbar verwachsenen Anwesen, eine Fusion aus Wohnhaus, Klinik und Labor mit wunderbarer Gartenanlage. In Robert brodelt es subtil und von tiefem Schmerz durchdrungen hinter der kühlen Fassade des brillanten Forschers. Seine neue Super-Haut soll zum Beispiel Brandopfern helfen und vor der Verbreitung durch Insekten übertragener Krankheiten schützen. Nur – passend zum jüngsten Beschluss der deutschen Ethikkommission in der Realität – mit Menschen soll auf Gen-Basis bitte nicht rumexperimentiert werden. Ledgards heimliches Forschungsobjekt ist Vera, die im hautfarbenem Ganzkörperanzug in einem Zimmer im Anwesen haust und permanent videoüberwacht wird. Und wie in besten Zeiten zelebriert Almodóvar den perfekten Luxuskörper von Elena Anaya, die sich schon im unterschätzten „Room in Rome“ äußerst freizügig gab. Ein großartiges Bild, wie Ledgard per übergroßem Bildschirm auf Tuchfühlung geht und die makellose Schönheit seiner Schöpfung aufsaugt. Und die gefangene Vera gibt sich wechselseitig zwischen Sehnsucht nach der Außenwelt und Leidenschaft für ihren Entführer und Chirurgen – eine typische Almodóvar Frauenfigur. Banderas überzeugt schon auf ganzer Linie, aber es ist Elena Anaya, die optisch und darstellerisch herausragt und mit zunehmender Spieldauer die Dimensionen ihrer Figur belebt. 

Mit dem narrativen Einschnitt ist Almodóvar dann voll in seinem Element und der Film steuert inszenierungsstark und ungemein faszinierend auf ein Finale zu, das wie die Rückkehr zum alten, melodramatisch-schrillen Almodóvar wirkt. Ich bin immer noch der Alte, scheint er sagen zu wollen. Abgesehen von ein paar brutalen Szenen und der bösen Grundhaltung ist auch alles beim Alten. Vor und hinter der Kamera. Almodóvar der Maestro der Farben, in einer einmal mehr fantastischen Ausstattung, mit dem geradlinig hypermodernen Labor und dem leidenschaftlichen Ambiente des Anwesens. Alberto Iglesias liefert als Komponist den Hauptteil einer stimmungsvoll markanten Klangkulisse, die Kostüme sind typisch spanisch vollweiblich, und die visuelle Inszenierung ist auf gewohnt hohem Niveau. Wenn überhaupt hakt es an der Struktur, mit der etwas spannungsarmen Einleitung, so wie ein paar teils offenen Enden und Zeit- bzw. Perspektivwechseln zu viel. Über dem schrillen Mix der Stimmungen schwebt zudem die generelle Gefahr eines logischen Fauxpas, doch selbst den braucht man nicht überbewerten. Der Thriller-Almodóvar fasziniert und zeugt von einem Macher, der noch nicht müde ist, sich selbst neu auszuprobieren. Nicht der beste seiner Filme, aber der markanteste seit „Sprich mit ihr“.

Fazit:
Pedro Almodóvar kann es noch. Der eigentümliche Thriller mit bösem Kern braucht eine Weile, doch dann wird er zu einem visuell und darstellerisch starken Spiel um Liebe, Leidenschaft und verzerrte Wahrnehmung. Lohnenswert.

8 / 10

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