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Kritik:
High Frame Rate
48 Frames-per-second 3D
(HFR 3D)


von Christian Mester

Ein revolutionärer neuer Schritt soll es sein, ein Meilenstein wie vom Stumm- zum Ton-, oder vom Schwarz-/Weiß- zum Farbfilm: eine technische Innovation, die unser Filmempfinden nachhaltig für immer verändern und verbessern soll: das ominöse High Frame Rate (HFR) 48 Frames-per-Second (fps, steht für Bilder-pro-Sekunde) 3D, jetzt erstmals in wenigen ausgesuchten Kinos testbar mit Peter Jacksons ersten Teil des Hobbits.

Wofür überhaupt neues 3D?
Nun gab es doch schon 3D, das unter anderem Avatar zum erfolgreichsten Film aller Zeiten machte... wieso überhaupt neues bringen? Der Punkt ist, dass nicht jeder Kinogänger Fan von gewöhnlichem 3D ist, oder sein kann. Mal abgesehen davon, dass es maßgebliche Unterschiede zwischen 3D-Filmen und -Kinos gibt - sei es, ob direkt in 3D gedreht oder nur lieblos nach- konvertiert, sei es, ob die Projektion auch korrekt eingestellt ist (ist sie oft nämlich nicht, häufig ist das Bild zu dunkel oder das Bild nicht perfekt ausgerichtet) - kommt noch hinzu, dass viele Leute aktuelles 3D als nicht besonders angenehm empfinden. Für viele, insbesondere mit Brille oder Kontaktlinsen, ist das Sehen eines 3D-Films anstrengend oder führt bei ihnen zu Kopfschmerzen. Das gibt man sich ein-, zweimal - dann lässt man es bleiben und bleibt bei 2D, oder, wenn er nur in 3D läuft, zuhause
. Weil Tickets zu 3D-Filmen aber teurer, und damit lukrativer sind (Note: The Dark Knight Rises hatte so viele Zuschauer wie Marvel's The Avengers, doch weil letzterer in 3D kam, spielte der ein Drittel mehr ein, das waren dann mal eben 1.5 Mrd. Umsatz statt "nur" 1 Mrd.), ist das Ziel der Kinos und Studios natürlich, möglichst viele Leute in 3D-Filme zu bekommen. Und das geht für die Wehklagenden nur, macht man es ihnen angenehmer, was das neue 3D ermöglicht.

So funktioniert's
Normale Filme laufen mit 24 fps ab; was das HFR 48 fps nun macht, ist die Bildwiederholrate zu verdoppeln, auf 48 fps. PC-Gamer kennen dies von Spielen: sind die Grafikeinstellungen zu hoch oder die Hardware zu schwach, gibt es in Spielen eine niedrige Bildwiederholrate. Der Effekt? Es läuft nicht ganz flüssig. Erst bei 24-30 fps empfindet man ein Spiel als "spielbar" gut. Höhere Bildwiederholrate macht es angenehmer, erst bei durchschnittlich 60 fps ist dann alles absolut flüssig. Normale Filme laufen nun mit 24 fps, wodurch das Bild durchaus ein klein wenig ruckelt. Wir empfinden dies bei Filmen aber nicht als falsch, da es unter anderem dazu beiträgt, den typischen Filmlook zu schaffen, der sich spürbar von Live-Aufnahmen aus dem Fernsehen oder eigens getätigten Aufnahmen mit dem iPhone unterscheidet. Während Technikbegeisterte dem HFR 3D mit großer Neugier entgegen sahen, graute es vielen Filmfans vor dem Umschwung... denn den typischen Filmlook empfand in den letzten 50 Jahren schließlich niemand als "falsch", das gehörte prinzipiell dazu. Man durfte also befürchten, dass HFR 3D - nur, um an den Kassen mehr Cash machen zu können - typischen Filmlook verändern... vertreiben könnte. Nach ersten Pressevorführungen, in denen die US-Presse das HFR 3D massivst kritisierte, lief der Hobbit nun wenig mutig nur in vereinzelten Kinos im neuen Format an... doch wie ist es letztendlich geworden, wie fühlt sich das HFR 3D an?

Atemberaubende Schärfen...
Das Bild ist erstmal weitaus schärfer. In den ersten Minuten des Hobbits fällt direkt auf, dass das gesamte Filmbild detaillierter und damit beeindruckender ausschaut, was gerade bei einem so prächtig gefilmten Film wie dem Hobbit sehr zur Geltung kommt. Sieht man Charaktere, so sieht man jede einzelne Hautpore an ihnen; absolut beeindruckend sind sämtliche Panorama-Aufnahmen, etwa, wenn die Zwerge an einem Berghang stehen und ins weite Bruchtal sehen. Atemberaubend. Was ebenfalls davon profitiert? Die künstlichen Figuren, etwa, der bleiche Orkanführer Azok der Schänder auf seinem Wolfswarg, oder Gollum. Sie wirken dadurch wesentlich echter und der 3D Effekt ist ein anderer: anstatt einfach nur auf einer neuen Ebene hervorzupoppen, wirken sie plastisch und greifbar. Auch ist das Empfinden in der Tat ein wesentlich angenehmeres - die Bilder sind immer weich, das Auge muss sich nicht ständig umgewöhnen, man empfindet es als flüssig und könnte Stunden am Stück sehen. An einigen Stellen fällt der neue Look auch gar nicht mal so sehr ins Gewicht, sodass es sich doch nicht besonders vom normalen Filmlook unterscheiden mag.

...scharf zu krisitieren
Leider lässt sich das 3D trotz der vielen Vorteile nicht restlos loben - es so ist schlichtweg noch nicht ausgereift genug. Wie gesagt ist der neue Look vielmals völlig akzeptabel, doch in vielen anderen Momenten eben nicht, und dann so gar nicht. Durch die Klarheit und die fehlende Bewegungsunschärfe sieht es manchmal aus, als sei man nicht im Film, sondern in einer typischen Making-Of Doku, in der jemand durch das Set führt. Wirkung? Die Sets sehen wie eben solche aus: wie Sets, die Kostüme wie Kostüme, und selbst aufwendigst umgesetzte Elemente erscheinen fake, die Umgebungen unecht, was es deutlich erschwert sich in den Film hineinzuversetzen. Dann ist es plötzlich nicht Gandalf im Elbensteinkreis mit Bruchtal dahinter, sondern Ian McKellen im Gandalf-Cosplay, der von Pappsteinsäulen umgeben ist, dahinter, Leinwände mit Bruchtalaufnahmen. Egal wie gut die Effekte seien mögen, unsere Augen sind einfach zu gut darin, zwischen echt und unecht zu unterscheiden, weil wir echt halt kennen - das wird erbarmungslos mit unserem echt verglichen. Nimmt man einen gewöhnlichen Film wahr, vergleichen wir weniger stark, und können uns eher in magische Welten versetzt fühlen. Egal wie gut und authentisch Mittelalterfeste im Sommer sein mögen, Film besitzt eine andere Echtheit - und die nimmt dieses HFR 3D mitunter. 

5000 Watt Bass Machine
Das ist aber noch nicht einmal der größte Kritikpunkt am neuen Format, denn was das HFR auch noch mit sich bringt, sind... überschnelle Bewegungen. Direkt zu Anfang in Beutelsend darf man sich bereits getrost rätselnd am Kopf kratzen, wenn der alte Bilbo scheinbar mit 1.5fächer Geschwindigkeit durch sein Haus trippelt - ala Benny Hill. Da muss doch irgendwas falsch sein, das sieht doch verrückt aus, wieso merkt das denn keiner, das ist doch eher was für Gabba-Gandalf mag man meinen... aber da ist nichts falsch, das ist genau so, und so beabsichtigt. Noch so, vielleicht ändert sich das, aber bis zum Ende des rund 3 Stunden langen Hobbits darf man immer wieder überschnelle Bewegungen erleben, die unfreiwillig komisch ausehen. In diesem Film ist es noch nicht so schlimm da es viele statische Szenen gibt, in denen Leute nur herumstehen und sich unterhalten, aber für jegliche dynamischere Szenen ist es unpraktikabel.

Download: hier kann man sich ein recht gutes Beispiel ansehen, wie das mit den überschnellen Bewegungen im Film ausschaut

Fazit:

Der Karren steckt also weiterhin gehörig im Sand, denn wenn der Preis für schärferes und angenehmeres 3D-Bild albern schnelle Bewegungen und fake aussehende Sets sind, kann man sich das Experiment so noch getrost sparen, bzw., es als unfertig betrachten. Es ist kein Disaster, und immerhin nicht der befürchtete große Empfindungsumschwung - HFR 3D wird normales Kino nicht altbacken aussehen lassen und keine Jugend heranziehen, die einen Jurassic Park nicht mehr sehen wollen, aber ist aktuell auch noch nichts, was freudig jubeln ließe. Hoffentlich macht sich ein James Cameron viele Notizen, denn für seinen für 2015 geplanten Avatar 2 schweben ihm sogar 60 Bilder-pro-Sekunde vor - hieße das, noch schnellere Bewegungen und noch unechter aussehende Sets? Glücklicherweise ist Cameron ein absoluter Technikfreak und Perfektionist, der wenn, nur bestmöglichstes liefern wird. Interessant wird dennoch sein, wie viele unfertige HFR Erlebnisse wie dieses es bis dahin noch geben wird...

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