BG Kritik:

Her


von Christian Westhus

Her(USA 2014)
Regisseur: Spike Jonze
Cast: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Scarlett Johansson (US)/Luise Helm (D)

Story:
Theodore (Phoenix) arbeitet in einer Firma, die sehr emotionale Briefe verfasst, doch Theodores eigenes Leben ist trist und einsam, seit seine Frau (Mara) die Scheidung eingereicht hat. Theodores Leben und seine Selbstwahrnehmung ändern sich, als er ein neues Betriebssystem für seine technologischen Geräte bekommt. Das futuristische Operating System hat ein lernfähiges und eigenständig denkendes Bewusstsein namens Samantha und bald schon verliebt sich Samantha in Theodore und er in sie.

Vier von vier. Der ehemalige Musikvideoregisseur, Skateboarder und „Jackass“ Mitproduzent Spike Jonze drehte mit „Her“ erst seinen vierten Spielfilm und liefert zum vierten Mal ein Wunderwerk ab, das man nur deshalb noch nicht Meisterwerk nennt, weil es noch so blutjung ist. Womöglich setzt sich „Her“ in einer Filmographie mit „Being John Malkovich“, „Adaption.“ und „Wo die wilden Kerle wohnen“ sogar die Krone auf, so unwiderstehlich, emotional und faszinierend ist dieser filmische Blick auf Technologie, Liebe und Sozialleben in unserer unmittelbaren Nahzukunft.

Für das Drehbuch bekam Autor und Regisseur Spike Jonze den Oscar


Das erstmalig auf einem komplett eigenen Drehbuch von Jonze basierende Werk zeigt uns eine Zukunft, die eigentlich schon direkt vor unserer Tür steht. Es ist eine vernetzte Welt, in der mobile Sprach- und Bildgeräte Menschen verbinden und gleichzeitig voneinander abschotten, wenn sie in ihrer eigenen „Smartphone-Welt“ durch die Welt marschieren und nicht erkennen wer neben ihnen läuft, da sie Augen und Ohren nur auf das Kommunikationsgerät gerichtet haben. Das in Shanghai gedrehte Hybrid-Kalifornien des Films wirkt entspannt, sonnig und gleichzeitig kühl und distanziert. Was iPhone Nutzer bereits kennen und liebevoll Siri nennen, ist die Vorstufe dessen, was die Betriebssysteme dieser Nahzukunft können. Theodore ist introvertiert und einsam, ein bisschen verschroben, obwohl ihm eine gute Freundin (Amy Adams) mit Rat und Tat zur Seite steht. Erst als Theodore, spontan zum Kauf bewogen, das neue Operating System für seine vielen vernetzten Geräte installiert, ändert sich sein Leben.

Durch einen kurzen Persönlichkeitstest wird das Bewusstsein des OS auf den Benutzer angepasst. Danach agiert und reagiert Samantha eigenständig, zunächst ihrem Nutzer Theodore stets zu Diensten, ehe sie eigene Gefühle und Interessen entwickelt und dabei neue Gefühle und Interesse in Theodore weckt. Aus einem Dienstleistungsverhältnis der besonderen Art wird freundschaftliche Zuneigung und wird schließlich Liebe zwischen einem Mann und einem körperlosen, künstlich erschaffenen Geist in der Maschine. Was wie verkopft-komplizierte Sci-Fi Spielerei klingt, wird von Jonze und seinem Team unaufdringlich, unverkrampft und jederzeit nachvollziehbar beschrieben. Die Welt in „Her“ ist kaum einen ganzen Schritt weiter, als wir es heute sind. Wer sich im Internet herumtreibt und ein modernes Handy besitzt, dem werden Bildschirme, Methoden der Kontaktaufnahme, Videospiele, Informationsbeschaffung oder fremd verfasste hochpersönliche Briefe auf die eine oder andere Art sehr bekannt vorkommen. Ausstattung und Kostümdesign wirken auf den ersten Blick vertraut, nur im Detail einen Schritt poppiger, futuristischer, als moderne und designorientierte Menschen heute schon unterwegs sind.

Während der Dreharbeiten sprach Samantha Morton das OS. Daher der Name.


Mehr noch als der inhaltlich und emotional nächste Verwandte, „Vergiss mein nicht“ mit Jim Carrey und Kate Winslet, macht „Her“ das technologische Sci-Fi Element der Handlung zu einem Kernpunkt der Geschichte. Über Samantha erhalten wir einen Blick auf uns, auf dieses so unklar definierte Gefühl ein Mensch zu sein. Samantha ist neugierig, will verstehen was es heißt zu leben, was heißt zu lieben, egal ob geistig oder körperlich. Theodore ist das zunächst konträre Gegenüber. Ein Mann, der sich durch den erlittenen Seelenschmerz in sich und seine technologischen Annehmlichkeiten zurückgezogen hat, obwohl tief in ihm drin noch immer der Wunsch aufflammt, frei und intensiv zu leben und zu lieben. Samantha scheint ihm das zu erfüllen. Dass sich Theodore in eine körperlose Quasi-Frau verliebt, deren oberste Direktive es zunächst ist, ihm zu nutzen, dass Theodore sich ihr anvertraut und mit ihren neuen, neugierigen Quasi-Augen die Welt neu kennen lernen will, ist eine so spannende wie emotionale und gleichzeitig wunderbar unterhaltsame Reise.

Diese Reise erleben wir durch Joaquin Phoenix, der abermals eine fantastische Leistung abliefert und den wir schon lange nicht mehr derart unverkrampft und im positiven Sinne alltäglich gesehen haben. Man spürt Theodores Verlangen, aber auch seine Frustration und seine eigenen Probleme. Theodore ist nicht einfach ein Opfer der modernen Welt, er hat seine ganz eigenen Fehler, seine Launen und egoistischen Ticks, die mit dafür verantwortlich sind, dass er aktuell da steht, wo er steht. Phoenix ist wunderbar, Amy Adams eine angenehm warmherzige Nebenfigur mit der genau richtig taxierten eigenen Geschichte, um lebendig zu wirken, ohne die Haupthandlung zu überlagern. Die Nebenfiguren sind durch die Bank weg großartig, sei es Chris Pratt als Arbeitskollege, Rooney Mara als Ex-Frau, oder Olivia Wilde und Portia Doubleday als mögliche Alternativen in Theodores Liebesleben. Doch die außergewöhnlichste Rolle obliegt Scarlett Johansson bzw. ihrer deutschen Synchronsprecherin Luise Helm, die nur über ihre Stimme – und das grandiose Drehbuch – einen gänzlich eigenständigen, dreidimensionalen Charakter ohne Körper erschaffen. Denn „Her“ ist nicht nur die Geschichte von Theodore, sondern auch ganz explizit „about her“. Die Geschichte der künstlichen Intelligenz namens Samantha, die mit jedem Tag mehr lernt, mit jedem Tag menschlicher wird, die Emotionen erforscht, neue Gedanken entwickelt und als entkörperlichte Cyber-Entität ganz eigene Möglichkeiten hat, ihren Horizont zu erweitern. Und doch ist „Her“ im Kern eine Liebesgeschichte. Eine so romantische, mit- und herzzerreißende Liebesgeschichte, wie sie das Kino schon lange nicht mehr gesehen hat.

Fazit:

Spike Jonzes ungewöhnliche Sci-Fi-Romanze steht kurz vorm „Meisterwerk“ Status. Die Liebe zwischen einem Mann und einem Betriebssystem ist mehr, als nur eine lustige Techno-Spielerei. Emotional fesselnd und dabei ein augenöffnender Blick auf uns Menschen als fühlende Wesen und als vermeintlich vernetzte Gesellschaft.

9 / 10
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